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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-10-31 · 23 (31.10.1919) · p. Seite 260

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
23 (31.10.1919)
Date
1919-10-31
Page
Seite 260 (sequence 6)
Language
German
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260 \ Was in Wirklichkeit hienieden mein war, das wird mir ja nach 120 Jahren folgen; und dann werden wir alle --zu einer ewiglebendiaen Kette vereinigt werden. Dasjenige aber, was wir ins Jenseits nicht Nachkommen wird, dies hat mir auch nie angehört. Ich erachte mich nicht für berechtigt, über das mir vom Allerhöchsten geschenkte Vermögen ganz nach meinem Ermesteü zu verfügen; hoffen aber, daß meine Erben auch nach meinem Tode in Frieden, Eintracht und Gerechtigkeit zusammenleben werden. Sollte es jedoch infolge irgend welcher Motive zur Teilung meines Nachlasses unter die Kinder kommen, so hoffe ich, daß es auf eine rechtmäßige, . redliche Art geschehen wird. v Ich bitte meine Angehörigen, zwei Zehntel meines Vermögens — und zwar den Teil baren Geldes, welcher durch den gleich nach meinem Tode erfolgten Verkauf der Mobilien und Immobilien, der Schuldscheine und persönlichen Verpflichtungen eingeflossen sein wird — folgendermaßen zu verwenden: ein Zehntel gebe man zu wohltätigen Zwecken für meine Seelenruhe hin. Das zweite Zehntel soll man denselben Zwecken widmen, für welche immer ein Zehntel meines Einkommens bestimmt war. Nämlich: der Unterstützung der Armen. Ferner soll man dem ersten, wie dem zweiten Zehntel 3 Prozent hinzufügen für den Fall eines Versehens in der Rechnung. Beide Zehntel sollen meine Hinterbliebenen den Armen unserer Ortschaft spenden und zwar nur solchen, die nicht in unseren Verwandtenkreis gehören; denn man darf von. seiner eigenen Wohltätigkeit keinen Nutzen ziehen, und unsere Verwandten gehören ja mit zu uns. Letzteren bitte ich die -weitgehendste Hilfe zuteil werden zu lassen. Auf meinen Grabstein sollen nur mein Name, der meines Vaters und mein Sterbetag kommen. Jetzt will ich an meine Söhne und Schwiegersöhne die inständige Bitte richten: Gebet euch nicht zuviel den irdischen Genüssen hin, trachtet nicht stets nach großen Handelsunternehmungen, denn in demselben Maße, wie bcr „Kaufmann" in uns zunimmt, nimmt der „Jude" in uns ab. Verlasset euren Geburtsort nicht und lastet euch von der Gewinnsucht nicht in fremde Länder verlocken. Der Allmächtige vermag überall seinen Segen zu verleihen. Ganz besonders möchte ich dies meinem teuren Sohne Jechiel ans Herz legen, da ich in ihm das Streben nach Geld bemerkt habe. Ferner bitte ich meine Hinterlastenen dringend, jedes Jahr vor „Rosch Haschanah", so wie ich es zu tun pflegte, ein Zehntel des Einkommens den Armen zu spenden und verschiedene Geschenke unter unsere, notleidenden Verwandten zu verteilen. >Und wenn unsere>Geschäfte einmal keinen Ertrag zeitigen, und selbst wenn sie auch — was Gott behüte — Verlust erleiden, so sollen meine Erben desien ungeachtet doch Wohltat üben; denn wir müssen die uns zustoßenden Unannehmlichkeiten als eine vom Allvater gekommene Versuchung hinnehmen, und in Gott ist unser Heil. Meine größte Bitte jedoch besteht darin, daß meine Söhne täglich mindestens ein Blatt „Gemara" und ein halbes Blatt „Reschith Chachmah" lernen und wenigstens einmal jährlich zum „Zaddik" fahren sollen. Die weiblichen Personen in meinem Hause sollen an Sonnabenden und Feiertagen „Kaw Hajaschar" Md „Zeeno Ureno" im Jargon lesen. Ferner sollen meine Sühne an jeder „Jahrzeit" den ganzen Tag dem Studium der heiligen „Thora" widmen, und die Frauen sollen Gutes tun und Almosen spenden. Alles jedoch im Geheimen und ohne Aufsehen." m Als Moritz Bendetsohn — der Sohn des Rebb Benjamin — gestorben war, fand man folgende Zeilen, in der Landessprache abgefaßt, vor: „Man depeschier« meinem Sohne nach Paris, daß er zu meinem Begräbnis kommen soll. ft Einen Teil meines Vermögens, etwa 10000 Rbl., stelle ich als Fonds der jüdischen Gemeinde zur Verfügung, wovon ein gewisier Prozentsatz zu jeder „Jahrzeit unter Arme verteilt werden soll; die übrigen Zinsen sollen folgendermaßen vergeben werden: zunächst an meine Verwandten, dann an die Verwandten meiner seligen Frau, ferneren die verarmte Kaufleute, und endlich an die vom Ältesten der Familie Empfohlenen. 1 Für 10-000 Rbl. errichte man im Hospital ein Krankenbett auf meinen Namen. Bei meinem Begräbnisie soll mein Sohn größere Summen der Armenunterstützung zuwenden und der Gemeinde den für die Aufsicht und Erhaltung meines Grabsteins nötigen Betrag auszahlen. Den Grabstein soll der Bildhauer Wojciechowski nach den von mir hinterlastenen Vorschriften ausführrn. Ferner bitte ich meinen Sohn, eine größere Summe Geldes den Lehrern und Schülern der „Talmud Thora", welche an meiner Totenfeier teilnehmen werden, auszuhändigen. Er soll auch einen „Dajan" oder einen „Lamdan" bestellen, um nach mir „Kaddisch" zu sagen. Die Geschäftsfirma soll lauten: Moritz Bendetsohn Nachfolger. Was mein sonstiges Vermögen und Verpflichtungen betrifft, so..." (Wir lasten die nun folgende Reihe von Ziffern und Namen aus.) O * * IV. Ich, der Nachfolger von Moritz Bendetsohri, schließe meine Rechnung mit dem Leben weder freudig noch wehmütig ab. Ich tue es vielmehr in tiefster Verachtung seiner Zweck- und Ziellosigkeit. Aristoteles war ein großer Weiser, — er hat's gesagt: Die Natur duldet keine Leere. Unsere ganze Welt ist ein schauderhafter Mechanismus, wo jene kleinste Schraube ihre feste Bestimmung, ihre von vornherein bezeichnete Aufgabe zu erfüllen hat. Wird sie untauglich oder hat sie ihre Bestimmung vorzeitig ausgeführt, so muß sie, als ein überflülsiges Ding, beseitigt werden oder, bester gesagt, sie muß ins Nichts wieder zurückkehren. Ich kann nicht länger leben, denn ich erfasse den Lebensinhalt nicht mehr, ich habe alle Tat- und Lebenskraft verloren. Ich habe in kurzer Zeit alles durchlebt, — alles, alles genosten. Es war für mich zu viel des Guten. Was ich auch alles studiert habe, eine Kenntnis konnten mir meine Professoren nicht beibringen: die Kunst zu leben, ohne das '"Leben zu vergeuden, d. h. auf eine gesunde, naturgemäße Art zu leben. Ich liebe nichts, und es gibt nichts auf Erden, was imstande wäre, mich ans Leben zu fesseln, weil ich schon alles gesehen, alles durchkostet habe. Ich habe viele Fraueil geküßt und doch war inir keine besonders teuer. Die große Erbschaft, die mir zuteil wurde, vergrößerte sich fortwährend ohne die geringste Mitwirkung meinerseits; auch ist das viele Geld mir ganz gleichgiltig. Meine Seele lechzte nach dem Empfinden eines unbefriedigten Bedürfnisses, sie wollte sich selber fühlen. Ta!n«ßen mich Die Arzte auf Reisen gehen, Zerstreuungen uchen, Sport streiben. Mir wurden immer die Surrogate >es Lebens und der Arbeit zu teil, ohne daß ich je weder das wahre Leben, noch die echte Arbeit gekannt hätte. Ich besuchte viele Weltgcgenden und fiihlte mich zu keiner hingczogen; ich verständigte mich in vielen Sprachen und keine ward mir einverleibt. Ich wechselte Wohnort und Gesellschaftskreis, wie man etwa Gummischuhe wechselt. Die ganze Welt stand zu meinen Diensten, und doch behielt ich von ihr keinen Flecken, bis sie mir am Ende nun ganz zur öden Wüste geworben ist. )

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