Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 24 (14.11.1919)
- Date
- 1919-11-14
- Page
- Seite 270 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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*70 18. November angesetzte Delegiertenversammlung auf unbestimmte Zeit zu verschieben. London. DaS Londoner Jüdische Korrespondenzbüro berichtet: Am 2. November fand im Londoner OpemhauS eine große Versammlung statt, um die zweite Wiederkehr deS Deklarationstages zu feiem. Etlva 3000 ^Personen stillten das Haus. Der Saal war mit zionistischen Emblemen und Inschriften verziert. Der Versammlung, die «inen enthusiastischen Verlauf nahm, präsidiert« Lord Rothschild, der folgenden Brief des englischen Ministers für auswärtige Angelegenheiten vorlas': Foreign Office, S. W. 1. Samstag, den 1. November 1918. Herrn N. Sokolow! Ich habe das Vergnügen, Sie zu versichern — wenn eine solche Versicherung, was ich kaum glaube, gewünscht wird — daß in der Politik Seiner Majestät Regierung bezüglich der Errichtung eines nationalen jüdischen Heims m Palästina keine Änderung eingetreten ist. '• Ihr ergebener Curzon of Kedleston. Mar Aerschrl. Zu seinem 50jährigen Jubiläum. , Am morgigen Tage begeht die Synagogengemeinde 'Bonn ein seltenes, man kann fast sagen, ein im Leben der deutschen Juden beinahe einzigartiges Fest: Max Herschels Jubiläum einer nunmehr 50jährigen Tätigkeit in der Gemeindeverwaltung. Vor einem halben Jahrhundert er-! hielt der Jubilar von dem sei. Dr. Ludwig Philippson seine j Bestallung als Leiter des Beerdigungswesens, als welcher? ihm damals die Aufgabe zuficl, die sehr im Argen liegenden Friedhofsangelegenheiten zu reorganisieren. Kurze Zeit darauf wurde er formell in den Gemeindevorstand gewählt. Indem'wir dem Jubilar an seinem Ehrentage unseren Glückwunsch darbringen, wollen wir unseren Lesern die Freude machen, vor ihren Augen daS Bild seines arbeitreichen und gesegneten Lebens zu entwerfen. Max Herschel wurde in Bonn am 25. Sept. 1840 als Sohn des Buchbinders Salomon Herschel unten am Rhein neben der Synagoge geboren. Bis^zum 13. Lebensjahre besuchte er die jüdische Volksschule in Bonn, und kam als Barmizwohjunge zu seinem Vater in die Lehre. Ostern 1858 .verließ er das Elternhaus und ging als zünftig geprüfter Buchbindergeselle auf die Wanderschaft, die ihn in ganz Deutschland herumbrachte, und noch darüber hinaus in andere Länder führte. Unter anderm arbeitete er in n Wiesbaden, Leipzig und Wien. Heimgekehrt trat er ins väterliche Geschäft ein, daß er bis 1878 für den* kränkelnden Vater, von da an unter dem eigenen Namen führte und zu einem großen Betriebe auszubauen verstand. 1872 heiratete er Zilli Cohn aus Frankfurt a. M., mit der ihn bis zu ihrem vor einigen Jahren erfolgten Tode die innigste Liebe verband. 1895 zog er sich vom Geschäfte zurück und lebt fortan als Rentner, in Bonn. Von Jugend an begleiteten ^Max Herschel als gute Genien auf seinem Lebenswege zwei große U>eale. denen er allezeit das Beste seiner Seele und seines Könnens opferte: Poesie und Judentum. Wir müssen es uns hier versagen, all die zahlreichen Ämter und Ehrenmitgliedschaften anzuführrn, die Max Herschel im Laufe der Jahre , im jüdischen Gemeindelcben wie im kommunalen Leben Bonns beüeidet hat und noch heute beNeidet, oder im einzelnen der Verdienste zu gedenken, die er sich um seine Gemeinde erworben hat, wie z. B. in der bereits genannten Reorganisierung des Beerdigungswesen, die allein sein Werk ist. DaS Erstaunliche und Bezeichnende seines Lebens ist zweifellos, daß wir in Max Herschel einen jener Selfmademen und Autodidakten vor Augen haben, denen wir in der alten Generation öfters, heute aber kaum noch . begegnen. Einer unabgeschlossenen Bildung in der Jugehd geftllen sich Energie und'Bildungshunger und führen den Mann von Stufe zu Stufe bis zu Leistungen, die mancher nicht aufzuweisen hat. dem die Quellen der Bildung in Jugendjähren frei erschlossen waren. Am besten offenbart sich das in seinem poetischen Werke, das als reife Frucht seines Alters uns heute vorliegt. Als Max Herschel 1895 sich auS dem geschäftlichen Leben zurückzog, widmete er sich ganz der Leidenschaft de» Versemachens. der er schon von frühester Jugend verfallen war. Er entwickelte dabei eine Fruchtbarkeit, deren * Erstaunlichkeit nur derjenige ganz beurteilen kann, dem e» vergönnt war, mit dem Dichter einmal seine alten Mappen zu durchstöbern. Da finden sich Rhein-Wein- und Minnelieber. Heiteres und Ernstes, daneben in schier unendlicher Fülle Gelegenheitsdichtungen jeglicher Art, schließlich auch umfangreichere Schöpfungen, an denen schon der Mut des Unternehmens zu bewundern ist. Das Jahr 1905 bildete in seinem Schaffen einen Höhepunkt. In diesem Jahre wurde sein Lied ,Lluf den Heurigen von 1904" unter zahlreichen Mitbewerbern bei den Kölner Blumenspielen preisgekrönt undim Gürzenich unter donnerndem Jubel einer tausendköpfigen Menge vorgetragen. Wir drucken es-an-andever Stell« dieses Blat-- |e» ab. Aber in einem noch viel schöneren und für uns wichtigeren Sinne war das Jahr 1905 bedeutungsvoll. Damals erschien nämlich der erste Band seines poetischen Werkes „Im Tale Saron. Gedichte jüdischreligiösen r Inhalts, sowie hebräische Gebete, Lieder, Sprüche und Bibelstücke in fteier poetischer Übertragung von Max Herschel/ deren zweiter Band 1912 dann folgte. voll FrühlingSzauber liegt «in Tal Im heil'gen Lande fern. De- Hohenpriesters Gebet befahl Einst feine Bewohner dem Herrn. v Ein Garten scheint da» Tal zu fein, Mit köstlichen Rosen geschmückt; ES blühet und duftet die Feige, der Wein, Die Lilie dein Auge entzückt. N DaS tausendfarb'ge Blütenmeer ' Erfrischt ein heit rer Gefell, ';! vom hohen Karmel kommt er her, Der allebelebende Quell. Du hörst der Böglein süße» GekoS, ' Dich küsset balsamische Luft, Und doch — du wanderst ahnungSIoS! vielleicht auf deiner Gruft. Der Boden bebt und spaltet sich, / Der Tiefe Flamme, sie loht, . Im Blütenmeere erfaßt sie dich Und bringt dir verderbe» und Tod. J Doch wer deS Tale» Pracht geseh'n. Den Himmel so sonnig und klar, Den traulichen Quell von Karmel» Höh'n, ' Der scheut nicht de» Boden» Gefahr. Ihn zieht e» hinein, und er pflückt für Euch Der Blüten unendliche Zahl; j Drum betet, daß Gott, der gnadenreich, t Ihn schütze in „Saron» Tal". Mit diesen Versen leitete Max Herschel jenes Werk «in, in dem er für jedes Fest und jede religiöse Stimmung des jüdischen Jahres einem* Ausdruck fand. Ob. er die Menora des Chanukafestes oder den Ernst der' Kolnidrestimmuntz besang, ob er die Ewigkeit der Psalmen oder die goldenen Worte der Weisheit in Verse kleidete, ob er sich der leidenschaftlichen Wucht des Buches Hiob, seiner besten Schöpfung, oder der Glut der Profeten hingab, >immer tat er es mit Ernst, mit Liebe und mit voller Hingebung. Ja, selbst derjenige, der Max Herschels poetische Leistung nur unterschiedlich wird gelten lassen, kann da» bewundernswerte Streben nicht leugnen, das auS all seinen Versen spricht, und das selbst die weniger gelungenen, ge-