Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 25 (21.11.1919)
- Date
- 1919-11-21
- Page
- Seite 282 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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- Tunis 1× ep/1048155
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- 282 r- Anfang nehmen könnte. Di« Verzögerung habe notwendigerweise tiefe Unzufriedenheit ausgelöst. Die Zionistenführer hätten ihr Bestes getan, und das jüdische Volk wäre zur Hoffnung berechtig, daß die Erfüllung seiner Hoffnung sehr nahe sei. Lord Rothschild schlug eine Dankresolution für die englische Regierung, Balfour und das englische Volk vor. Die Versammlung nahm den Vorschlag mit lebhaftem Applaus auf. i James Rothschild, der Sohn des Barons Edmund de Rothschild, der mit-der jüdischen Legion in Palästina gekämpft hatte, hielt ein« hebräische Ansprache. Sokolow, der nach ihm das Wort ergriff, wurde eine begeisterte Ovation bereitet. Er trat in seiner Rede den Angriffen entgegen, die von Gegnern und Skeptikem in den letzten Monaten gegen die zionistische Organisation gerichtet worden waren. Die Zionisten hätten ihr Programm nicht geändert oder verwässert. Der Zionismus > erstrebe nicht die Gründung eines unabhängigen Staates, sondern einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Er gab seiner Überzeugung Ausdruck, daß die politische Situation in wenigen Monaten geklärt-sein würde. Es stehe fest, daß Großbritannien das Mandat über Palästina erhalten werde. Bevor er Paris verlasien habe, hätten ihn die Vertreter Italiens, Frankreichs und der Vereinigten Staaten der unerschütterlichen und entschiedenen Unterstützung der zionistischen Forderungen wiederholt versichert. Besonderen Nachdruck legte Sokolow auf die Erklärung, daß die Zionisten die besten Beziehungen mit den Arabern wünschen. Die Lieblingsidee des verblichenen Sir Mark Sylces einer Entente zwischen Juden, Arabern und Armeniern werde zweifellos verwirklicht werden. Oberrabbiner Dr. I. L.'Herz richtete eine begeisterte Ansprache an die Versammlung, die er mit den Worten schloß: „Chasak, chasak weamaz." Joseph Cowen schlug in seiner Rede vor, daß Jerusalem und nicht tzknf oder Konstantinopel zum Sitz der Völkerliga erklärt iverden sollte. Ein Tempel des Friedens müsie in Jerusalem errichtet werden. Ansprachen wurden ferner durch Malcolm, den Prästdenren des Armenischen Komitees, und Boris Goldberg (hebräisch) gehalten. Goldberg beschrieb die Begeisterung, welche die Deklaration unter den Juden von Rußland hervorgerufen habe. Die Teklar.ation war der einzige Lichtstrahl in der schrecklichen Situation, in welcher die russischen Juden gezwungen.sind, zu leben. DieJudenheit des Westens habe die Pflicht, in der schweren Krise, welche die russische Judenheit jetzt durch mache, ihre Anstrengungen fwr dieVcrwitklichungderPaläftinahoffnungen zu vervielfachen. Die Versammlung nahm einstimmig eine Resolution an, in der die schleunige Verwirklichung der zionistischen Forderungen durch die Friedenskonferenz in Form eines internationalen Aktes und die für ihre Durchführung unentbehrlichen praktischen Maßregeln gefordert werden. Auf Antrag von Lord Rothschild beschloß die Versammlung. ein Begrüßungstelegramm an Prof. Weizmann in Palästina zu senden. Die denkwürdige Versammlung, schloß mit dem Absingen der „Hatikwah". Die englische Presie veröffentlichte über die Versammlung ausführliche Berichte. ♦ . * Die Zahl der Juden wird nach einer Statistik für Ende 1919 auf 15 530 000 geschätzt. Diese verteilen sich auf folgende Länder (Zahlen in Millionen): Litauen . . . Polen.3,3 Ukraine.3,3 Bereinigte Staaten . 3,1 Rußland u. Sibirien 0,9 Rumänien .... 0,6b Deutschland? . . . 0,54 Tschechoslowakien . . 0,45 Ungarn . . . . . 0,45 Großbritannien Deutschösterreich Jugoslawien . Frankreich . . Algier und Tunis Großarabteck Griechenland . . 0,35 . 0,3 . 0,3 . 0,2 . 0,15 . 0,15 .0,13 . 0,12 Niederlande. . . . 0,11 Marokko. . . . . 0,11 Argentinien i . . .0,1 Kanada.0,1 Türkei.0,1 Palästina . . . .0,1 Sonstige- Europa. . 0,2 „ Amerika . 0,03 „ Asien . . 0,01 „ Afrika . . 0,17 Australien . . . 0,02 * * Hilferuf! Unter den ostjüdischen Flüchtlingen, die durch die Pogromflut und die Judenverfolgungen aus ihrer Heimat fortgerissen wurden und in Deutschland Zuflucht suchen, herrscht größte Not. Nach einem leidensschweren Wanderwcg sind sic nun hier harten Entbehrungen ausgesetzt. ®4 ist Pflicht eines jeden Juden, hier helfend einzugreifen und nach Möglichkeit dazp beizutragen, daß unsere unglücklichen Brüder nicht durch Hunger und Obdachlosigkeit völlig zugrunde gehen. Herbergen, Unterkunftsmöglichkeiten, Speisehallen, Heime, Arbeitsstätten und Arbeitsnachweise müssen für sie geschaffen werden. Diese dringend gebotenen Aktionen erfordern in der gegenwärtigen Teuerungszeit sehr bedeutende finanzielle Mittel. Der „Verband der Ostjuden in Deutschland", der die Organisierung und Durchführung des Hilfswerkes für die ostjüdischen Flüchtlinge mit allen Kräften betreibt, ist daher auf die materielle Opferwilligkeit und die tatkräftige Mitwirkung aller derjenigen angewiesen, die ein warmes Herz für das tragische Los unserer vielgeplagten wandernden Brüder haben. Wir richten an sie den heißesten Appell: Leistet uns euren Beistand zur Durchführung der erforderlichen Hilfsaktion. Denket daran, daß zahlreiche Brüder völlig mittel- und obdachlos sind! Helfet uns durch die Leistung finanzieller Mittel, diese Unglücklichsten vor Not und Untergang zu schützen! Es gilt die Rettung unserer heimatlosen Brüder l Der Verband der Ostjuden in Deutschland. Berlin N. 54, Gormannstr. 29. * Die Lage der Juden in Bulgarien. Bulgarien hat der Friedenskonferenz eine Note überreicht, in der es gegen die Minoritätsklausel protestiert. Um die besondere Freundlichkeit der bulgarischen Regierung den Juden gegenüber zu beweisen, überreichte die bulgarische Delegation der Friedenskonferenz eine von der iüdischen Gemeinde verfaßte Denkschrift, der wir u. a. folgendes entnehmen: Bei seiner Gründung zählte Bulgarien, Südbulgarien inbegriffen, nur 15 000 Juden. Heute sind es 60 000. Diese Tatsache ist an sich schon sehr beredt, besonders wenn man bedenkt, daß in der gleichen Zeit Serbien und Griechenland keinen Zuwachs ihrer jüdischen Minoritäten zu verzeichnen hatten und Rumänien fast 100 000 jüdische Personen verlor. Die nach Bulgarien eingewanderten Juden sind fast aus allen Ländern Osteuropas gekommen, besonders aus Rußland, Rumänien und Polen, den Ländern der Pogrome, über Rustschuk, Varna und Saloniki sind jährlich Tausende auf der Flucht vor dem rusiischen und rumänischen Judenhaß nach dem toleranten Bulgarien gekommen. Als 1895 in Rustland Judenverfolgungen ausbrachen, hat Bulgarien allein unter allen Ländern Europas den jüdischen Flüchtlingen seine Tore weit geöffnet. Die meisten dieser Flüchtlinge sind bulgarische Bürger geworden und genießen alle politischen und bürgerlichen Rechte. Mährend des rumänischen Bauernauf standes 1904 wurden alle bulgarischen Häfen von jüdischen Flüchtlingen überschwemmt. Anstatt ihnen den Eintritt zu verwehren, wie dies durch andere Länder geschah, hat >ie Regierung von Sofia an die Präfekten der Donautädte ein Zirkulartelearamm erlaßen, in welchem vorge- Slrieben wurde, mit Hilfe der jüdischen Lokalgemeindeü li Maßregeln zu treffen, damit für die ersten Bedürfnisse der Flüchtling« gesorgt sei, und sie in da« Innere-des Lan-