Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 22 (31.10.1919)
- Date
- 1919-10-31
- Page
- Seite 245 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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lich-rechtlichen Gesamtorganisation des deutschen Judeni tum», grundsätzlich erreicht. Tine entsprechende Umaestallung seiner Grunbverfassung auf Gruitdlage der Aufrecht- «Haltung der unveränderten Selbständigkeit der einzelnen Gemeinden ist bereits in Vorbereitung und wird dem Gemeindetag. dessen Zusammenberufung für Ende Januar 1920 in Aussicht genommen ist, zur Beschlußfassung vorgelegt werden. _^ München. Ein Student hatte im Innern der Stadt Zettel angeklebt, in denen den Juden mit dem Laternenpfahl gedroht wurde. Der Angeklagte erklätte vor dem Bolksgericht, es sei sittliche Pflicht, mit allen Kräften denk Judentum entgegenzutreten, das unser Vaterland meuch- «lings gemordet habe, wie die Namen Eigner, Jaffö, Toller, Levien, Levinä bewiesen. Als der Vorsitzende den Angeklagten tadelte und zur Versöhnlichkeit mahnte, verwahrte sich der Verteidiger, Rechtsanwalt Kohl, mit erregter Sttmme dagegen, lehnte zuerst den Vorsitzenden, dann das ganze Gericht wegen Befangenheit, aber vergebens ab, und erzwang die Aussetzung der Verhandlung, indem er die Vettcidigung niederlegte, ohne welche vor dem Volksgericht nicht verhandelt werden darf. Emden. Das hiesige Stadtverordnetenkollegium er-- klätte sich damit einverstanden, der jüdischen Gemeinde vom l. April 1919 ab einen Zuschuß von jährlich 9500 Mark zu den Schulunterhaltungskosten für 1919, 1920 und 1921 zu zahlen. Luckenwalde. (Jubiläum.) Die hiesige Synagogengemeinde, welch« im Jahre 1869 aus dem Synagogenbezirk Beelitz—Treuenbritzen—Luckenwalde ausschied und sich zu einer selbständigen Gemeinde organifierte, beging diesen 50jährigen Gedenktag ihres Bestehens am Sabbath Bereschis durch eine gottesdienstliche Feier. Österreich. Wien. Hier wird im Laufe dieses Monats die dritte rituelle Küche der amerikanischen Kinderhilfsaktion in der Roßauer Kaserne eröffnet. Rußland. Wien. Auf Grund einer von der Petersburger Parteiorganisation der Kommunisten veranstalteten Enquete liegen Daten über die Arbeiterbewegung bis zum 1. Dezember 1918 vor. Demnach betrug die Anzahl der in Petersburg bolschewikisch organisierten Arbeiter 121 071, von denen etwa 60°/,, jünger als 30 Jahre sind. Nach der Nationalität verteilen sie sich folgendermaßen: Russen . . . . 74.2 °/0 Letten . . . . 10,2 °/0 Polen . 6.3°/» Esthen 3,7 %' Litauer . . . . 2,7 °/0 Juden .... 2.6 °/o Der geringste Prozentsatz entfällt also auf die Juden, wobei zu bedenken ist, daß mich der Abschaffung des Anfiedlungsverbotes für Juden in den großen Städten im März 1917 jüdische Arbeiter und Handwerker in großer Zahl nach Petersburg eingetvandert sind. Frankreich. Paris. Dem „Journal des Döbats" zufolge hat Professor Eli Antöbi in Alexandrien sich an das französische Unterrichtsministerium mit dem Verlangen gewendet, auch das Hebräische in die Liste der lebenden Sprachen aufzunehmen, die die Kandidaten des Baccalaureats zur Mittelschule als zweite Sprache bei den mündlichen Prüfungen in lebenden Sprachen angeben dürfen. Begründet hat er diese Forderung damit, daß mehr als 6 Millionen Juden hebräisch sprächen, daßesinPalästinaeineoffizielle Landessprache sei und daß die jüdische Jugend in Ägypten sich heute außer arabisch und englisch ebensogut hebräisch.ausdrücke. Die hebräische Sprache habe sich an den dortigen Schulen volles Bürgerrecht erworben, wenn auch die französische Sprache die Grundlage des Unterrichts bleiben toerde. — Auf Grund dieses Berichts sowie eines vom „Obersten llnterrichtsrat" erstatteten Gutachtens ist nun ministeriell entschieden worden, daß das Hebräische in Zukunft in Ägypten a l'S eine zweite lebende Sprache bei denBaccalanreatsprüfungen zugelassen sei. Paris. „Humanitö" vom 6. dieses Monats schreibt: Diesmal find es die Soldaten des Erzreaktionärs Denikin, die sich mit einer unerhötten Wildheit — Schrecken und Tod verbreitend — auf bie jüdische Bevölkerung stürzen. Die eingelangten, durchaus verläßlichen Nachrichten geben ein düsteres Bild über die judenfeindlichen Handlungen dieser „Retter" Rußlands. Überall, wohin die Horden^ auf ihrem „Siegeszuge" eindrangen, fanden wilde Pogrome statt. In Charkow, Jekaterinoslaw, Kreme n t s ch u g dauerten die Massakers mehrere Tage; aber auch eine ganze Reihe kleinerer Orte, als Grichino, Awdewsk, Eurliewo. Walki, Bogoducho usw., waren der Schauplatz furchtbarer Ereignisse. „Rettet Rußland!" „Erschlaget die Juden!" scheint der Schlachtruf der Denikin-Leute geworden zu sein. Eine judenfeindliche, offiziell begünstigte Propaganda wird in der Armee in Szene ge- Mt Zeitungen, Plakate, Flugblätter, fordern offen zu Pogromen auf. Bei den Soldaten, erregt durch Kämpfe und Metzeleien, findet diese Propaganda - fruchtbaren Boden. Schweiz. Bern. In der Schweizerischen Rationalversalnmlung interpelliette Nationalrat Brand den Bundesrat über die Judenmctzeleien in Galizien, indem er dem Bundrsrat nahelegte, gegen diese Erhörten Grausamkeiten die Stimme der Menschlichkeit zu erheben. Bundesrat Calonder führte in seiner Antwort folgendes ays: Ter Bundesrat hat die größte Anteilnahme empfunden für die Opfer der Jndcnmetzclcien; aber nicht jedes menschliche Empfinden kann den Bundesrat zu einer politischen Aktion veranlassen. Im Jahre 1918 sind dem Bundesrat von dem Verband „Pro Cause Judaica" und vom Zionistischen Verband Eingaben über, die galizischen Pogrome zugegangen, die er auf Bitte der Verbände hin den Ententeregierungen weitergab, ohne irgendwie zu den behaupteten Tatsachen Stellung zu nehmen. Der Bundesrat kann sich auf die Angelegenheiten selbst auf keinen Fall einlassen, da ihm die Mittel fehlen, die maßgebenden Tatsachen und die Verantwortlichkeiten festzustellen. Der Interpellant erklärte sich von der erhaltenen Auskunft nicht befriedigt. Palästina. Jerusalem. Mit Hilfe der Palästina-Wasser-Konunission wird in Palästina für jüdische Fischer Arbeitsgelegenheit geschaffen und haben dieselben ihre Tätigkeit bereits anfangs dieses Monats ausgenommen. Ferner lverden jüdische Scepioniere ausgebildet, um sie für den maritimen Beruß Fischer, Mattosen usw. vorzubereiten. Rom. Eine italienische Agenturmeldung besagt: Die Friedenskonferenz hat ihr Einverständnis mit einem italienischen Mandat über die heiligen Orte in Palästina und Syrien erklärt. Das Mandat soll nominell von dem König von Italien ausgeübt werden, der infolge des Titels eines Königs von Jerusalem, den er als Mitglied des Hauses Savoyen führt, den größten Anspruch darauf habe/!). Die Voraussetzung für diese Lösung ist, daß der! Vatikan sich mit dieser Regelung einverstanden erklärt. s \ * * * ' Die Presse bringt folgenden Aufruf: An die jüdischen Studierenden Deutschlands! Kommilitonen! Höher und immer höher schilpen die Fluten des Antisemitismus. Die Greueltatcn spanischer Inquisition, die Hölle der Kreuzzüge, die flackernden Scheiterhaufen mittelalterlicher Judenverbrennung, all dies verblaßt neben den unsäglichen Leiden, denest unsere Äemetn- ‘ schaft in den östlichen Ländern, in Polen, Rußland, der Ukraine, in Ungarn ausgesetzt ist. Und auch über Deutsch-