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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-10-31 · 22 (31.10.1919) · p. Seite 244

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
22 (31.10.1919)
Date
1919-10-31
Page
Seite 244 (sequence 2)
Language
German
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244 \ f allein war und noch nicht das Kind auf seinem Schoße wiegte, war er so ganz anders. Da lebte er in einer ununterbrochenen Spannung seines Glaubens, der für ihn etwas Wildes und doch so Beglückendes hatte. Da hatte er so viele Stunden voll hohen Rausches. Damals war es, daß er in den Sternen des Himmels und im Sande des Meeres seine Zukunft las, daß er aus sich herauswachsen fühlte die Häupter der Millionen. Seit Jsak da war, hattest diese Stunden aufgehört, tzfs war so alles andergeworden, und Abraham konnte sich nicht überzeugen, daß cs bester war. Da begann er sich um sein Leben zu ängstigen, und die Fragen kamen und gingen: „Warum kann ich nicht mehr so empfinden wie früher? Ist denn meine Glaubcnskraft gebrochen, meine Sehnsucht erschlafft? Und wenn es so ist, wie kam das? Ist das Kind daran schuld? Das ist doch töricht! Und dennoch, ich fühle es: eS ist das K nd! Das Kind ringt mit mir und schwächt mich. Freilich, seit es da ist, brauche ich ja nicht mehr so mir die Seele zu -ersehnen. Denn jetzt habe ich ja eine Gewähr, eine Bürgschaft meiner Zukunft! — Aber daß ich so ruhig werden mußte? Woher kommt das?' Habe ich an Gefühl eingebüßt? Hat mich die eine Erfüllung gebrochen? Kann ich mich vielleicht nicht mehr so sehnen? Kann ich nicht so aus mir selber blühen wie ehedem? Nicht mehr so glauben,, so aus mir allein, aus meiner drängenden, stoßenden Einsamkeit? Wenn Jsak nicht da wäre? Wenn das Kind plötzlich-" In einer Nacht ging es wie ein weißer Blitz durch Abrahams Hirn: — Nimm den Jsak, den einzigen, den du liebst —! Herr,' mein Gott, was willst du, Abraham? Was stehst du heute so früh auf? Was ziehst du dein Maultier aus dem Stall? Was nimmst du den Brand vom Herde? Was lädst du deinem Kinde Opferholz auf die Schulter? Wohin gehst du. Mann? — Abraham führt Jsak an der Hand und schreitet still dahin. Tr redet keinen Ton. Er hätte auch weiter geschwiegen, wenn das Kind nicht angefangcn hätte: — Vater? — „WaS denn, mein Kind?'' — Da ist das Holz und da ist das Feuer, wo ist denn das Lamm zum Opfer? — „Gott, mein Kind, Gott wird sich schon ein Lamm zum Opfer ersehen." — Dann geht es wieder stillschweigend weiter. Endlich kommt män zu dem Berge im Lande Moriah. An dem Berge wird Halt gemacht. Abraham steigt.mit Jsak hinauf, baut einen Altar, ergreift Jsak und zückt daS Messer. Da kommt endlich die erlösende Stimme vom Himmel: Abraham, Abraham! — „Hier bin ich!" — Nimm dein Kind und geh nach Haus! Wahrlich, du bist einer, der glauben kann: So sollst du der Vater werden aller Gläubigen! Da geht Abraham hin. Er geht anders, als er kam. Er geht im Gefühle seiner alten Kraft. Und im Bewußtsein eines neuen Lebens. Er weiß nun, wie es um ihn steht. Früher war sein Leben ganz die Zukunft und daS Heute war ihm nur um des Morgens willen da. Jetzt ist die Zukunft Gegenwart geworden. Wenn er sein Kind segnet, segnet er kommende Völker. So bleibt seinem Leben nur eines übrig: abzutragen den hundertjährigen Bau seiner eigenen Seele, und aufzubauen den Tempel der Verheißung über seines Kindes Haupt. Wird Jsak Erben haben? Wird er hundert Jahre sparten müsten wie sein Vater? Abraham weiß eS nicht. Aber eines will er wissen, eines sagen dürfen, ehe er den Fuß setzt, hinabzusteigen in die schollige Gruft: Ich habe einen Erben. Einen Erben meiner Liebe, meiner Sehnsucht, meines Glauben-, ineiner Kraft. Gott segne ihn. Emil E o h n. Alockenfcbau. Tatsachen und Ergebniste. Deutschland. 'Berlin. Der Hüuptvorstand der Deutsch-» nationalen Volkspartei in Berlin hat zur Beseitigung aller Unklarheiten über einen antisemitischen Charakter folgende Entschließung gefaßt: >„Die Deutschnationale Volkspartei steht auf dem Boden desdeutschenVolkstums (!). Von dieser Grundlage aus kämpft sie gegen jeden zersetzenden undeutschen Geist, mag er von jüdischen oder anderen Kreisen ausgehen. Sie wendet sich besonders gegen die Vorherrschaft des gudentums, die seit der Revolution in Regierung und' ffentlichkeit immer verhängnisvoller hervortritt." Außerdem wurde folgende Entschließung, angenommen: „Der Hauptvorstand der Deutschnationalen Volkspartei spricht den deutschnationalen Fraktionen der Nationalversammlung und der Landesversammlung volle Zustimmung zu ihrem Vorgehen gegen die Überschwemmung Deutschlands mit ostjüdischen Elementen aus. Er ersucht sie, auch wei- ~ terhin nach Kräften auf ein Verbot der jüdischen Einwanderung zu wirken." Berlin. Bei der Eröffnungsfeier, mit der die F r e i e jüdische Volkshochschule am S.onntag, den 12. Oktober, im Logenhaus in der Kleiststraße 10 ihr Hcrbstsemester einleitete, sprachen Herr Hans Goslar über „Wirtschaftsfragen der deutschen Juden" und Herr Rabbiner vr. Bergmann über „Geschichte und Legende". Berlin. Am 20. Oktober beginnen in der hebräischen Sprachschule neue Anfängerkurse (5 Stunden wöchentlich), in denen nur die Kenntnis des Lesens vorausgesetzt wird. Unterrichtslokale: Zionistisches Zentralbüro. Sächfische Straße 8 und Zionistischer Jugendverein, Heiligegeiststraße 52. Hörgebühr monatlich 12 M>, für Schüler 3 M. Umgehende Anmeldung unter Angabe deS gewählten Unterrichtslokals und der gewünschten Unterrichtszeit, die erst festgesetzt werden wird, an vr. Smoira, Berlin W. 15, Württembergische Straß« 25/26. Berlin. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund schreibt: In dem Aufruf, den wir zum 29. Juni dieses JahreS, dem Tage, an dem sich ein halbes Jahrhundert seit der Begründung deS Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes vollendet hatte, an unsere Bunde-- gemeinden gerichtet haben, sagten wir: „Um die Forderung. die die Gegenwart an uns stellt, zu erfüllen, gilt es, die Tragfähigkeit deS Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes zu erhöhen und seiner auf Freiwilligkeit beruhenden Organisation für alle Zukunft die Kraft und Heiligkeit eines selbstgegebenen Gesetzes zu verleihen. Daran wollen wir arbeiten, dazu rufen wir alle Kräfte auf. die in Israel lebendig find und zu neuem Leben erweckt werden können . . ." Nun ist der Augenblick für die Verwirklichung dieses hohen Zieles gekommen. Die Verfasiung des Deutschen Reiches vom 11. August 1919 bestimmt im Artikel 137, Absatz 5: „Die Religionsgesellschaften bleiben Körperschaften des öffentlichen Rechtes, soweit sie solche bisher waren ... Schließen sich mehrere derartige öffentlich-recht« ich« Religionsgesellschaften zu einem Verband zusammen, o ist auch dieser Verband eine öffentlich-rechtliche Körperchaft." Da nun die Synagogengemeinden, wie anerkannen Rechtens ist, öffentlich-rechtliche ReligionSgesellschaften md, so ist der Deutsch-Israelitische Gemeindebund im Sinne der Verfasiung ein Verband — von zur Zeit 1200 — öffentlich rechtlichen Religionsgesellschaften und hat auf Gnfnd vorstehender Verfasiungsbestimmung ohne Weitereselbst die Stellung einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft erlangt. Damit ist das Ziel, daS der Gemeindebund fett Jahrzehnten erstrebt, nämlich die Schaffung einer öffentv

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