Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 27 (28.11.1919)
- Date
- 1919-11-28
- Page
- Seite 307 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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öffnen. Im Verlaufe der Besprechung stellte es sich heraus, daß. um eine wissenschaftliche Grundlage für die Kurse zu schaffen, die es namhaften jüdischen Gelehrten ermög. uchen soll, einen Ruf dorthin anzunehmen, eine technische Vorberelftmg von etwas einem Jahr erforderlich sein dürfte. Aus Südrußland. Dr Moses Dunchan, ein führendes Mitglied der jüdischen Gesellschaft Petersburgs gab bei seinem Aufenthalte in Paris einem Vertretet der I. P. ft folgende Schilderung des Schicksales der Juden Südrußlands. Die Bauern Sülwest-Rrußlands lebten mit den Juden seit jeher im besten Einvernehmen, wenn auch eine gewisse pogromistische Stimmung — vom zaristischen Regime gepflegt — in ihr schlummerte. Ein aktives judenfeindliches Handeln hatte sich aber gus ihrem Kreise heraus nicht entwickelt. Demoralisiert und verroht durch den jahrelangen Krieg vermochten die interessierten Kreise sie jetzt zu Pogromen zu verleiten. Während die christliche städtische Intelligenz sich pasiiv verhielt, begannen die reaktionären Elemente, Kleinbürger, entlasiene Beamte des alten Rgimes, ländliche ^Großgrundbesitzer, schon unter Kerensky, besonders energisch aber seit der bolschewistischen Revolution, die Bauern für ihre politischen Interessen zu gewinnen. Das alte System wurde angewendet: gegen die Juden und für die Reaktion. Die Selbständigkeitsbewegung und Skoropadski und Petlzura stachelte den internationalen Chauvinismus auf. Beide strebten eine Wirtschaftspolitik an, die die Juden aus dem Wirtschaftsleben ausschaltet. Als Petljura gegen die Bolschewiki kämpfen mußte, begannen seine Agitatoren, die am Privateigentum interessiert waren, gegen die Juden als die Kommunisten, die Bolschewiki, zu hetzen. Sie säten auf bereits durchackertem Boden. Daraufhin sammelten sich». Banden, unter denen die von Solokowsky, Zielony, Sokolow und Struikow die berüchtigsten sind. Sie richteten die furchtbarsten Pogrome in dem Petljura unterstellten Gebiet an. Machnow, ein anarchokommunistischer Bandenführer, hatte mit seinem disziplinlosem Gesindel ein Territorium nordwestlich von Jekatertuoslaw besetzt und seine Lager im Dorfe Gutaipolij aufgeschlagen. In seinem Gebiete haben die Juden, die Gegner des Kommunismus voran, besonders schwer gelitten. Die jüdischen Kolonien des Alexandrowsker, Mariopoler und Jekaterinoslawer Kreises hatten sich den Banden Machnows bewaffnet widersetzt und mußten dafür schwer büßen. Ende Dezember 1918, als die Bolschewiki nach Süden vordrangen, eroberte Machnow Jekaterinoslaw, wurde aber schon nach einem Tag von Petljura hinaüsgeworfen. Dieser eine Tag hatte genügt, daß die Banden Machnows unter den Juden Jekaterinoslaws ein furchtbares Blutbad anrichteten. Petljuta wurde von den Bolschewisten verdrängt, die die Gouvernements des Don- Beckens (Charkow, Jekaterinoslaw, Poltawa, Cherson) bis Juni 1919 beherrschten. Dann wurden sie von Denikin nach Norden geworfen. Während ihrer Herrschaft gab es wohl keine > Pogrome; der jüdische Handel und die . jüdischen Wirtschaften wurden aber aufs Tiefste erschüttert, weil jeber Privatverkehr stockte. Die Bauernschaft setzte den Bolschewiki heftigen Widerstand entgegen. Bei der judenfeindlichen Stimmung der Massen kam ihnen der Umstand, daß Juden als Beamten des bolschewistischen Regimes fungierten, besonders zustatten, obgleich kein Jude ftn ganzen Gebiet leitender Volkskommisiar war. Die Judenfeindschaft steigerte sich. Als Ataman Grigoriew, ' ein Freibeuter, der mit seinen Truppen von Petljura zu den Bolschewiki übergegangen war, im April einen Aufstand gegen die Bolschewiki inszenierte, erscholl sein Schlachtruf: „Nieder mit den Polkskommissionären, nieder mit den Juden, nieder mit dem Kommunismus". Sofort brachen in den von seinen Banden besetzten Gebieten, Tscherkasy, Jelisawetgrad, Snianinka, Dolmskaja, Werchnij-Dnieprowsk furchtbare Pogrome aus. Im Dorf Saksoyan z. B. hat man damals 96 jüdische Männer versammelt und zusammengeschossen. Ungefähr 40 jüdische Gemeinden wurden damals ruiniert und zirka 6000 Juden getötet. Der Vormarsch der Denikinschen Armeen in diesen Gebieten des Don-Dasiins vollzog sich unter systematischer und gewalttätiger Vernichtung jüdischen Lebens. Besetzte eine dieser Truppen einen größeren Ort. traten die alten reaktionären Elemente sofort hervor. Zuerst wurden die Juden ausgeplündert, dann wurde eine Reihe von ihnen als „Bolschewiki" beraubt und gemordet, worauf ein tagelang andauernder Pogrom mit zügellosem Rauben, Plünbern und Morden einsetzte, bis die Wut sich erschöpft hatte. Darauf kam ein Befehl eines Kommandos, der Gewalttätigkeiten gegen Juden mißbilligt und verbietet. Auf diesem Siegeszug der Bestie wuxden auch jene jüdische Ackerbaukolonien als „bolschewistisch" völlig vernichtet, die sich Wochen vorher mit Waffen gegen die Einführung de- Kommunismus gewehrt hatten. Nirgends wurde eirß militärgerichtliches Verfahren eingxleitet. Jene jüdischen offiziell angestellten Beamten, die während des Kerenski-Regimes ausgenommen worden waren, wurden jetzt bei der Reaktivierung dieser Behörden systematisch entlasten. Ich zeige Ihnen hier den Befehl des Mobilisierungskommistars von Charkow vom 7. Juli 1919, wonach alle jüdischen Offiziere seines Rayons bis auf ihre Wiedereinberufung aus dem Kriegsdienste entlasten werden. Denikin selbst hat kurz darauf die jüdischen Offiziere aus seiner Armee entfernt, trotz ihres energischen Protestes, daß sie nur durch gerichtlichen Spruch ihrer Charge entkleidet werden könnten. Bezeichnend für den Geist, der in dem Denikinschen Offizierkorps herrscht, ist die Entschuldigung/ die Denikin bezüglich seines Befehls einer Deputation gab, er habe nicht anders handeln können, weil er Konflikte zwischen den jüdischen und den übrigen Offizieren befürchten mußte. Das Resultat dieser systematischen Blutarbeit ist ergreifend. Die Juden, die noch in den kleinen Marktorten bei den Bahnstationen zerstreut aygesiedelt waren oder in den Ackerbaukolonien gearbeitet haben, verkauften den Nest des ihnen gelastenenen Hab und Gutes, und flüchteten in die jüdischen Großgemeinden, wo sie in der Maste auf Schutz ihres Lebens hofften. Dort aber tragen sie zur Vergrößerung von Arbeitslosigkeit, Hunger, Elend und Krankheit bei. . Uan Ktrg und Tai. Siegburg. Bei der am verflostenen Sonntag vom Reichsbund der Kriegsbeschädigten veranstalteten Gedächtnisfeier für die gefallenen Helden im Kriege hielt Herr Lehrer Seelig von hier die Gedächtnisrede im großen Saale des Siegburger Hofes. Vertreten waren fast alle Vereine mit ihren Fahnen, sowie die Behörden und die Geistlichkeit. Die Rede selbst wurde mit großem Beifall ausgenommen. Köln. Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur hat am Montag den 17. November in einer den gro» ßen Saal der Rheinlandloge füllenden, stattlichen Versammlung seine diesjährigen Veranstaltungen eingeleitet mit einem Vortrag von Kulturiitgenieur Dr. Wolfs: „Der technische Aufbau von Palästina". Der Gabriel Riester-Verein, besten Mitglied der Vortragende ist, hatte sich der Veranstaltung angeschlosten. Rabbiner Dr. Rosenthal begrüßte die Versammlung mit herzlichen Worten: die Wiederaufnahme der Arbeit, auch an unserer Stätte, sei ein Teil des ^großen, uns allein noch gebliebenen Trostes für die Zukunft. Darauf ergriff De. Wolfs das Wort zu seinen mehr als einstündigen Ausführungen. Zu Beginn des Vortrags wies Redner darauf hin, daß die politische Veränderung in Palästina eine starke Einwanderung im Gefolge haben würde. Er warf die Frage auf, ob das heute verwahrloste Palästina in der Lage sei, einen größeren Menschenzuwachs zu ernähren? und beantwortete diese Frage dahin, daß unter Ausnutzung aller Möglichkeiten allmählich im Laufe der