Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 25 (21.11.1919)
- Date
- 1919-11-21
- Page
- Seite 284 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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284 weitere Artikel unter der allgemeinen Überschrift „Zionistische Probleme" folgen sollen. In diesem ersten Artikel beißt eS: „Wenn man einerseits von großen Siegen des Zionismus spricht, der schon quasi verwirklicht oder wenigstens der Verwirklichung sehr nahe steht, so behauptet man anderseits, daß man die Masten irregeführt habe, und daß die jetzigen zionistischen Führer an den Idealen unseres unvergeßlichen Führers Herz! Verrat geübt hätten. Zangwill selbst, der schon seit langem vom Zionismus abgefallen ist und sogar schon aufgehört hat, Geographie zu studieren, um irgendein Territorium für unser Volk zu finden. hat dies öffentlich erklärt. Weshalb haben sich die zionistischen Führer begnügt niit dem unbestimmten „jüdischen nationalen Heim" und keinen jüdischen Staat gefordert? Darauf könnte man ganz einfach antworten: Wer hat denn Zangwill und alle, die mit ihm einverstanden sind, gestört, als Helden aufzutreten und einen jüdischen Staat zu fordern? Weshalb haben alle unsere großen Politiker, die in allen Ländern zerstreut sind, nicht zu fordern versucht, daß ein Staat international anerkannt werde! Man kann all diese Fragen stellen, aber den Wider- Spruch werden sie nicht lösen. Ich weiß nicht, was unsere unzufriedenen Politiker erreicht hätten, aber eines kann man bestimmt sagen: wenn wir auch die formale Anerkennung unserer weitestgehenden Forderungen erreicht hätten, sagen wir: einen jüdischen Staat mit allen formellen Attributen, wäre der Zionismus doch in derselben Situation geblieben wie jetzt. Es hätte sich nichts geändert. Das jüdische Volk hat in den langen Galuth-Jahren seine tätige Energie verloren und hat bloß die Möglichkeit pastiven Widerstandes. Und wenn es auch schon etwas zu schaffen beschlossen hat, so liegt dies auf der Linie des kleinsten Widerstandes. Was ist Zionismus! Ein jüdischer Staat, den man von einer oder vielen Großmächten erhält, und Schluß. So denkt die Mast« und so denken bedauerlicherweise alle großen und kleinen „Träumer aus dem Getto". Dies alles ist aber nicht richtig. Wenn man den Zionismus auf den einfachsten Ausdruck bringen will, so ist er zu aller erst kein politischer Erfolg, nur eine Aufgabe für eine Organisation für die ökonomischen Kräfte des jüdischen Volkes. D i e Verwirklichung des Zionismus hängt nur davon ab, was unser Volk allein mit seinen eigenen Kräften schaffen wird. Je mehr ökononiische Kräfte der Zionismus haben wird, desto schneller^ wird er politische Erfolge erzielen können. Der Zionismus ist praktisch zu allererst ein Problem der Masiensiedelung von Juden in Palästina, ein sehr schweres Problem und ein Unternehmen, zu dem man Hunderte von Millionen Pfund Sterling benötigt, überhaupt, wenn man von einer Emigration nicht nach Newyork oder Londön, m scholwfertigc ökonomische Zentren,, spricht, sondern nach Palästina, wo man alles erst von Grund auf schaffen muß. Es handelt sich nicht um eine Immigration von städtischen Arbeitern und Kaufleuten, sondern um eine solche, die eine aorikulturelle Bevölkerung schaffen soll. Dies sind alles Fragen nicht einer gelungenen Politik, sondern einer systematischen Organisierung unserer ökonomischen Kräfte. Bestenfalls kann die Politik für uns bloß Bedingungen für die Arbeit schaffen, aber nicht d'e Tatsache, die Wirklichkeit. Seien »vir offen: in unserer Epoche von politischer Sentimentalität kann man nicht^nach einem jüdischen Staat rufen, wo die Juden vorderhand nur eine Minderheit im Land bilden. Bloß Dichter können die Phrase wiederholen: „Gebet «in Land ohne Volk dem Volk ohne Land." Es ist wohl wahr, daß die Juden ein Volk ohne Land find, aber nicht wahr ist es. , daß Palästina ein Land ohne Volk ist. In Wirklichkeit ist Palästina nur ein Land, daS bei hoher Kultur wertere vier Millionen Menschen ernähren kann. Darauf stützt sich der Zionismus. Man darf aber nicht vergessen, daß unsere wirkliche Politik erst dann beginnen wird, wenn die Juden die Mehrheit der palästinensischen Bevölkerunbilden werden. Mit anderen Worten: wir müssen zu allererst in den nächsten Jahren in Palästina 600 000 Juden anstedeln. Dies ist eine riesige ökonomische Aufgabe. Laut Berechnung der maßgebendsten Fachleute benötigen wir für die nächsten^ Jahre mindestens 20 Millionen Pfund, um eine planmäßige Immigration in Palästina leiten zu können, d. h. um raschesteneine jüdische Mehrheit in diesem Lande zu schaffen, eine Mehrheit, die in ihrer ökonomischen und kulturellen Schöpferkraft stark sein soll, stark nicht mit Prätentionen, sondern mit realer Kraft. Dies ist die nächste Aufgabe des Zionismus, die nicht leicht, durchführbar ist. Um diese Frage zu lösen, bedarf cs der Anstrengung aller Kräfte unseres Volkes, der materiellen und geistigen. Man darf sich nicht, mit Politik oder mit fruchtloser Kritik beschäftigen. Man muß alle Volkskräfte sammeln und sie planmäßig organisieren. Das Volk muß alle Schwierigkeiten der vor uns stehenden Aufgaben kennen und muH verstehen, daß von seiner eigenen Energie, Organisierung und Opfcrwilligkeit die Erreichung'Unseres Ideals, d. h. seine Rettung a b h ä n g t. Wir stehen jetzt vor einer ganz unerwarteten Schwierigkeit. Die ökonomischen Kräfte des ganzen östlichen Judentums, das am meisten am Zionismus interesiicrt ist, sind de facto jetzt und noch für mehrere Jahr« paralysiert. Zum größten Teil sind die Ostjuden, besonders die Südostrußlands, ausgeplündert und ruiniert, und das Judentum des Ostens besitzt jetzt'Papiergeld, das auf dem internationalen Markte beinahe gar keinen Wert hat. Außerdem kann es überhaupt nicht organisiert werden wegen des vollständigen Zerfalls von Rußland. Dem westeuropäischen und amerikanischen Judentum obliegt jetzt die Pflicht,' die leeren Plätze einzunehmcn, die durch den Zerfall von Osteuropa geschaffen worden sind, um dem Zionismus die Mittel zu geben, die zur Organisierung de» Anfangs der Masienemigration nötig sind. Ich wiederhole: in der jetzigen Zeit ist der Zionismus keine politische, sondern eine ökonomische Frage." Manasie den Israel. Von Theodor Reinach. In diesen TaMn, wo die englische Politik sich mit der jüdischen im Aufbau des neujüdischen Palästinas findet, ist es am Platze, eines interesianten Mannes zu gedenken, der sich bereits im 17. Jahrhundert zu einem Führer jüdischer Politik aufwarf und im Cromwellschen England für. das Judentum seiner Zeiten zu wirken suchte. Seit der Regierung Eduards l. war England bis auf wenige Ausnahmen den 'Juden verschlossen gewesen; der mutige Rabbi von Amsterdam, Manasie Ben Israel, unternahm es, ihnen das Land wieder zu eröffnen. Ein guter Talmudist, großer Sprachkenner und gewandter und fruchtbarer Schriftsteller, war Manasie in fortwährender Korrespondenz mit den berühmtesten Schriftstellern seiner Zeit und erstellte sich einer allgemeinen Hochschätzung. Trotzdem war er ein ziemlich mittelmäßiger Geist und in messianischen Träumen befangen, und war z. B. fest überzeugt, daß die Nachkommen der zehn Stämme Israels sich in den Savannen Südamerikas wiedergefunden hätten! Aber gerade diese Leichtgläubigkeit mqchte seine Stärke au» und veranlaßt« ihn. stinen Glaubensgenossen Pnen unvergleichlichen Dienst zu erweisen, überzeugt, daß de» Messias kommen müsie, sobald die Söhn« Jakobs von einem Ende der Welt bis zum anderen zerstreut sein würden, schloß er daraus, daß es dringend notwendig sei, sie nach den britichen Inseln zurückzuführen, die er für die äußerste Grenze >er bewohnbaren Erde hielt. Daher seine fortgesetzten Antrengungen, die schließlich von einem posthumen Erfolg lekrönt wurden.