Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 22 (31.10.1919)
- Date
- 1919-10-31
- Page
- Seite 246 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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246 land droht, dank der verbrecherischen Gmnmiknüttelpropa-. ganda antisemitischer Elemente, die die eigene Schuld am Zusammenbruche des Vaterlandes nur allzugern auf andere abwälzen wollen, sich die Welle des „Antisemitismus der Tat" zu ergießen. Den Hauptherd der alldeutsch-antisemitischen Reaktion stellen die Hochschulen dar. In einer „Allgemeinen Studentenversammlung" der Universität Breslau ist kürzlich trotz meines energischen Protestes und trotz der scharfen Gegenerklärung der sozialistischen Studentengruppe die Bildung eines „offen kämpfenden" Antisemitenbundes beschlosien worden, eines Bundes also, der sich die Herbeiführung russischer Pogromzustände in Deutschland zur Aufgabe stellt. Unermüdlich arbeiten die Antisemiten. Im Kampfe gegeneinander reiben sich die jüdischen Studenten auf l. ftetn Zusammenschluß ist vorhanden, und so macht der Antisemitismus dank dieser Uneinigkeit immer größere Fortschritte. Kommilitonen! Ich wende mich an Sie in zwölfter, in letzter Stunde. - Warten Sie nicht, bis man Sie und Ihre Angehörigen auf offener Straße erschlägt! Größer ist die Gefahr, als Sie gemeinhin denken! Lasten Sie die Sturmzeichen nicht unbeachtet. Warten Sie nicht, bis die gewissenlose Hetze ihre giftigen Früchte trägt. Schließen Eie die Reihen, stellen Sie zurück,, was trennend zwischen Unen steht; man wird bei Tätlichkeiten nicht fragen, ob Sie Zentralvereinler, Zionist, Orthodoxer oder „nur Anstandsjude" sind. In dieser Jnterestenfrage. in dieser Frage der Notwehr in des Leibes Bedrängnis darf es keine Anschauungsgegensätze geben. Bleiben Sie nebenbei Ihrem jüdischen Standpunkte treu, in der Abwehr aber seien Sie einig! Schließen Sie sich zusammen! Gründen Sie an allen Universitäten und Hochschulen Deutschlands neutrale „Jnterestenvereinigungen jüdischer Studierender!" Mit studentischem Gruße! Breslau. Felix Heimann, Stud. jur. Einladung zu einer jüdischen Hilfskonferenz. KZB. Im Nachstehenden veröffentlichen wir den Wortlaut der vom „Komitee der jüdischen Delegationen" versandten Einladungen zu einer' jüdischen Hilfskonferenz. An dic Gesellschaften und Komitees, die der Hilfe für die vom Kriege betroffenen Juden g e w i d m e t s i nd! In dem Moment, in dem der allgemeine Frieden kommen wird, steht das Judentum der ganzen Welt vor einer außerordentlichen Aufgabe. Es gilt, jenen Brüdern, die durch die Frontkämpse durch Deportationen, Pogrome. Okkupationen und sonstige Schrecken des Krieges ruiniert worden sind, die wirtschaftliche Wiedcraufrichtung zu ermöglichen. Der größte Teil der osteuropäischen Juden befindet sich in einem Zustand wirtschaftlichen Zusammenbruches, der eine Anspannung sämtlicher jüdischer Kräfte erforderlich macht, wenn diese Masten nicht untergehen sollen. Dazu sind nicht nur ungeheure Finanzmittel notwendig. sondern auch eine wohlüberlegte Systematisierung und Organisierung der ganzen Rekonstruktionsarbeit. Leider haben in verschiedenen Ländern bei weitem «roch nicht alle Juden, die dazu imstande sind, auch nur der primitiven Pflicht gegenüber ihren Brüdern genügt. Während Amerika und einzelne Länder Europas für die vom Kriege betroffenen Juden Bewundernswertes geleistet und einen großen Opfermut bekundet haven, gibt es bedeutende Teile des jüdischen Volkes, die trotz des Anblicks ihrer hungernden und verschmachtenden Müder bewußt oder unbewußt eine pastive Gesinnung an den Tag gelegt haben. Noch stehen die Formen nicht fest, welche die Möglichkeit schaffen »verden, die Folgen der Katastrophen zu vernichten oder zu mildem. So viel ist klar: die Hilfe muß von gewaltigen Dimensionen -sein und zugleich nicht einer unzulänglichen, zeitweiligen» philantropischen Aktion gleichen, sondem einen emsten. wirtschaftlichen und sozialen Charakter tragen. Zwei große Aufgaben müssen also zugleich gelöst werden: Die Beschaffung der Mittel und die richtige Verteilung. Beide Aufgaben find aber miteinander aufs engste verbunden. AuS den Formen der Hilfe ergeben sich auch die Formen der Herbeischaffung der Mittel. Für eine großangelegt« soziale.Art der Rekonstruktion sind ganz ander« Mittel aufzubringen, als für eine reine Wohltätigkeitsaktion. sogar wenn sie in ein gewisses System gebracht wird. Was im Sinne einfacher Verschenkung nicht zu erreichen ist. läßt sich durch Anleihen, deren Berwendurg kontrolliert wird, durch ein großangelegtes System der Herbeischaffung von Rohmaterialien oder ähnliche Methoden wohl durchführen. Je mehr es fichergestellt wird, daß die Empfänger dmch das ganze System der Verwendüng in die Lage versetzt werden, die gewährten Subventionen zurückzuerstatten, desto größer werden die Möglichketten der Aufbringung grandioser Mittel sein. Gewaltige Probleme stehen bevor. Um diese Probleme zu lösen, muß eiste ungeheure Energie entfaltet werden, begleitet' von Sachkenntnis sowohl der lokalen Derhältniste wie der Situation und des Lebens der Juden selbst. Wird diese Aktion in jedem Lande unabhängig organisiert und durchgeführt, so muß das Werk chaotisch, philanthropisch und nur von vorübergehendem Nutzen sein. ES wird den Untergang der Millionen nicht aufhalten und wird in seinen katastrophalen Wirkungen die Juden aller Länder beeinträchtigen. Das „Komitee der jüdischen Delegationen" zu Paris, welches für die Jnteresten des Ostjudentums eintritt, möchte rechtzeitig dafür Vorsorge tragen, daß durch die Vereinigung aller Kräfte in das drohende Chaos Ordnung hineinkomme, möchte rechtzeitig eine unübersehbare Katastrophe verhindern. Denn eine solche Katastrophe wird es sein, wenn nicht in der allemächsten Zeit die Richtlinien festgelegt werden, wie alle Energien zur Rettung deS minierten Judentums in Bewegung zu setzen, und welche Methoden der Hilfe anzuwenden sind. Der erste Schritt, um diese großen und komplizierten Ziele zu verwirklichen, ist die schnelle Einberufung einer Hilfskonferenz von Juden aller Länder. Das »Komitee der jüdischen Delegationen" zu Paris hat den Beschluß gefaßt, daß im November oder Dezember d. I. eine allgemeine jüdische Konferenz abgehalten werden müste. Es wendet sich jetzt mit dieser Aufforderung an sämtliche Hilfskomitees. welche zur Milderung der Leiden des vom Kriege betroffenen Judentums ins Leben gerufen wurden, an alle Organisationen, welche mit den wirtschaftlichen Problemen des jüdischen Lebens sich bcfasten (oder indirekt auf daS wirtschaftliche jüdische Leben einen Einfluß allszuüben suchen), und Persönlichkeiten, welche diesen Aufgaben sich widmen. An die Hilfskomitees und entsprechenden Organisationen in 25 Ländern Europas. Amerikas, Asiens und Afrikas ergeht der Ruf: „Kommt schnell zusammen, um das Ziel rechtzeitig klar zu fonnulieren, um die Komponenten der schweren Aufgabe kennen zu lernen, um die Kräfte, welche das Ziel verwirklichen sollen, pinzuschätzen, um das System der Rckonstruktionsarbeit festzustellen, um eine programmatische Coordination aller dieser Faktoren herzustellen. Geschieht es nicht bald, so wird es zu spät sein!" Indem wir uns jetzt an Ihre Organisation mit unserer Aufforderung wenden, beanspruchen wir Ihre Aktivität schon im vorbereitenden Stadium. Wir hoffen, daß Ihre Organisation schon bei der Festsetzung deS Programms entscheidend Mitwirken « wird. Denn nur di« Stimmen der in der Arbeit erprobten Kräfte,, nur deren Rat und Forderungen können maßgebend sein. Indem wir zu dem wichtigen Schritte die Initiative ergriffen haben, haben wir damit im Bewußtsein unserer Verantwortung einer allgemeinen jüdischen Pflicht genügen müssen. Wir erwarten aber von allen Hilfskomitee» selbst, daß sie mit der größten Beschleunigung ihrerseits an die \