Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 23 (31.10.1919)
- Date
- 1919-10-31
- Page
- Seite 258 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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zu bringen. Ein Beispiel möge dabeweisen. Wie di« Söhne Jakobs ihrem Vater die Nachricht bringen, sein Lieblingssohn,-den er als tot beweine, sei noch am Leben und herrsche über Ägypten, da ruft Jakob ein einziges Wort aus, das ganz den Eindruck wiedergibt, den die Kunde auf ihn macht. Alle sein« Gefühle faßt er zusammen in dem Worte: „ES ist zu viel!" Die einfache und erhabene Diktion deS Fünfbuches wird allgemein gerühmt. Ein französischer Denker behauptet, er kenne in der ganzen Weltliteratur keinen erhabeneren Satz, als den ersten Satz der Bibel: „Im Anfang« schuf Gott Himmel und Erde." Stellen mit rein lyrischem Gehalte, wie die eingeflochtenen Lieder, sesieln durch ihre bilderreiche Sprache, durch die vielen anschaulichen Vergleiche. Ich verweise auf das wunderschöne Lied, das Moses vor dem Tode singt. Wie herrlich ist die Stell«, die von der Fürsorge Gottes für das israelitische Volk handelt: . Er findet ihn im Lande der Wüste, in der Einöde beim grausigen Geheul; er umkreist ihn, er gibt auf ihn acht, er behütet ihn wie seinen Augapfel, wie der Adler sein Rest bewacht, über seinen Jungen schwebt er, er breitet die Flügel au-, er hebt sie, * er trägt sie auf seiner Schwinge. * Das beste Zeugnis für den tiefen Eindruck, den die Sprache des Fünfbuches macht, ist die große Anzahl von Bildern und Vorstellungen, die in fremde Sprachen Eingang geflmden haben. Namentlich die deutsche Sprache ist reich an Redewendungen. die der Bibel entlehnt sind. Dieser wahrhaft dichterischen Sprache entspricht ein Inhalt, der wohl geeignet ist, Phantasie und Geist zu fesseln. Phantasievoll, originell, reich an bewegter Handlung, hat das Fünfbuch von jeher Dichter jüdischen und christlichen Glaubens angeregt, seine Gestalten zu Helden ihrer Weüe zu wählen, seinem Stoffe großes Interesse entgegenzubringen. Von Hans Sachs, der die Geschichte der Patriarchen dramatisierte, bis auf die jüngste Zeit, da Gerhart Hauptmann in seinem .Hirtenlied" die Liebe Jakobs und ahels besingt, Arno Nadel, der in einem biblischen Drama dam, den Urvater der Menschheit, behandelt, Richard Beer-Hofmann, der den „Traum Jakobs" dramatisiert. Die wechselvolle Geschichte Josefs findet im deutschen Drama deS 16. Jahrhunderts ihre Würdigung. In dem Fünfbuche finden wir die verschiedensten Motive vertreten: Hohes und.Erhabenes neben Niedrigem und Verächtlichem, Tragisches neben Humoristischem» die Schöpfung der Welt, den Sturm der Völker gegen Gott neben den Weiberintriguen im Hause Jsaks und den Streichen Labans, Schilderungen von patriarchalischen und idyllischen Zuständen neben solchen, von den verlotterten Verhältnissen im überkultivierten Ägypten. Am dramatischsten dürften wohl die Stoff« sein, in deren Mittelpunkt Jakob und Josef stehen. Eine Hauptforderung der Ästhetik ist es aber auch, alles Chaotische zu vermeiden, zwar viel zu bringen, jedoch so, daß sich alles mit einemBlicke übersehen läßt. Diese Einheit in der Mannigfaltigkeit wird am besten durch eine klare, zielbewußte Disposition erreicht, die auf den ersten Blick daS Wesentliche vom Unwesentlichen, das Mittel vom Zweck unterscheiden läßt. Diese Aufgabe löst das Fünfbuch so glänzend, daß man sogar äußerlich erkennt, was als Ziel und was als bloße Station auf dem Wege zu diesem Ziele betrachtet wird. So lehrt uns z. B. die Komposition des ersten Buches, daß es das Fünfbuch auf «ine Geschichte des israeli tischen Volkes abgesehen habe, gehn Stellen nämlich — abermals sehen wir die. Zahl 10 als Grundlage für die Einteilung genommen — beginnen mit den Worten: i Im Folgenden ist die Geschichte, und zwar: „Im Folgenden! ist die Geschichte des Himmels und der Erde", „Im Fol- 1 genden ist die Geschichte Adams", „Im Folgenden ist die i Geschichte Noahs". „Im Folgenden ist die Geschichte Sems" j usw. An der 10. Stelle heißt es: „Im Folgenden ist die ' Geschichte Jakobs". Eine Reihe weiterer Fordeningen erheben sich auf Grund folgender Betrachtungen. Di« Poesie stellt sich die Aufgabe, vor ünseve Phantasie eine eigene Welt hinzuzaubern. Je mehr ihr die Täuschung gelingt, desto bester hat sie ihr« Aufgabe gelöst. Diele Täuschung erreicht sie vor allem durch eine natürliche Darstellung, die jede Übertreibung, jede Verzerrung vermiedet. An diesemGrundsatze hält das Fünfbuch strenge fest. Um die Wahrscheinlichkeit zu wahren, scheut es sich nicht, seine Helden, die doch moralische Muster sein sollen, mit nrettschlichen Gebrechen behaftet darzustellen. Selbst Moses sündigt und darf nicht. in das gelobte Land. Ein weiteres Mittel, die Illusion zu erhöhen, ist, daß man alle Vorgänge zu motivieren sucht, jedem Zufalle, jedem äea» ex machina aus dem Wege geht. Wie kunstvoll ist hier das Fünfbuch! Wie genau wird z. B. der Haß der Ägypter gegen die Israeliten begründet, die Privilegien der Israeliten im Lande Gosen gegenüber der drückenden Sklaverei der Ägypter, die scharfen Gegensätze in den Nationalitäten und Kulturen. Ein weiteres Mittel, die Täuschung zu vergrößern, ist die scharfe Charakteristik. Für die Kunst des Fünfbuches, Charaktere fast plastisch darzustellen, will ich bloß zwei Beispiele anführen: Abraham und Laban. Auf der einen Äit« ein friedliebender, gastfreundlicher Scheikh, der zu jeder Zeit hilfsbereit ist und bei jeder Gelegenheit seine Herzensgüte und seinen Großmut offenbart, auf der anderen Seite — die Schilderung dieses Charakters entbehrt, nicht des Humors — rin gewiflelnoser, heuchlerischer, frömmelnder Betrüger, desien Schlauheit ihn nicht davor schützt, von einem Schlauen überlistet zu werden. Wenn wir noch den Umstand in Betracht ziehen, daß zur Zeit, als der Pentateuch abgefaßt wurde, das Schreiben große Schwierigkeiten bereitete, müssen wir nolens volenS zugeben, daß die in ihm enthaltenen Schönheiten jedes Maß übertreffen. - Das Fünfbuch Mosis befriedigt alle ästhetischen Forderungen, die vom geschulten Beobachter gestellt werden können. . OslMfche Krnferen). Der „Verband der Ostjuden in Deutschland" hat den Beschluß gefaßt, ,zu Weihnachten eine ostjüdische Konferenz nach Berlin einzüberufen. Tie Konferenz soll aus gewählten Delegierten von dem Verband angeschlossenen oder sich noch anschließenden ostjüdischen Ortsgruppen und Vereinen aus ganz Deutschland zusammengesetzt sein. Auf je 50 Mitglieder, für die Landesbeiträge von je 5 M. an die Zentrale des Verbandes abgeführt werden, kommt ein Delegierter, für je weitere 50 Mitglieder mit entrichtetem Landesbeitrag von 5, M. ein weiterer Delegierter. Die Tagesordnung der Konferenz wird noch bekannt gegeben werden. Auf der Konferenz sollen die aktuellen Fraßen, die sich aus der gegenwärtigen Lage der Ostjuden ergeben, im Anschluß an Spezialreferate eingehend beraten werden. Dazu gehört vor allem die Fürsorge für die ostjüdischen Flüchtlinge, die soziale und rechtliche Lage der Ostjuden in Deutschkdnd. die Stellung der Ostjuden in "den jüdischen Gemeinden und anderen Organisationen, die kulturellen Aufgaben der Ostjudenheit, der organisatorische Zusammenschluß der ostjüdischen Kreist in Deutschland und die Organisation des ostjüdischen Verbandes. Die ostjüdische Konferenz ist berufen, eine einheitliche Grundlage für die Zusammenfassung der Kiäfte und unser gesamtes soziales und kulturelles Werk zu schaffen. Bei der großen Wichtigkeit dieser Aufgabe ist es drin-! gend erforderlich, daß alle tätigen ostjüdischen Kreise in Deutschland mit größtem Eifer ungesäumt die nötigen Or-! ganisations- und Propagandaarbeiten für die Konferenz in > Angrjff nehmen und energisch durchführen. Wir ersuchen j dringend-alle in Deutschland bestehenden ostjüdis^n Vereinigungen, die sich unsetm Verband noch nicht angeschlossen haben, diestn Anschluß zu vollziehen und die erforderliche