Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 26 (28.11.1919)
- Date
- 1919-11-28
- Page
- Seite 296 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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kennen und stch mit dem nötigen Wissen und der Kenntnis ‘ der vorhandenen aufklärenden Literatur dagegen auSzurüsten. '' ' xAn die Berichte schloß sich noch eine reiche, fruchtbare rmd Anregung bringende Allssprache an. Der Verlauf der Versammlung hatte in seinem reichen Inhalte dem Ernst der gegenwärtigen politischen Lage Rechnung getragen. Am Tage vorher hatte die Ortsgruppe Düsicldorf zu einer öffentlichen Versammlung cinaeladen. Der große „Rittersaal" war biS auf den letzten Platz gefüllt. Unter der erheblichen Zahl von nichtjüdischen Besuchern waren offenbar viele Gegner, wie man an den Zwischenrufen feststellen konnte. Nach Form und Inhalt glänzend und eindrucksvoll war der Vortrag des Herrn vr. Jsmar Freund- Berlin über „Die Aufgaben der deutschen Juden". Seine wirkungsvolle Ergänzung fand er in den Ausführungen des Syndikus Dr. Holländer-Berlin über „Die Not der Zeit". Aus der Aussprache, an der hauptsächlich Nichtjuden teilnahmen, ist besonders zu erwähnen, daß die Kritik eines offenbar scharfen Gegners gegenüber den schlagenden und mit erdrückenden Tatsachen erfüllten Ausführungen der beiden Redner, deren Sachlichkeit <r selbst anerkennen mußte, völlig versagte, auch sogar bei den mitcrschienenen Gesinnungsfreunden. Dierdorf, Bez. Koblenz. Bei der in der 3. Novcmberwoche hiersekbst stattgehabten Repräsentantenwahl wurden folgende Herren gewählt: Jak. Marx, Mark. Frohwein. Dav' Kahn, Jakob Kahn-Giershofen, Israel Seligmann- Siegfr. Seligmann, Alex. Hirschberg, Alex. Daniel, Arthur Berg, Lehrer A. Ginsberg und Max Seligmann; die beiden letzteren als Stellvertreter. Demnächst haben die Ge-, wählten den dreigliedrigen Vorstand zu wählen. — Der vor einiger Zeit gewählten politischen Gemeindevertretung gehört von unserer Gemeinde Herr Moritz Salomon an. Selters (Westerwald). In unserer Gemeinde besteht seit kurzem ein Jugendverein. Zum Vorsitzenden wurde Herr Arthur Michel gewählt, der sich um die Gründllng des Vereins sehr verdient gemacht hat. Für die erste Versammlung hatte man als Redner Herrn Kohn aus Köln gewonnen. Seine Ausführungen wurden beifällig ausgenommen. Mögen in dem neuen Vereine die Ideale des Judentums eine würdige Pflegestätte finden! A. aAX'. Der Bote erzählt: "" Der Kabbi mid der Daddik. Ein vilb «uS dem chassidischen Leben, von I. L. Perez. sSchluß.) Es war während der Halbfeicrtage des Sukkothfestes. Wir fuhren von Biala nach Brisk, den berühmten Rabbiner zu holen, dessen Tochter sich in schwerer Gefahr befand. Ein russischer Bauer leitete das Fuhrwerk. Mit einem Male erhob sich ein mächtiger Sturm, der Himmel wurde umwölkt, schwere und schwarze Wolken wälzten sich am Him- . mel, der Wind hob einigemal das Fuhrwerk mitsamt den ' Pferden und Insassen in die Höhe." Der Bauer beschwor mich himmelhoch, wir sollten doch lieber »mkehren. Ich aber bestand darauf, daß wir die Reise fortsetzten. Es regnete in Strömen herab, der Weg wurde unfahrbar, jeden Augenblick fürchteten wir, der Wagen müßte stürzen. Doch kamen lvir mit heiler Haut in Brisk an — vom Himmel goß es unaufhörlich und der Sturm tobte mit ungeschwächter Gewalt. Der Rabbiner zögerte nicht lange, er setzte sich in den Wagen und gebot, den Rückweg nach Biala onzuirrten. - Da mit einem Male klärte sich der Himmel auf; die Elemente beruhigten sich. Die Sonne, brach sich durch die schweren Wolken Bahn, und eh« wir uns versahen, fuhren wir auf trockener Landstraße. Selbst her Bauer schaut« mit Verehrung und Ehrerbietung auf den Rabbi und rief begeistert aus: „Wahrlich, ein göttlicher Mann!" - ’ Und so kamen wir glücklich in Biala an. Wir fuhren vor de ly Hause Jechiels vor und der Rabbi entstieg dem Wagen. Es herrschte im Hause ein wahrer Todesschreck. Jechicl war fast geistesabwesend, kaum daß er den verehrten Rabbi begrüßte. Der Eidam reichte ihm stillschweigend die Hand, eilte aber gleich zum Fenster, um die brennend heißen Schläfen an den kalten Fensterscheiben etwas zu kühlen. Die Frauen im Hause fielen vor dem Rabbi mit lautem Aufschluchzen nieder. ' - > Doch — habt ihr den Brisher Rabbiner gekannt? ES war dies eine hoheitsvolle Erscheinung. Hoch und breitschultrig, gerade und fest wie eine Eiche, ein langer weißer Bart zierte sein glanzvolles Gesicht. Und welche Augen! Messerscharf drang sein Blick durch, lange und dichte Brauen bedeckten die Augen, und wenn er jene in die' Höhe zog. da durchdrang es einen wie ein Dolch! „Laßt mich durch, Frauen!" rief er mit seiner kräftigen Stimme. Bald darauf fragte er ruhig und vornehm: „Wo ist meine Tochter?" Man zeigte ihm das Zimmer, in welchem die arme junge Frau lag, dem Tode viel näher als dem Leben. Eine Angst ergriff mich. Dieser Mann mit den blitzenden Augen und der donnernden Stimme — er wird die arme Frau vollends.zu Tode erschrecken. Ich lief zum Zaddik. Doch dieser empfing mich mit seinem süßen, liebevollen Lächeln. „Nun, hast du ihn gesehen?" sprach er. „Nicht wahr, eine hoheitsvolle Erscheinung, der Abglanz der Thora." Da »var ich beruhigt. Wenn der Zaddik so liebevoll und gütig lächelt, muß alles gut gehen. v' ' * # * Und es lief wirklich alles zum besten ab. Die junge Frau wurde von einem gesunden Knäblein glücklich entbunden und befand sich wohl. Der Brisker Rabbiner blieb für die letzten Sukkothtage in Biala. Am Tage des Freudenfestes saßen wir bei Tisch, mid der Rabbi hielt einen gelehrten und scharfsinnig angeleatrn Vortrag. Ihm da zu folgen war nicht so leicht, der Kopf brannte mir heiß, und ich konnte kaum Atem holen. Diese feine und haarspaltende Dialektik! Freilich wäre ich lieber zum Zaddik gegangen, wo der Vortrag bei weitem nicht so gelehrt war, dafür aber um so herzerhebender und erquickender, um so verständlicher und ergreifender. Wenn der Zaddik sprach mit seiner leisen, süß sich einschmeichelnden Stimme, so lieb und zu Herzen gehend, da verstanden ihn alle, da fühlten stch alle mit fortgerissen und in eine Welt von Idealen versetzt. Es ging alles zum Herzen, ins Gemüt; man fühlte sich cmporgehoben und entzückt, man schwebte in höheren Regionen, man glaubte sich von Engeln umgeben. Und hier? Logik und Verstandesschärfe, dialektische Auseinandersetzungen und Subtilitätcn. Doch wagte ich nicht, fortzugehen. Mit einem Male unterbrach sich der Rabbi und fiagte: „Habt Ihr hier einen Zaddik?" „Ja, einen gewisien Noa", wurde ihm geantwortet. - Mir schnitt es durchs Herz —„einen gewissen Noa". Ach. die menschliche Niedertracht! . „Ein Wundertäter?" fragt« er weiter. „Man sagt, Frauen sagen es; aber wer gibt waS auf lhr Geschwätz?" „Er lockt wohl den Leuten das Geld aus der Tasche?" „Das gerade nicht; er nimmt wenißeS an, verteilt aber viel mehr an die Armen."