Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 28 (12.12.1919)
- Date
- 1919-12-12
- Page
- Seite 316 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3947615-6435923-6437064--0344-3947931- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
mmiism . tasmsTgmamafiwmsr. Cdocbenrchau. Tatsachen und Ergebnisse. Deutschland. Berlin. Auf eine Anfrage des Vorsitzenden des Bürgcrrats von Groß-Berlin, wie sich der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu dem auffallenden überwiegen jüdischer Elemente in der Führung der kommunistischen Bewegung stelle, ist, wie der „Bund", das Nachrichtenblatt des Bürgerrats von Groß-Berlin, mitteilt, eine Slntwort eingcgangen, in der es heißt, „daß der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der mehr als 200 000 deutsche Juden vertritt, grundsätzlich auf dem Standpunkt steht, daß seine Mitglieder national-deutsch , orientiert sind. In den über 25 Jahren seickes Bestehens äat der Zentralverein im besten Sinne des Wortes nationale tolitik getrieben, indem er entsprechend der Vorschrift des 1 seiner Satzungen seine Mitglieder in der unbcirrten Pflege deutscher Gesinnung bestärkte. Ein ausdrückliches Abrücken von dem Bolschewismus erscheint ihm ebenso unwürdig, als wenn man vom Volksverein für das katholische Deutschland oder vom Evangelischen Bund ein Abrücken von dieser Bewegung verlangen würde. Der Zentralverein hat oft genug erklärt, daß sich die jüdischen Deutschen jede Vermengung mit bolschewistischen Elementen verbitten, Sleichviel, ob diese Juden oder Nichtjuden sind!" (Frankrrter Zeitung.) ' Berlin. In der Preußischen Landesversammlung gab am vorletzten Dienstag der demokratische Abg. Friedberg einen Brief des deutschnationalen Führers Hergt bekannt. Ein jüdisches Mitglied der deutschnational-antisemitischen Parteiorganisation hatte sich beim Parteivorstand zweimal darüber beschivert, daß die Partei eine so „unklare" Haltung gegenüber dem Antisemitismus einnehme. Darauf erwiderte Hergt, daß bei der gegenwärtigen Lage eine Änderung des Parteistandpunktes nichts durchgesetzt werden könne, aber die jüdischen Parteimitglieder sollten nur dKch ihre Haltung, ihr Auftreten und namentlich durch Opfer der Partei ihren Wert beweisen. Es wäre besier, statt sich zu beschweren, praktische Beweise der Hingabe an die deutschnatioyalc Sache zu liefern. — Also das jüdische Geld ist willkornmen. Friedberg (Hessen). Der Direktor der hiesigen Städtischen Polytechnisckren Lehranstalt Michcnfelder hat am „Schwarzen Brett^ folgendes bekannt gemacht: „Zum wiederholten Male sind heute Zettel antisemitischen Charakters in den Räumen unserer Anstal angeklebt worden. Verstößt die unbefugte Anbringung der Zettel an sich schon gegen das generelle Verbot eigenmächtiger Anschläge, so hat man in dem vorliegenden Falle eine Betätigung unreifer Elemente ^vor sich, die die uns so nötige Ruhe und Ordnung und ein friedliches Zusammenarbeiten ernstlich gefährden. Ich bitte deshalb alle Studierenden Dringend, dazu beizutragen, daß ■ eine solche Störung oder ein Versuch hierzu, sich bei uns nicht wiederholt. Im Falle einer Wiederholung sehe ich mich gezwungen, gegen diejenigen, die' ihre verhetzerische Tätigkeit gegen politisch oder religiös Andersdenkende auch bei uns glauben ausüben zu können, mit der sofortigen Aus- . Weisung vorzugehen." Königsberg. Herr Fabrikbesitzer Max Keller hier hat in Gemeinschaft mit seiner Gattin dem Schwesternbunde der hiesigen Kantloge eine Schenkung von 50 000 Mark zun^ Erwerb eines eigenen Grundstückes für ein Ferienheim zugewiesen. München., Die lebhafte antisemitische Propaganda, die in der letzten Zeit in München durch Maueranschläge usw. betrieben wird,! veranlaßt« die israelitische Kultusgemeinde sowie den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zü einer Vorstellung bei der Polizeidirektion. Di«. Behörde sicherte der Abordnung zu. daß sie unter keinen Umständen Gewalttätigkeiten dulden werde. Danzig. Auch hierwjrd die neue Ära der Freistadt Danzig durch antisemitische Exzesse «ingeleitet. Die schmutzigsten Flugblätter und Zettel gelangen zur Verteilung. Man. cherseits wird behauptet, daß die Polizei, die übrigens von einem Sozialdemokraten geleitet wird/die antisemitischen Plakatkundgrbungen schütze. Österreich. Wien. Eine Gesellschaft zur Erforschung und Förderung jüdischer Musik wurde in Wien ins Heben gerufen. Die Gesellschaft verfolgt «in rein wissenschaftliches Ziel, das der musikhistorischen Erforschung der vorliegenden Dokument« jüdischer Musikpflege seit den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, und ein kulturelles, die Förderung lebender Künstler, die schaffend tobet ausübend mit der Pflege jüdischer Musik beschäftigt sind, sowie von Korporationen mit gleichen Zielen. ' - Wien. Zum dritten Male veranstalteten 200—300 deutsch-nationale Studenten vormittags auf dem Franz- Josef-Kai einen sogenannten „Antisemitenbummel, belästigten und beschimpften die jüdischen und jüdisch aussehenden Passanten. Zur selben Zeit sammelten sich hundert lunge Juden auf der anderen Kai-Sejte an, um gegebenenfalls die Juden vor Tätlichkeiten zu schützen. Nach einstündiger Dauer wurde dem Bummel von der erscheinenden Schutzwache ein Ende bereitet. Auch die nach der Leopoldstadt führenden Brücken waren von einem starken Aufgebot Polizei und Stadtschutzwache bewacht, um den Demonstranten den Weg in die Leopoldstadt zu verwehren. Polen. Warschau. Das Sonntagsruhegesetz sieht für die Juden nur das Recht vor, hinter geschlossenen Türen, also ohne Verkaufsmöglichkeit, Sonntags zu arbeiten. Die Straßenhändler dürfen, sofern es die Kommune gestattet, ihre Verkaufsstände am Sonntag fünf Stunden offen halten. Wilna. Im Wilnaer Stadtrat haben die jüdischen Ratmänner Protest dagegen eingelegt, daß im Gegensätze zur Abnahme der Bevölkerung das Stadtrayon fast um das Dreifache vergrößert wurde. Der Zweck dieser künstlichen Ausdehnung sei nur, die Juden in die Minderheit zu setzen. Auch sonst waren alle Maßnahmen darauf berechnet, daß die Juden, die die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, nur etwa 10 000 Wähler stellen konnten und demgemäß nur 14 jüdische Mandate gegen 34 polnische durchgingen. Wien. Der „Kurjer Zageblia" bringt an der Hand authentischen Berichtes eine Darstellung über die polnischjüdischen Verhältnisse in Galizien. In diesem Bericht heißt cs: Eine blutige Welle von Pogromen überflutete Polen. Derjenige irrt sich jedoch, der glaubt, daß sich die Lage der Juden in Polen gebessert hätte. Die Verfolgungen und die Bedrückungen nehmen kein Ende. Pogrome werden vdrläufig nicht veranstaltet, dagegen werden die Juden auf Schritt und Tritt boykottiert. Dieser Boykott wurde durch die polnische Regierung organisiert und planmäßig und siegreich durchgeführt. In einer ganzen Reihe Ortschaften wurde den Bauern verboten, ihre Erzeugnisse an die Juden zu verkaufen. In Städten und Flecken entzieht man den Juden die Lizenzen zum Verkauf von Salz; dieselben Maßnahmen werden auch bei den Händlern angewandt. Der jüdische Handel wird planmäßig vernichtet. Den jüdischen Kaufleuten erteilt man keine Genehmigung zur Einfuhr von Waren. In Przemysl wurde ein Boykott der jüdischen Buchhandlungen vorgenommen. Besonders schlecht ergeht es den Juden in Ostgalizien. Die Polen rechnen nicht damit, daß hier eine Abstimmung stattfinden kann und daß die jüdischen Stimmen dabei entscheidend in die Wagschale fallen iverden. Der polnische Antisemitismus ist stärker als die Logik und das Verständnis für die Reichsinteressen. Alle jüdischen Beamten, die bei den.Ukrainern dienstlich tätig waren, werden von den Behörden entfernt und die jüdischen Schüler werden aus den polnischen Schulen be-