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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-10-31 · 22 (31.10.1919) · p. [Seite]

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
22 (31.10.1919)
Date
1919-10-31
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Erscheint mit Erlaubnis der britischen Militärbehörden. vom Rhein I Der »Sote* erscheint jeden Freitag : 1 Bezugspreis: 50 Pf. monatlich! kRrdaktionSfchlub: Montagabend! _ n . wm*** «hii«. «»7. j Jüdisches WolKsblatt : Anzeigenpreis: 35 Pf. die vier-:! gefp. Petitzeile - Sl. Anzeig. bvPf. i : Bei Wiederhol, entfpr. Rad. - An.!; zeigenannahm« bitz Montag mittag : i herausgegeben von Rabbiner Or. L»jj Lohn, Bonn. Schristleitung und Geschäftsstelle: Bonn, Tempelstraß« [2. Nummer 22 Nonn, 8t. Oktober ISIS — 7 Ghefchwan 6680 1. Jatzrgimg. Irchall: wochenabschnttt: Abraham von Emil Lohn. — Wochenschau: An dir jüdischen Studierenden Deutschlands: Einladung einer jüdischen HUsSkonferrnz. — Zum Wahlrecht in den jüdischen vemeindrn. — Belachtet nicht die Arbeit, fle ehrt ihren Meister! von aul Soldmann. — Bon Berg und Tal. — Die Botentasche. — Der Sarsunkrl von L. Sompert. — Der BrreinSbote usw. «loooooliooooorioooloiaovoormoriookiooooociak»^ ö 8 8 Wochenabschnitt *jb. jj SgaaanacaoDflaaaaaDDDDDniiaaaaDaaaaaaaaDaa Abraham (1907). Vor viertausend Jahren entlief im Herzen Vorderastens ein Sohn dem Hause seines Vaters. Dieser Sohn war für seine Zeit ein Revolutionär. Er hatte eine Idee und fiir diese Idee durchbrach er die gesellschaftlichen Schranken seiner Zeit. Damals befand sich die menschliche Gesellschaft im Stadium der Familie. Es gehörte Mut dazu, aus dem Hause zu laufen. Abraham hatte den Mut. Cr wollte allein sein mit seiner Idee, sie sollte rein bleiben. Er aber fürchtete für ihre Reinheit inmitten einer unreinen Umgebung. So. ertönte ihm in der Nacht der geheimnisvolle göttliche Ruf: „Gehe aus deinem Lande und aus deinem Geburtsorte und aus dem Hause deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen lverde!" In das Land, das ich dir zeigen werde. Was war das für ein Land? Abraham wußte es nicht. Er zog ins Blaue, Üngewisie hinein. So war er also ein ganz unklarer Kopf? Ein Schwärmer, der im einzelnen gar nicht wußte, was er wollte? In der Tat, das war er, und das war seine Größe. Sein Denken ging weiter als alle Berechnung. Er hatte den Mut, seinem Drange zu folgen, ohne zu wisien, wohin. Nur eines wußte und fühlte er: Es treibt mich! So ging er. Bald kam er in ein Land, das ihm wohlgefiel. Das lvar ein Land von Bergen und die Berge troffen Wh Moste; es war ein Land der grünen Weiden und die Weiden flosicn von Milch. Da sagte sich Abraham: „Das ist mein Land!" Das war lächerlich. Denn das Land war längst besetzt. Da herrschten Fürsten und mächtige Könige. Wenn die gehört hätten, daß da ein Mann herumzöge in ihrem Lande und sich einbildete, es wäre sein Land, sie hätten den Narren verspottet. Freilich würde er sich das kaum zu Herzen genommen haben. Ich weine nun, es gehört Kraft dazu, sich auf solche Weise lächerlich zu machen. Diese Hraft gab ihm seine Idee. Als eine göttliche Verheißung war sie ihm in seinen Nächten gekommen, erst unklar, dann aber immer deutlicher und lichter, bis es einmal ihm ganz nahe ertönte: „Geh l Ich werde dich zu einem großen Volke machen und dich segnen. Groß soll werden dein Ruf, ein Segen sollst du sein." Der Mann also, desicn ganze Größe darin bestand, ein Einziger zu sein,-war durchaus nicht gewillt, ein Einziger zu bleiben. Die Eins in seiner Person sollte sich vermillionfachen. Das wollte 'er und glaubte daran. Er glaubte daran, obgleich er ein Greis war und keinen. Erben hatte. Er glaubte ohne die geringste Gewähr. Hätte er einen Sohn gehabt, so wäre der Glaube nichts Unerhörtes gewesen. So aber grenzte er wieder an das Lächerliche. Durch ihn . kam er auch weiterhin zu recht lächerlichen Gewohnheiten. So trat er manches Mal nachts aus seinem Zelte und fing an, die Sterne zu zählen. Und lvenn er nicht weiter kam, begann er laut vor sich hinzureden: „So viel wie die da oben werden, deine Nachkommen sein, so viel wie die da oben." Er war ein aller Mann und hatte eine alte Frau. ' Etwas sehr Trauriges kam hinzu: Abraham hatte niemanden, der so recht von Herzen mit ihm glaubte. Seine Frau Sarah schon ganz und gar nicht. Sic hielt den Sohn ihrer achtzig Jahre für eine Narrheit des Gatten. Sie lachte über den Gedanken und schickte Abraham zu ihrer Sklavin Hagar. Und als sie dennoch einen Sohn erhielt, wie Gott es verheißen, da mußte ihm Abraham den Namen Jsak, der Lächerliche, geben. Doch: ein Wesen gab es, das an Abraham glaubte. Das war eben jene Hagar, die fremde, ägyptische Magd. Die Geschichte dieser Frau ist tief erschütternd. Sie hekain^ vor Sarah einen Sohn. Abraham liebte sie; nicht bloß^ wegen ihres Sohnes, sondern auch um ihrer selbst willen. Er liebte sie so, daß er eine Zeitlang in ihrem Sohne seine Zukunft sah. Sarah aber quälte sie bis aufs Blut, daß sie ihr schließlich entlief. Aber bald kehrte sie zurück unter die Geißel der Herrin. Ein Abglanz jenes Glaubens, der Abraham erfüllte, war auf sie gefallen. Auf der Flucht war plötzlich der göttliche Ruf über sie gekommen: „Dein Sohn, Hagar, wird zu einem großen Volke werden!" Da kehrte die arme, fremde, gestoßene Sklavin zurück. Sie war bereit, zu dulden für diesen Glauben. Wir begreifen, daß Abrqham solch ein Weib liebte. Als niemand ihn verstand, verstand sie ihn schon. Und glaubte mit ihm. Als er sie aber verstoßen mußte, weil Sarah es wollte, als er sie trennen mußte für immer von seinem Glauben, da zeigte sich erst die Stärke dieses Weibes. Sie vermochte auch zu glauben — ohne ihn. Sie vcrniochte für sich, eine Art weiblicher Abraham zu werden, Gottes Ruf zu vernehmen aus der Höhe. In der jannnervollsten Wüste wurde auch ihr Sohn zu einem großen Volke. So groß lvar sie. und so groß war Abraham. Es gab Tragödien ür feinem Hause. Er aber hfclt Stand und schließlich simfing er ein Neugeborenes nnt seinen Armen, den echten Erben der Verheißung. Die Geburt Jsaks. Es war eine gewaltige Erfüllung. Und gewaltig wird Abraham sie empfunden haben. Und doch war etwas Eigentümliches dabei. Er wußte eigentlich nicht recht, was! Etwas wie eine Störung seines Gleichgewichtes. Als wenn sein Schwerpunkt sich belvegte. Manchmal kam es ihm vor, als könne er nicht mehr so stark, so lebhaft empfinden wie früher. Früher, als er »

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