Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 27 (28.11.1919)
- Date
- 1919-11-28
- Page
- Seite 305 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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liner Palästina-Amt arbeitet und alle transporttechnischen Fragen erledigt. Leider ist Paul P. Lindenberg. Posen. Wie das „Mitteilungsblatt des Jüdischen Bolksrates Posen" in feinem Oktoberheft mitteilt, hat der Volksrat an den Rektor der Posener Universität eine Eingabe gerichtet, in der er sich darüber beschwert, daß jüdische Studenten und Studentinnen, die um Immatrikulation an der Posener Universität nachgesucht haben, teils ohne Angabe von Gründen, teils unter ausdrücklicher Betonung, daß nur zwei Prozent jüdischt Studenten ausgenommen werden durften, und daß die Höchstzahl bereits erreicht sei, zurückgewiesen seien. Me Eingabe betont, daß die Prozentnorm nicht nur falsch sei (es dürfte nicht di« Zahl der Juden aus den ehemals preußischen Gebieten, sondern es müßte die Zahl, aller polnischen Juden zugrunde gelegt werden, wobei' die Prozentzahl nickt 2 Prozent, sondern etwa 15 Prozent xgusmache), sondern auch den oft in feierlicher Form erklärten Grundsätzen der polnischen Regierung, wonach alle Bürger des polnischen Staates ohne Rücksicht auf Sprache, Raste oder Religion gleiche Rechte auf allen Gebieten des politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens zustehen, widerspreche. Auf diese Eingabe hat der „Jüdis^ Volksrat" ein Schreiben erhalten, das in . wörtlicher Übersetzung folgendermaßen lautet: » Den 16. Oktober 1919. „In Beantwortung Ihres Schreibens vom 13. d. M. teilt der Rektor und der akademische Senat mit, daß das Kommistattat der Naczelna Rada Ludowa beschlosten hat, daß im Studienjahr 1919/20 die Juden und Deutschen nur im Verhältnis zu dem Prozentsatz dieser Bevölkerung zu der gesamten Bevölkerung der ehemals preußischen Teilgebiete angenommen werden sollen. \ Dagegen ist uns nichts" bekannt geworden, daß Anträge ohne Angabe von Gründen zurückgewiesen worden wären, wir halten eS für ausgeschlossen. gez. Swiecicki." Die Prozentnorm, diese jeder Gerechtigkeit Hohn sprechende Maßnahme aus der Zeit des zaristischen Reimes, wird also auftechterhalten. Mit um jo größerem Nachdruck muß die strikte Jnnehaltung des Friedensvertrages gefordert werden, da nur auf dieser Basis die Möglichkeit besteht, daß die jüdische Bevölkerung in Polen ein einigermaßen menschenwürdiges Leben führt. Warschau. Der Landtag hat sich in einer seiner letzten Sitzungen mit der Frage der Namensänderung beschäftigt. Dieses Problem ist dadurch akut geworden, daß viele Juden sich der herrschenden antisemitischen Bewegung dadurch zu erwehren suchen, daß sie ihre Namen in polnisch klingende Namen umzuändern suchen. Die Astimilianten unterstützen diese Bewegung aufs wärmste. Nun hat der Landtag beschlosten, daß jede Änderung eines Namens nur gegen eine Gebühr von 3000 M. gestattet werden dprf. Thorn. Nach Meldungen polnischer Blätter ist infolge der Umgestaltung der politischen Verhältniste in Kongreßpolen mit einer sehr zahlreichen Auswanderung polnischer den nach Amerika zu rechnen. Eine Kommission der Warschauer Auswanderungsgesellschast hat daher eine Reise nach Amerika angetreten, um die Auswanderung vorzubereiten. Sie soll über Danzig geleitet werden, wo zur einstweiligen Unterbringung der Auswanderer die Erbauung einer Anzahl Baracken geplant ist. Lemberg. Stuart Samuel ist von Warschau kommend, in Lemberg eingettoffen, um die ostaalizischen Verhältniste zu studieren. Einer jüdischen Deputation erklärte Samuel, daß England zweifellos an dem von Balfour gegebenen Versprechen festhalte, wenn sich auch bisher der Verwirklichung der Deklaration Schwierigkeiten entgcgengestellt haben. Es wurden Abordnungen der Schlome Emune Jisroel und anderer jüdischer Vereinigungen von- Samuel empfangen. Warschau. Laut den letzten statisttschen DMn beträgt die Zahl der jüdischen Arbeiter in Polen, die in Gewerkschaften organisiert find, mehr als 90 000. ' Davon werden etwa 50000 dem ,Sund", etwa 84 000 den Poale-Zion und 6000 den »^vereinigten Sozialisten" -»gerechnet. Österreich. Wien. In Wien wird zurzeit das Eintreffen einer neuen Sendung von Lebensmitteln aus Amerika erwartet. DaS veranlaßt die österreichischen Rabbiner zu einer feievlichen Maßnahme, die sonst nur in den großen Momenten der jüdischen Geschichte gettofftn wurde, di« aber hier mit Rücfficht auf di« antisemitischen Sttmmungen und die Hungersnot in Wien wohl angebracht erscheint. Der Bannspruch lautet: „Im Sinne unserer Brüder, der mitleidigen Volksgenossen aus Amerika, welche sich unserer armen europäischen Brüder annehmen und ums Lebensmittel geschickt haben, finden wir uns verpflichtet, ein Verbot und «in vollständiges Anathema („Cherem") gegen die LebenSmittelemvfänger auszusprechen, welche sich unterstehen sollten, diese Lebensmittel, sei es teilweise, sei es im ganzen zu verkaufen. Sie dürfen sie nur für sich und ihre Hausgenosse» verwenden. Alle dieses Verbot Übertretenden werden unweigerlich unserem Bann unterfallen." Wien. Die Jüdisch-Palästtnensische. Reise- und' Transport-Gesellschaft m. b. H., Wien, hat in Anbetracht der großen Bedeutung der Hafenstadt Triest für die Emigration nach Palästina in dieser Stadt eine Filiale errichtet. Mit der Leitung derselben wurde Herr Michael Schor bettaut, der sein Büro in der Via Commerciale Nr. 10 hat und alle-Auskünfte, die Reise von Personen und den Transpott von Gütern nach Palästina betteffend, bereitwilligst erteilt. Herr Schor übernimmt auch den kommis« fionsweisen Ein- und Verkauf von Waren aller Att auf dem Tttester Platze. Ungarn. Budapest. Die hundettdreiunddreißig Tage währende Sowjetherrschaft hat die Pester Israelitische ReligionSgemeinde in einer Weise materiell geschädigt, daß es ungeheurer Anspornung bedürfen wird, ihre Finanzen wieder in Ordnung zu bttngen. Die Gemeinde sttebt deshalb eine Reorganisierung ihres bisherigen Besteuerungssystemes an, das sich auch früher schon als unzulänglich erwiesen hat; sie will auf das Gebiet der Selbstbemcstung der Steuern übergehen, das heißt, es jedem Mitglied« anheimstellen, im Bewußtsein seiner Pflichten als Jude, selber die Höhe der Beittäge zu bestimmen, tue es für die Gemeinde leisten will. Daneben soll eine Dezenttalisierung der Gemeindeagenden durch den Ausbau des Bezittssystemes und' die Schaffung von Bezirksausschüsten erfolgen und auch energisch an die Beseitigung des immer fühlbareren Mangels an Tempeln geschritten werden. So sollen schon in kürzester Zeit in drei Bezitten neue Gotteshäuser erbaut werden. Juqoslawien. Paris. Die Vorsteher von Jugoslawien bei der Friedenskonferenz haben nach einem längeren Widerstande sich bereit erklärt, auch alle die Punkte des Frieden-Vertrags anzurechnen, die die Rechte der nationalen Minoritäten überhaupt und der Juden insbesondere schützen. Die Zahl der Juden in Jugoslawien beträgt nunmehr 300 000 Rach den letzten Meldungen haben die letzten staatlichen und politischen Umwälzungen keine günstige Rückwittung für die Juden gehabt. Man hofft, daß nunmehr der durch den Friedensverttag gewährleistete Schutz die Lage etwas erleichtern wird. K. f. d. O. Ukraine. Poltawa. Nach unlängst eingetroffenen Nachrichten ist es auch in Poltawa zu einem Pogrom gekommen. Zum Glück gab es keine Todesopfer, jedoch würde viel jüdische- Hab und Gut vernichtet. — Der rustische Schriftsteller Wladimir Korolenko schildert in einem Artikel, der am 10. September in dem Ekaterinodar erschienen ist, „Utto- Jugo" die Leiden der Juden während und nach der Bol-