Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 27 (28.11.1919)
- Date
- 1919-11-28
- Page
- Seite 309 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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309 Hohen Festtagen gehörte der Lachs, den minderen der Karpfen in der spartanischen Sauce; die gewöhnlichen Sabbathe mußte sich mit Barben und Weißfischen begnügen. Doch ohne Unterschied der Rangstufen wurden die Fische stets von meiner Mutter eigenhvndig zubereitet, denn mein Vater behauptete, daß niemand auf Erden eine Fischsauce k la Mutter" bereiten könne. - Mit gerechtem Stolz heftete die Mutter jeden Freitag vormittag sich die weiße Schürze um, an deren beide Zipfel ich und meine kleinere Schwester uns klammern dursten, um Zeugen bei diesem Wunder der Kochkunst zu sein. So oft nun die in Stücke zerteilten Fische auS dem blanken Mesiingkesiel genommen und symmetrisch auf die lange Schüssel geordnet wurden (das Gericht wurde abends kalt kredenzt), legte die Mutter das kräftigste Kopfftück auf einen besonderen Teller, bekränzte es mit Zwiebeln und Zitronenscheiben, übergoß es mit der gewürzig duftenden Sauce und stellte es auf den weißgescheuerten Anrichtetisch mit den Worten: ..Für Tante Guttraud". Allwöchentlich sahen wir Kinder diesen neidenswerten Tribut hinwegtragen, ohne uns von der Zwangspflicht, die uns kopflose Fische auferlegte, Rechenschaft geben zu können. Tante Guttraud war eine Mutterschwester unserer Mutter, die mit einem kranken Mann und zwei ältlichen Töchtern in einem Gäßchen nahe der alten „Schul", dem Bethaus der Strenggläubigen, ihre ärmliche Wohnung hatte, aus der sie nie den Fuß setzte. So oft aber die - Mutter nur ihren Namen nannte, geschah es mit einem Ausdruck ftommer Verehrung, zu der auch wir Kinder mit angehalten wurden, ohne sie zu begrüßen oder je nach ihrem Grunde zu fiagen. Ja, unsere heilige Scheu gewann einen Anstrich von Furcht, wenn wir mit der Mutter Freitag abends nach der „Schul" die alte hölzerne Treppe, die einen v Strick statt des Geländers hatte, zur Wohnung der Tante Guttraud hinaufkletterten, um uns,.wie es die Mutter nun einmal eingeführt hatte, von ihr „benschen" zu lasten. Noch heute lebt in meiner Erinnerung das Bild, ja der Geruch des Zimmers, in das wir nicht ohne inneres Widerstreben eintraten. Der Geruchssinn hat ein merkwürdig-treues Gedächtnis. Indem ich dieses niederschreibe, atme ich fast wieder jene Atmosphäre von Kohlendampf, Lampendunst und Kampferduft, die mir vor fünfzig Jahre auf die Brust fiel und die, wo ich sie jemals in den Wohnungen der Armut wiederfand, mir unwillkürlich das Bild der Tante Guttraud in die Seele rief. Das Zimmer war tief und niedrig; von dem geschwärzten Querbalken der Decke herab hing eine siebenzackige Mestinglampe; aus zweien ihrer Schnäbel dampfte eine Olflamme und warf ein grelles Licht auf den darunterstehendcn, mit weißem Tuch gedeckten runden Tisch, während der übrige Teil des wüsten Gemachs in dämmerndem Halbdunkel lag. Der wurmstichige Fußboden war mit weißem Sand bestreut, der unheimlich unter unseren Sohlen knisterte. In einer Ecke der Tiefe lohte ein eiserner Steinkohlenofen, aus besten Aschentür die Windstöße qualmende Wölkchen trieben; in der anderen stand ein Bett mit rot und blau gewürfelten Kattunvorhängen, in welchem der Mann der Taste. d»m wir nie Onkel nannten, gichtkrank lag, die Hände und Füße in Kampferkisten eingebunden. Auf einem ledernen Lehnstuhl, unfern dem Bette, saß die Tante. Eine dicke, in schwarzes Leder gebundene Tfille haltend und die Lippe noch stumm bewegend, erhob sie sich, uns zu begrüßen. Die Mutter Reichte ihr die Hand mit einer Bewegung, als ver- - neigte ft* sich vor der Greisin, die das Haupt der Mutter sanft an ihre Schulter lehnte und ihr mit der flachen Hand wiederholt über die Stirn strich. „Benschen Sie meine Kinder, Tante Guttraud!" sagte sie jedesmal, denn dl« demütige Greisin schien auf diese Bitte zu warten. Nun folgte sie und trat ein paar Schritte näher in den uchtern , *)taum auf un?* zu, die wir uns ichr>'. an die Ecke des Tisches geklammert hatten. Tante Guttraud war von mittlerem Wuchs und schmächtiger Gestalt, die ein wenig gekrümmt oder vielmehr gebrochen schien, und die ein Kleid von dunklem Druck kattun eng umschloß, über di« Brust war ein weißes Tuch ohne jeglichen Zierat gekreuzt. daS' ihr bleiches Antlitz fast wachsgelb erscheinen ließ. Über der Stirn schloß «in schwarze- Band die Haare sorgfältig einzelne weiße Tüllhaube umrahmte daS strenge, vornehm« Gesicht. Die Nase war so fein gezogen, daß sie wie durchscheinendes Elfenbein erschien; die schmalen Lippen ließen, geöffnet, wohlerhaltene Zähn« sehen; unter stolzgewölbten dunklen Augenbrauen leuchteten rehbraune Augen in feuchtem Glanz wie unter Tränen hervor. Zwei magere wachsgelbe Hände legten sich auf unser Haupt. Innig und seelenvoll hoben sich di« Augen zum Himmel empor; die Lippen bewegten sich zur Segensformel so leise, daß wir nur das Summen der Fliegen hörten, die um die Flamme der Ampel schwirrten, und das leise Stöhlen aus dem Betten besten Vorhänge den Kranken umhüllten. Dann küßte sie uns auf die Stirne,! und wir zogen zaghaft ihre dürre Hand an die Lippen.; Mit kaum hörbarem Schritt bewegte sich die Greisin zu! einem Glasschrank, aus dessen trüben Scheiben ein Paar! bemalle Kaffeetassen hervorlugten, und nahm aus einer Schublade zwei Borsdorfer-Äpfel, mit welchem wir uns! unterhielten, während die Mutter, zum Sitzen genötigt, eine halblaute Konversation mit ihr begann. „Wie geht es Ihnen, lieb Tante?y' „Gott sei Dank! nicht schlechter. Die böse Gicht ist hartnäckig, zumal im Herbst, aber Gott wird helfen." „Haben Sie heut Nacht ein wenig geschlafen?" „Ein wenig; alte Leut' brauchen nicht viel Schlaf. Ei schläft auch wenig, aber Appetit hat er Gott sei Dank, und die Fisch' haben ihn delektiert.. Es kocht sie auch keine so, wie mein« Betty." „Wollen Sie nicht einmal bei uns sveisen, liebe Tante? Sie haben mir's längst versprochen/ „Einmal, wenn ich von ihm. fortkommen kann. Ich schicke dir lieber eins von den. Mädchen; sie nähen sich die Augen aus. — Brave Kinder^ Gott segne sie r „Und wie fühlen Sie sich, Tante Guttraud?" „Ich? Gott sei Dank, daß es ihm nicht.schlechter geht; gelobt sei der Arzt der Kranken und gesegnet, wer die Kranken labt und die Wankenden stützt!" und die magere Hand erhob sich über das Haupt unserer Mutter, die vor dem tiefen, tränenfeuchten Blick der Greisin beschämt die Augen niederschlug. Es klopft an die Tür; die Mutter erhebt sich; die ' Apfel sind verzehrt; wir atmen auf, als wir durch das enge Tor in das enge Gäßchen treten. „Kinder," sagt die Mutter, „Tante Guttraud ist eine Heilige in Israel." Wir glaubten ihr. Verehrt man doch die Heiligen, ohne nach dem Grunde stu fragen. Kinder verlangen nicht nach'Beweisen. Die Großtante stand unseren kindischen Interessen fern; sie ragte nur um eines Fischkopfs Länge und eines Apfels Schwere in unser Leben hinein. Und diese verhältnismäßige Verkürzung war bald vergessen, so oft wir abends, wenn nicht an dem durch seine Gräten gefährlichen Fisch, Io doch an der Sauce „ä la Mutter" gehörig beteiligt waren. sJortsetzung folgt.) Kalender der WocHe. Dejembet mu r.*K0 lNSlkw Freitag. Dez. 11 TamStag... V. ff u nVöM. Donntag.... 15 Montag..... «• » 1« Dienstag.... S. . 17 Mittwoch.... 10. „!S Donnerstag. 11. „ 1» Freitag. 12. . 20 ©omStöfl ... 13. „ 21 a«’5. , '