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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-11-28 · 26 (28.11.1919) · p. Seite 297

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
26 (28.11.1919)
Date
1919-11-28
Page
Seite 297 (sequence 7)
Language
German
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- m — auf.. .7 „Kann er Thora?" :j „Ein bedeutender Gelehrter!" „So?! Und woher ist er, dieser Noa?" >Niemand,weiß Auskunft zu«pen, und da entspinnt sich zwilchen, dem Rabbi und mir folgende- Gespräch': .' „Dar nicht dieser Noa einst, in BriSk?" fragte er. '' '.'.Db der Zaddik ln BriSk gelebt hat? Ich glaube, ja." „Ah!" meinte er, „also ein Chasfid, <in Gläubiger!" und voller Verachtung und Abscheu schaute er auf mich herab. '' Ich war froh, als diese- Gespräch zu Ende war. Doch plötzlich erhob sich der Rabbi und sagte mir leise, aber bestimmt: - - „Führe mich zu deinem Zaddik. ich.will ihn temlen ' lernen; aber niemand soll es erfahren." Mit bewegtem Herzen machte ich mich auf den Weg. den Rabbi zum Zaddik zu führen. .Ziabbi!" sagte ich zu ihm unterwegs, „mit welcher Absicht besucht Ihr den Zaddik?" , „Eist mir eingefallen, daß es doch vielleicht nicht recht von mir war, jemanden ungehört zu verurteilen. Wenn eS der Noa aus BriSk ist, so muß er ein großer Gelehrter stin. würdig, dereinst mein Nachfolger zu werden." ' Jetzt war ich schon beruhigt. * '• * * Also sie trafen nun zusammen. > Der Zaddik von Biala hatte die Gewohnheit, am Tage der Gesetzesfreude allein in seinem Zimmer zu bleiben. Er setzte sich auf dem Balkon nieder, während die Chasfidim fröhlich und singend, gruppenweise inS Freie gingen. Biala war damals eine kleine, noch nicht so ausgebaute Stadt. Wenn eineChassidimgruppe stillschweigend vor seiyem Hause vorbeiging, so stimmte der "Zaddik leise eine Melodie an. die Chassidim fingen diese Melodie auf und zogen fröhlich und singend weiter. So war es auch an jenem Tage, als ich den Brisker Rabbiner zum Zaddik begleitete. . Der Zaddik saß jedoch nicht auf dem kleinen Balkon, sondern empfing den Rabbi an der Tür. - „Seid gegrüßt. Rabbi, und nehmet Platz!" sprach er ihn voller Bescheidenheit an. ‘Jto Rabbi erwiderte den Gruß und setzte sich. Poller Ehrerbietung stand der Zaddik vor ihm. Der Rabbi zog seine Augenbrauen hoch und fragte strenge: „Sag mir nur, Noa, war hat dir bei mir gefehlt? .Warum liefst du davon?" „Es hat mir Luft gefehlt", antwortete der Zaddik gelassen; ,^s„war mir bei euch zum Ersticken." „Was soll das heißen?" fragte der Rabbi verwundert. ’ „Luft hat'dir bei mir gefehlt?" „Nicht mir", erwiderte der Zaddik mit leiser, ruhiger Stimme, „niemer Seele, meinem Gemüt fehlte es an Luft." „Wieso, Noa?" „Eure Gelehrsamkeit. Rabbi, ist nur den wenigsten verständlich, alles voller Strenge, lauter Dialektik. Das Gesetz ist ehern, eiserne Bestimmungen und kupferne Verordnungen. Ohne Milde und Liebe..." 7 Der Rabbi hört« ihm mit Erstaunerl zu. „Was habt ihr benit dem ganzen Volk zu bieten?" fragte der Zaddik, „den armen und ungelehrten Volksgenossen? WaS habt ihr für die armen Handwerker und Tagelöhner, was für das arme gequälte Gemüt? Für die schuldbewußte Seele, die sich nach ihrer Aussöhnung mit Gott sehnt?" Der Rabbi schwieg, es »var ihm alles so fremd. «Verzeihet mir, Rabbi", fuhr der Zavdik fort, „hart erscheint bei euch das Gesetz, hart und trocken, ohne Seele, ^ihne Gemüt; bei euch habe ich nur den Körper der Thora gesehen, ich suchte ihre Seele." „Die Seele der Thora?" ftagte der Rabbi. „Jawohl, Rabbi! Eure Thora ist nur wenigen zugänglich. aber die Heiligkeit GotteL «M über ganz Israel, die Thora soll da- Seelenleben fein fürbäÄ ganze Volk..", „Und dein« Thora. Noa?" - . 1 „Wollt ihr meine Thora sthen, Rabbi?" „Die Thora — sehen?" „Kommt, Rabbi, ich will sie euch zeigen! Ihr sollt den Abglanz der Thora sehen, die Gesetze-freude, di« über ganz Israel strahlt." Der Rabbi rührte sich nicht. „Kommt, Rabbi!" flehte der Zaddik. Er führt« ihn auf den kleinen Balkons leise und weihevoll. Ich folgte ihneil. Der Zaddik bemerkte eS und rief mir zu: „Du darfst mitkommen. Heute sollt ihr den Glanz der Thora sehen, wahre Gesetzesfreude." Ich sah olles: wie von Jahr zu Jahr — und doch wie anders! Ich glmchte, daß sich ein Vorhand vor meinen Blicken teilte. Ein klarer, blauer. Hiinmel, weit, unendlich, tiefblau. Die Augen fühlten sich aufgehellt und erquickt. Silberweiße Wölkchen flogen am Himmel hin und her. freudig und voller Entzücken. Wie von einem grünen Bande schien die Stadt umschlungen, ein dunkles Grün voller Leben, das Auge ruht mit Wohlgefallen, voller Lust auf diesem Grün. Di« ganze Natur, strahlt in heller Freude, allelebte, und wie entzückende Flämmchen schien es aus dem Boden emi porzuwachscn — die ganze Natur in Liebe und Harmonie; ’ die Groschen hüpfen vor Freude, die Blumen schmiegten'sich ' einander an und küßten sich, di« Blätter flüsterten sich ein- I ander liebevoll und zärtlich zu. Und in der Feme di« Gruppen von Chassidim, von . Freude umgeben und ihre Gesichter von Liebe umstrahlt. , Süße, liebliche Melodien stiegen empor, verschiedenartig und j doch harmonisch vereinigt. Heller Gesang ertönt, der Him- I mcl singt, die ganze Natur singt, alles klingt in einen harmonischen Gesang aus, die Volksseele jubelt und singt. Ach. dieser göttliche Anblick, dieser -herrliche Gesang, dieses Entzücken. Aber mitten in dieser Verzückung dmchbrach die scharfe . Stimme des Rabbi diese weihevolle Stimmung: „Es ist Zeit, Mincha ') zu beten" . . . __ Da — alles ist entrückt und daS Licht ist erloschen.! Wir ieben nur die kleine, schlecht gebaute Stadt, voller Ar-! mut und Schmutz. Die Chassidim in ihren zerriflenen,! schmutzigen Kapotes. Erloschen die Lichtlämpchen, ver-! düstert der Himmel, verstummt der melodische Gesang. Ich schaute den Zaddik an, sein Gesicht war schmerzlich verzerrt und verdüstert. . . Sic habe,» sich nicht verständigt — der Rabbi und der Zaddik. Unversöhnt fuhr der Rabbi davon. Aber er verfolgte seitdem nicht mehr die Chasfidim! I> Das alltägliche Nachmittaggebet. Die Dotnttasche. 1. .. .u» rü’D-OUt'.li'')- l IJU.1.JI...H |m In einer kleinen Gemeinde weilte einmal über Schab-! bes ein fremder Rabbiner, der durch seine Gelehrsamkeit berühnit war. Selbstverständlich wurde ihm in der Synagoge ein Ehrenplatz in der vordersten Reihe angewiesen. Beim Minchahgebet wandte sich ein etwas vorlauter Nachbar an den gelehrten Gast mit der Frage: „Wir haben eben gelesen: Odom ubheimo tauschia adonoj — dem Menschen und! dem Vieh hilft Gott. — Wieso, Rebbe, steht so unvermittelt Mensch neben bheimo?" — „Weiß ich?" meinte der Rabbi.! „der Schamckehat mer hierhergestellt." ..Schleim»!" 1903. 1

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