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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-10-24 · 21 (24.10.1919) · p. Seite 235

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
21 (24.10.1919)
Date
1919-10-24
Page
Seite 235 (sequence 5)
Language
German
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vinKalverbänden. bann, als oberster Spitze, im Rrichsver- -ande erfolgen — darüber wird das tatsächliche Bedürfnis der Juden entscheiden, die diesen Aufbau zu schaffen haben. Der zu Tode geredete Gedanke eines deutschen Judenkon- S«sseS — eines Dauerkongresses — wird wieder lebendig werden, nicht als die Zusammenfassung und der Mumienkasten eines verblassten Konfesfionalisrmis, sondern al- Vertretung der zum Bewußtsein aller verbindenden Interessen erwachten deutschen Juden. Dieser öffentliche Verband muß alle Aufgaben übernehmen, die die Gesamtheit berühren und heut« von zersplitterten Privatvereinen ohne vollgiltige Legitimation und Stoßkraft gepflegt werden. Sr muß eine ösftn« und an sichtbarer Stelle vertretene jüdische Politik treiben, die allein Bevölkerungsminderheiten zu Erfolgen führen kann; er muß die Kultu^fleg« ordnen, Ausbildung, Stellung und Anstellung der Kultusorgane einheitlich regeln, die so viel verzweigte soziale Hilfstätigkeit zusammenfasien und planmäßig ausgestalten, und endlich die Erziehung der Jugend in Bahnen lenken, die dem Bedürfnis der Gegenwart und dem historischen Verantwortlichkeitsgefühl entsprechen. , Für diese Aufgaben ist durch die Reichsverfassung und das schon vorher auch den deutschen Juden errungene allgemeine direkte und geheime Wahlrecht eine Vorbedingung 'Die andere Bedingung, die Erkenntnis und das gesetzt- Könne rönnen, muß von rms.^den deutschen Juden, selbst geschaffen werden. &)(M! Kerg und $«l. Köln. Über die Kölner Studentenwahlen berichtet die Rheinische Zeitung: Am 10. Oktober sind an der hiesigen Universität die für dasLwischensemester statutengemäß vorgeschriebenen Wahlen zum Allgemeinen Studentenausschuß (A. St. A.) getätigt worden. Mit ungleich größerm Interesie als rm verflosienen Sommer hat diesmal die Studentenschafr das Ergebnis erwartet. Denn während die damals aufgestellten Listen ihrer Tendenz nach ziemlich unbekannt bl^ben und von einem Kampf um die Astafitze kaum die Rede sein konnte, hatte sich am 10. Oktober das Bild entjchicoen geändert. Da waren zunächst die schlagenden Korporationen mit einem Wahlvorschlag auf dem Platze erschienen. Sie sind, politisch betrachtet, als die Vertreter der Reaktion anzusehcn. Diese rühmenswerte Eigenschaft glaubten sie wenige Tage vor der Wahl dadurck beweisen zu müssen, daß sie sich zu einem „Waffenring^ zusammenichlossen, der seinen Mitgliedern Iiirt Anschlag am Schwarzen Brett die Genugtuung mit der Waffe jüdischen Studenten gegenüber verbietet! Wenn es auch nichts Lächerlicheres und zugleich Verächtlicheres gibt, als die üblen Raufsitten deutscher Studenten, so muß doch der Antisemitismus, der sich auch hier äußert, gebührend an den Pranger gestellt lverden. Der Jude ist nach Ansicht dieser Herren Freiwild, und man darf ihn ungestraft beleidigen! Es ist ganz unverständlich, daß es trotzdem jüdische Studentenverbindungen gibt, die Ton und Manier dieser alldeutschen Pogromo Hetzer nachäffen. Ob sie etwa glauben, dadurch als gleichberechtigt angesehen zu werden? Köln. Fräulein Veronika Raaf feierte am 12. Okt. das Jubiläum ihrer vierzigjährigen Tätigkeit in der Firma L. Feldheim Nachf. (Inh. M. Goldberg). Firmeninhaber und Angestellte ließen es sich nicht nehmen, diesen Tag durch eine Feier in den eigens dazu ausgeschmückten Geschäftsräumen zu begehen und die Jubilarin, der auch von nah und fern Glückwünsche übermittelt wurden, reichlichst zu beschenken. Bonn. Hier starb vor einigen Tagen nach kurzem schweren Leiden der stellvertretende Vorsitzende unserer Gemeinde. Herr Simon Meyer, und wurde unter großer Beteiligung zu Grabe getragen. Der Entschlafene erfreute sich nicht nur allseitiger Beliebtheit, sondern war auch in der Gemeindeverwaltung, durch seinen klugen und ruhigen Rat hochgeschätzt.- Mit einem seltenen geschäftSmännischen Geschick begabt, das ihn aus den kleinsten Anfängen zu einem tüchtigen erfolgreichen Manne werden ließ, verband er eine ebenso seltene, echte Bescheidenheit. Seine Wohltätigkeit. di« er im stillen übte, ließ ihn zu einem wahren Vater der Witwen und Waisen werden, unzähligen hat er geholfen und nie ist jemand leer von seiner Ture gegangen. Das Andenken des vortrefflichen Mannes wird nichr erlöschen. * Neuusied. Am 12. Oktober sprach hier in einem vom am jüdischen Jugendverein veranstalteten Vortrags- , der außer von den Vereinsmitgliedern auch von vielen anderen Gemeindeangehörigen besucht war, Herr Schriftsteller Georg Landauer-Köln über „Moderne Bestrebungen im Judentum". Von den mancherlei Strömungen innerhalb der Judenheit unterzog der Redner vor allem drei, nämlich die liberale, die orthdoxe und die nationale einer kritischen Würdigung. In allgemein verständlicher und gedankentiefer Form klärte er über die wichtigsten Merkmale und unterschiede dieser drei Bewegungen «ms. und zwar tat er dies in einer wohltuend maßvollen Art und Weise, die sich auch derjenige gefallen lassen konnte, der den Standpunkt des Redners, den nationaljüdiscken, nicht teilte. Der Vortrag wurde schon aus diesem Grunde von der Zuhörerschaft beifällig ausgenommen. An der anschließenden Diskussion beteiligten sich verschiedene Mitglieder unseres Jugendvereins sowie auch einige ältere Glaubensgenossen. Es muß festgestellt werden, daß die meisten nicht der gleichen Ansicht waren wie der Referent, vielmehr dessen Ausführungen in sachlicher Hinsicht teilweise ablehnten und mehr der Auffassung zuneigten, daß der jüdische Rationalismtls nicht die alleinige Lösung der Judenfrage in sich berge. In seinem Schlußwort erbot sich Herr Landauer, für seine statistischen und sonstigen Angaben jederzeit die erforderlichen Unterlagen beizubringen und trat auch den übrigen Einwendungen rednerisch wirksam und formvollen-' det entgegen. — Der Vortragsabend wurde allerseits als reckt anregend verlaufen bezeichitet und dürste allen Anwesenden reiche Belehrung und Vertiefung ihrer Kentnisse über die derzeitigen jüdischen Bestrebungen gebracht haben. Aachen. Bor wenigen Tagen find hier die ersten jüdischen Kriegsgefangenen, di« Herren Paul Ceelmann und Kurt Spies eingetroffen. Wir entbieten ihnen unsere herzlichsten heimatlichen Grüße und Glückwünsche und hoffen, daß nun auch die anderen, von ihren Angehörigen immer sehnsuchtsvoller und heißer Erwarteten baldigst in unsere Mitte zurückkehren. Aachen. Verein der weibl. jüd. Jugend. In der an» ü2. Sepr. stattgefundenen Generalversammlung gab Frl. Erna Pieck einen ausführlichen Bericht über das verflossene Vereinsjahr. Sie führte aus: Unser Verein hat es im Gegensatz zu den meisten anderen Verbandsvereinen ermöglicht, seine Tätigkeit während des ganzen Krieges nicht nur fortzusetzen, sondern sogar noch zu erweitern. Die erste längere Unterbrechung unserer Vereinstätigkeit trat erst nach Kriegsende ein durch die Besatzung, durch welche unsere Arbeit zunächst einige Monate ganz unterbunden und weiterhin sehr erschlvert lvar. Daß lvir aber trotzdem auch das letzte Jahr, wem» auch weniger, so doch g u t gearbeitet haben, bewies das lebhafte Interesse und die rege Anteilnahme unserer Mitglieder an allen Veranstaltungen. Zunächst hörten wir mehrere gute Vorträge von aktueller Bedeutung: Herr Generalagent Hirsch verdanken wir Aufklärungen über die Wahlen zur Nationalversammlung, die ja gerade für uns Frauen, die lvir zum ersten Male von unsenn Wahlrecht Gebrauch machteil, besonders wichtig waren. Herr Rabb. Dr. Jaulus sprach über „Die Stellung der jüdischen Jugend zu der» Gegenwartsftagen", ein Thema, dem alle Anlvescnden nicht nur mit dem größten Interesse folgten, sondern das uns auch manches Reue cts» -jüdischem Wissen bot. Weitere Vorträge hielten die Herren Dr. Alfr. Schmitz über „Das Theater als moderne Kultur-, statte", Bornträger (Charakterdarsteller, des Aachener Stadttbeaters) über „Die Entwicklung des deutschen Dramas". Rechtsanwalt Karl Lölvenstrsn über „Die. Trennung von Staat und Kirche und ihre Bedeutung für das Juden-

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