Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 22 (31.10.1919)
- Date
- 1919-10-31
- Page
- Seite 248 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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248 Ader auch an die Gesamtheit unserer Glaubensgenossen ivenden wir uns mit dem Ersuchen Unterstützt und fördert den Handwerker jüdischen Glaubens! Wendet ihm Arbeit zu. helft auf dem wichtigen Gebiete der Berufsumschichtung, gedeihliche Arbeit leisten; Ihr helft mit zur Gesundung des deutschen Judentums und des deutschen Vaterlandes. Hier ist ein Gebiet, das dem jüdischen Zusammengehörigkeitsgefühl ein Feld zu dankbarer Betätigung bietet, hier findet jeder Einzelne unter uns Gelegenheit, praktisch die soziale Frage lösen zu helfen, an Gründung und Festigung mannigfacher Existenzen sich zu beteiligen. Der Heranwachsenden Jugend können hier neue Berufe, erschlossen, unseren Feinden erwünschte '■ Waffen entwunden werden. Oder sollten die Antisemiten Recht haben, wenn sie von uns sagen, wir hielten uns fern von körperlicher Arbeit? Wir scheuen sie nicht; aber wir müsien auch die Möglichkeit haben sie auszuüben, unseren Lebensunterhalt in ihr zu finden. In dieser Zeit schmachvollster Hetze hat der Handwerker jüdischen Glaubens einen besonders schweren Lebenskampf. Fördert das Handwerk! Fördert es durch Zuführung Eurer Kinder. Seht nicht mit Geringschätzung auf das Handwerk und den Handwerker. Fort mit überlebten Vorurteilen! Wir gehen zu Grunde, wenn wir unsere Kinder weiter wie bisher den akademischen und kaufmännischen Berufen zuführen. Wir müsien zu einer gesunden Berufsverteilung gelangen. Bedenkt, der tüchtige Handwerker muß heute «in Künstler in seinem Fache sein. In-der Kaufmannschaft sind die Aussichten trübe, die Möglichkeit, sich ohne erhebliche Kapitalien selbständig zu inachen, werden immer geringer. Noch trauriger sind die Aussichten in den akademischen Berufen. Von allen Seiten wird die dringende Mahnung erhoben, den Zustrom einzudämmen. Man darf ohne Übertreibung heute schon von einem „akademischen Proletariat" sprechen. Tausende von Ärzten und Rechtsanwälten leiden buchstäblich Hunger und Not; die anderen Berufe bleiben uns auch unter, der neuen Regierung nach wie vor vcrschlosien. Das Handwerk hat aber auch heute noch „goldenen Boden". Allerdings nur für den. der cs gründlich versteht und es mit Gewisicnhaftigkeit ausübt. Für Pfuscher und Nichtstuer, die glauben bequeme Schätze sammeln zu können, ist in unseren Reihen kein Platz. Sie sind auch nicht der Zufluchtsort für Existenzen, die sonst Zusammenbruch litten oder für junge Menschen nach dem Muster: „Laß' den Jungen Handwerker werden, zu anderen Berufen taugt er nichts"! Das Handlverk verlangt klaren Kopf, ernsten Willen und fleißige Hände, dann aber nährt es auch seinen Meister. Darum Ihr alle! Handtverker und Nichthandwerker, helft uns, Ihr helft Euch selbst. Kon Kerg und Tal. j Köln. In der Sitzung vom 18. Oktober hat der Beamtenverein der Synagogen-Gemeinde einstimmig beschlosien, an die Gemeindeverwaltung mit dem Ersuchen heranzutreten, bei Neuregelung des Wahlrechtes auch den Beamten gleich den Gemeindeinitgliedern das aktive und pasiiv« Wahlrecht zuzusichern. Bonn. Am 20. d. M. veranstaltete die hiesige Ortsgruppe des Zcntralvercins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens eine gut besuchte öffentliche Versammlung im Gemeindehaus. Herr l)r. Curt Alexander, Syndikus des Zentralvcreins. sprach über die antisemitisch« Betoegung, schilderte in fesielnder Weise ihre Entstehungsursachen und Erscheinungsformen, deutete die Kampfesmethode des Zentralvereins an und forderte die Bonner Vereinsgenosten zur energischen Bekämpfung des gefährlichen Gegners auf. Dieser Aufgabe, so führte Herr Goldreich in der anschließenden .Debatte aus, hätten diejenigen Juden in Bonn schlecht gedienit, die als Mitglieder der demokratischen Partei das kommunale Wahlbündnis mit den Deutschnationalen befürwortet hätten. Es sei für jeden aufrechten Juden *in Unding, für eine solche Liste zu stimmen. In diesem Sinn äußerte sich auch Herr kand. jur. Markus. Anderer Ansicht waren hingegen vor allem die Rechtsanwälte Herr vr. Cohn und Herr vr. Hermanns. Sie verteidigten die Listenverbindung als von politischen Gründen geboten und glaubten annehmen zu dürfen, daß die jüdischen Jnteresien dabei hinreichend gewahrt seien. Da sich die Debatte ausschließlich mit der Frage der Bonner Stadtverordnetenwahlen beschäftigt«, ging der Redner des Abends in seinem-Schluß auf diesen Gegenstand noch kurz ein und präzisierte seinen Standpunkt dahin, daß auch er niemals für eine solche Liste, auf der auch Antisemiten ständen, seine Stimme abgebcn könnte. Siegburg. Am Donnerstag den/46. Oktober, abends 8 Uhr, hielt unser zu neuem Leben erdachter Jugendbund eine Simchas-Thora-Feier ab. Die Mitglieder, welche der Einladung gerne gefolgt waren, wurden durch ernste und heitere Vorträge aufs Beste unterhalten. Ein kleines Tänzchen hielt Alt und Jung bis zur Mitternachtsstunde zusammen. Der Verein hat sich durch diese Veranstaltung wieder recht viele neue Freunde erworben, sodaß der Jüd. Jugendbund Siegburg schon 110 Mitglieder zählt. Altenkirchen. Nach fünfjähriger Ruhepause wurde hier der „Jüdische Literatur-Verein" wieder ins Leben gerufen. Es wurden gewählt: als 1. Vorsitzender Herr Max Tobias, als stellv. Vorsitzender Frl. Thekla Isaak. Die Beteiligung an dem Verein tvar derart groß, daß sich fast alle jüdischen Personen aufnehmen ließen. Der Verein hatte bereits am Simchas-Thora einen sehr schönen Unterhaltungsabend zu verzeichnen, an welchem unser verehrter Herr Lehrer Salomon die Anwesenden aufs Beste unterhielt. rMrwgmwraiiii i Dir Dotentaschr. □uOi>rjuoanur>na1.1ür:qgnnan > i.inn□ □ üo□ ü□ □ c.ooDf Ein r-lomonirAer ttrttil. Vor vierzig Jahren war's, in einer kleinen galizischen Stadt. Da begegnete Reb-Schmul dem Reb-Manasie. „Schulem-aleichem", sagte Reb-Schmul. „Aleichem-schulem", sagte Reb-Manasie. „Wohin gehen Sie?" fragte Reb-Schmul, und der Reb-Manasie antwortete: /.Wo werd' ich hingehen? Ich geh' nach Brody." Da hat der Reb- Schmul eine große Freude gehabt und war sehr beglückt über den Zufall, denn^r hatte eine Bestellung nach Brody. Fünfzig Gulden wollte er seiner Frau schicken, der Esther, und der Post kaute er nicht recht. Da bat er den Reb-Manasie. der Esther das Geld zu nberbringen. „Gern". sagte der. Aber die Hälfte wollte er für die Mühe des Überbringens. Ob er meschugge sei? meinte der And«>e. Einen Gulden wollte er geben. Manasse aber zuckte die Achseln. Er wollte lvas haben für seine Mühe. Dem Reb-Schmul'kam aber ein Gedanke. Er gab dem Reb-Manasie die fünfzig Gulden und sagte: „Gib der Esther so viel davon als Du willst." An seine Frau schrieb Schmul aber einen Brief: sie sollte sich nur an den Rabbi wenden, wenn der Reb-Manasie sie allzustark übcr's Ohr hauen wollte. Des letzteren Reise dauerte drei Tage. Er überbrachte der Esther in Brody die Grüße ihres Gatten und erzählte ihr. wie ihm.Schmul die fünfzig Gulden gegeben und dazu gesagt: Und dann gab Reb-Manasie der Esther einen Gulden, denn neunundvierzig wollte er.