Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 22 (31.10.1919)
- Date
- 1919-10-31
- Page
- Seite 249 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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249 Die Mther schrie: „Räuber, Dieb. Betrüger! Gib mir Mi« fünfzig Gulden!" Reb-Manaste sagte: „Ich gebe Dir so viel, als ich will!" Man ging zum Rabbi. Der alte Graubart ließ sich den Hergangder Sache erzählen. und haarklein berichtete ihm Reb-Manasse alles» zuvörderst das, was ihm Reb-Schmul gesagt: „Gib der Esther davon so viel, als Du willst." \ Die Sache war schwer zu entscheiden. Der Rabbi strich lange seinen grauen Bart, und der armen Esther klopfte schon das Herz vor Angst. Aber endlich hatte der Rabbi seinen Spruch gefunden: _^uAlso sprich, Manasfe, wie viel, willst Du von dem Gelbe?" „Neunundvierzig Gulden, Rabbi." „Also gib ihr so viel, als Du willst, die neunundvierzig Gulden, und behalte den einen Gulden für Deine Mühe." Der Reb-Manasse jammerte und schwordas Blaue vom Himmel herunter, aber es half ihm nichts. Noch heute loben die Juden in Brody die Weisheit ' des Rabbi Jsaak-Hazadok, Isaak des Gerechten. L. M. Lilien. l)er Lote erzählt: — Der Karfunkel. ' Bon Leopold Kompcrt. (14. Fonsetzung. Schluß.) Als der Morgen in Strahlen der Helle angebrochen war, kamen sie wieder durch den Brandeiser Wald, durch dessen vermeintliche Schrecken sic am gestrigen Tage der Psalm des ftommen Dichterkönigs geleitet hatte. Im Walde war es so frisch, Tautropfen hingen an jedem Blatte, und oben in dem Laube sangen Vögel, die sie gestern nich, gehört hatten. Gerade flog ein Vogel neben ihnen auf das dem Fahrgelcise der Straße, da sagte der Alte, der, seitdem er die Straßen Prags vcrlasicn, seine Lippen nicht geöffnet hatte: „Feiwelmann, wir müssen doch beizeiten daran denken, wie wir unsere Leute am nächsten Feiertage zu Hause mit etwas Neuem überraschen. Seit jener verunglückten Kcduscha haben sie nichts Neues von uns gehört. „Ich lvüßt' etwas/' sagt« der Baß nach längerer Weile darauf, „das will mir seit gestern nicht aus dem Kopfe." „Meinst du das?" Mit heller Stiumie und nicht geringen, Perständilisje sang nun David Brod die ergreifende Stelle aus dem berühmten Duette des vierten Aktes der „Hugenotten", die cs gestcnl bewirkt hatte, daß er seine Tochter erkannte. Sie hatte sich seinem Gedächtnisse ohne einen merkbaren Fehler genau eingeprägt. „Merkwürdig!" rief der Baß, „dasselbe habe ich auch gemeint." , Und auch er sang die schöne Melodie ohne allen Anstand. s Als sie nun in geringer Entfernung von der alten Heimat sich befanden, es war in der Nähe des „guten Ortes", blieb Feiwelmann, der Baß, plötzlich stehen. „David," sagte er mit unaussprechlicher Traurigkeit. „Beantworte mir-jetzt nur eine Frage, eine zweite lvill ich dir ein für allemal ersparen." „Wie ist es gekommen, daß du im Brandeiser Walde hast fingen können? Ist es in deiner Seele so überaus lustig? Bist du von etwabefreit, was dich gedrückt hat? Md freust du dich... daß du an s i e nicht mehr zu denken brauchst?" Ein trübes Lächeln legte sich um die Lippen des altrii Mannes. ,,Wie du mir doch vorkommst, Baß," sagte er. „Je mand war einmal in ein« Schatzkammer eingelassen worden. Er hat sich da von den aufgespeicherten Kostbarkeiten nehmen gekonnt, wonach sein Herz begehrt hat. Aber was, denkst du, hat er zuletzt aus all den Schätzen für sich ausgesucht? Einen einfachen, kleinen goldenen Ring, weil ihn der, ich weiß nicht an welche glüÄichc Stunde in seinem Leben geMhnt hat... Verstehst du jetzt mein Singen. Feiwelmann?" \ Spät in der Nacht kamen sie wieder zu Hause an. Niemand hatte es erfahren, wo sie gewesen, noch was mit ihnen vorgegangen war; kaum daß ihre Abansenheit bemerkt worden war. Am ersten Neujahrstage ertönte die neue Melodie, zum ersten Male auf din gar ernstes und weihevolles Gebet angcpaßt in der Synagoge. Die beiden Sänger ernteten dafür nach dem Gottesdienst ungeheures von allen Seiten gespendetes Lob. Man drückte ihnen die Hände, und hie und da machte sich und seiner Begeisterung so mancher in dem Ausrufe Luft: „Es gibt doch nur einen David Brod! Er bleibt der Alte." Umsonst berief sich der „verdorbene Student^ Gottlieb Weißfisch darauf, und behauptete es mit der ganze» Wucht seiner Persönlichkeit, 'er habe die Melodie schon irgendwo gehört, und wenn er sich nicht irre, so komme sie in Meyerbeers Oper: „Die Hugenotten" vor... er fand bei den Leuten keinen Glau^n und kein Vcttrauen. die nach wie vor bei ihrem Satze blieben» es gebe nur einen David Brod. Bei der jüngeren Welt glückte es ihm freilich um so mehr; aber diese entschied nicht. Die Melodie war das einzige, was die beiden Männer von ihrer Kunstfahrt nach Hause gebracht hatten... das tonende Erinnerungsdenkmal des Karfunkels... Kurze Zeit darauf starb, unerwartet schnell, der alle Vorbettr. Er war ohne Krankheit hinübcrgeschlummen. Es hatte sich seltsam gefügt, daß einige Tage vorher in der Gasse die Nachricht verbreitet war, der Graf sei von seinen Reiien zurückgekehrt und werde von nun an seinen beständigen Aufenchalt tin Schlosie nehmen. Das Gerücht setzte i;iiij», er sei ein noch finsterer Menschenfeind geworden, als er sonst gewesen, und laste nur die unentbehrlichsten Personen vor sich... Am Abende vor seinem Tode berief David Brod seinen langjährigen treuen Genostcn zu sich. „Du wirst sehen, Feitvelmann," sagte er schwach, „sie kommt doch noch einmal wieder... nicht zu ihm, der aus seinem Schlosse lebt, sondern zu mir, daß ich sie segne. Dann sage ihr, ich habe sie gesegnet..." Eines Tages lvurde Feiwelmann, der Baß. der mittlertveilc der Nachfolger David Brods im Synagogenamte geworden, durch den Wächter des „guten Ories" nach-dieser Stütie des Friedens berufen, wo ihn jeniand envartetc. Auf deni Grabe des Vorbeters fand er eine schwarz gekleidete und tief verschleierte Frau sitzen, die heftig weinte. Was zwischen den beiden gesprochen wurde, hat niemand je erfahren... Jsabella Brodini leuchtete als „Karfunkel" noch einige Jahre hindurch in wolkenlosem Glanze; dann verschwand sie plötzlich aus jener Welt, die nur Bewunderung und Siegeskränze für sie hatte. Sie ist seitdem wie verschollen. Feiwelmann, dem Sänger, scheint es bekannt zu sein, wo sie sich gegenwärtig aufhält. Wenigstens will man dies aus dein Umstande schließeil. daß er noch jetzt an jedem Todestage seines Vorgängers an die Armen der Gemeinde so bedeutende Unterstützungen verteilt... die milden Gaben können nur von der Tochter David Brods, vont „Karfunkel" hcrrühren. Ende.