Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 20 (15.10.1919)
- Date
- 1919-10-15
- Page
- Seite 223 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3947615-6435923-6436992--0243-3947838- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
men, zu der äußerstgefährlich gewordenen Lage Stellung zu nehmen. Diese vemnstaltet am kommenden Montag, den 20. Oktober 1919,, abends 71/* Uhr, eine Versammlung im Saale des Düsseldorfer Hofs, Hundsgaste 1, in der der Syndikus des Zentralvereins Herr De. Alexander über den gegenwärtigen Antisemitismus sprechen wird. Der Emst dieser Sache muß für alle Mitglieder und auch für andere Anlaß sein, an dieser Versammlung teilzunehmen, um sich über die gefährliche Wühlarbeit unserer Gegner zu unterrichten. :a'a k~kk Xa k k k k k kk X k Der Bote erzählt: Drr KarsunKri. Bon Leopold kompert. (1 r. Fortsetzung.) »Sag mir, Ella, mein Kind," rief er, seinen Mund ihrem Ohre nahe, mit unheimlichen Flüstern, „muß ich mich wirklich auf den niederen Schemel hinsetzen, und um dich trauern und iveinen sieben Tage? Oder muß ich es nicht? Sag die Wahrheit. Ella, mein Kind, und fürchte dich nicht vor mir!" „Vater!" rief die Sängerin bebend, „ich l>erstehe dich nicht!" - ..Du verstehst mich nicht?" schrie er, und seine Gestalt schien zu wachsen. „Wamm verstehst du mich nicht? So will ich es dir sagen." „Vater!" rief die Sängerin, „du brauchst noch nicht zu trauem!" „Noch nicht!" Eine hohe Männergestalt lvar ins Zimmer getreten. „Der Herr Graf!" murmelte Feiwelmann. der bisher unbemerkt im Hintergründe des Zimmers sich aufgehalten hatte. Der Graf schien die lviden Männer auf den ersten Blick erkannt zu haben. „Nun. Jsabella!" sagte er in leicht scherzendem Tone. „Sie entziehen sich unserer Gesellschaft und feiern da im Dunkel der Nacht ein zärtliches Stelldichein, während wir Ihrer harren!" Tie Sängerin machte eine abivehrende Betvegung. Dem Grafen konnte es nicht entgehen, welch eine seltsame Wandlung das ganze Wesen der Sängerin ergriffen hatte. „Oh!" rief er. an die ztvei Männer sich wendend, „ist das nicht David Brod, der Vorbeter, mit seinem Bassisten Feiwelmann aus meiner Schulgemeinde? Seid mir willkommen. David Brod, uird auch Ihr, Mann, dem die Natur einen' so vortrefflichen Baß ^verliehen hat. Wie steht es in euerer Gemeinde? Wackeln tfie alten Häuser noch so? Lebt ihr noch zur Zeit des Laubhüttenfestes in eueren höl. zernen Marktbuden? Gehen euere Leute am Neujahrstage noch immer an den Fluß spazieren und werfen aus ihren Taschen die Brosamen in das Wasier, was, soviel ich mir sagen ließ, die Selbstabsolution euerer Sünden bedeuten soll? Und dann, lebt der alte Schulklopser noch, der mit seinem schrecklichen Hammer bis hinauf in das Schloß alles aus dem Schlafe alarmierte?" „Graf/' flüsterte die Sängerin leife. Ihre Hände hatte sie wie flehend gefallet. Dennoch beachtete er oder schien nicht diese Bitte zu beachten. Sie begehrte Schonung für den alten Mann; er aber war überaus lustig in seinen, Herzen und demgemäß auch in seiner Sprache. „Ihr seid gewiß gekommen. David." fuhr^r Graf, der sich mit nachlässiger Gebärde in einen Stubl geworfen hatte, fort} „um Euch an den Triumphen Euerer Tochter zu weiden. Ur seid doch auch so eine Art Künstler, wentt auch Nicht nach meinem Sinne oder gat nach meiner Anschauung. . . Und so könnt Ihr schon beurteilen, ob aus der kleinen Ella, die nichts wußte als ihre Synagogenmelodien, im Laufe der Jahre etwas geworden ist oder nicht. Wäö sagt Ihr zu Ihrer Valentine?»Jst daS nicht eine Schöpj Jung, sowohl was den -dramatischen alS den gesanglichen Teil betrifft, in der es Jsabellg Brodini Mit jeder anderen Sängerin kühn aufnehmen kann?" „Jsabella Brodini ist eine große Künstlerin geworden l" rief der Alte aus seiner bis dahin gekrümmten Stellung sich aufrichtend. Der Graf blickte auf. Es lag in diesen Worten und in der Gebärde des Vorbeters etwas, was seine Lustigkeit bändigte. Er war ernster geworden, und als er nach silier Weile wieder zu reden anfing, klang seine Sprache eigentümlich verändert. . „David Brod", sagte er, „ich kann es erraten, was in diesem Augenblick in Eurem Gemüte vorgeht. Ihr seht Eure Tochter nach acht Jahren zum ersten Male wieder, und so liegt Euch der Vorwurf nahe, warum sie Euch im Laufe dieser Zeit allmählich fremd geworden, warum sie Euch nicht geschrieben, kurz, warum Jsabella Brodini eine andere geworden ist. Vor allem.sage ich Euch, David Brod. hütet Euch vor Ungerechtigkeit! Nicht Eure Tochter, mich allein trifft die Schuld. Ich will mich mit Euch auseinandersetzen, David, vielleicht versteht Nr mich!" Der Vorbeter war wieder in seine demütige Stellung zurückgefallen. Bei diesen Worten richtete er sich auf. „Der Herr Graf haben gut erraten", sagte er. „Nun, David, so wird es mir nicht schwer fallen, mich mit Euch zu verständigen. Ich will es Euch erleichtern, so klar als möglich zu sehen. Was war meine Absicht, als ich Euer Kind unter meinen Schutz nahm? als ich Euch sagte, in der Stimme des vierzehnjährigen Mädchens schlummere! eme Macht, in ihrer Tiefe leuchte ein Karfunkel, der nur | hervorgeholt und zum Glanz gebracht werden müsie?" j „Der Herr Graf wollten sie zur Kunst erziehen!" sagte; David Brod fast unvernehmbar. „Zur Kunst! ja zur Kunst!" rief der Graf lebhaft, „das ist der rechte Ausdruck! Aber ist mein Haus schon gebaut, steht es bereits da, allen Augen sichtbar, wenn ich sage: Ich will es!? Da muß zuerst der Grund gegraben, alle Bäume müsien gefällt und mit ihren Wurzeln ausgcrodet, Trümmer und Schutt müssen n>eggeräumt werden. Sagt nun selbst: Ist ein Mensch, der zur Kunst erzogen werden soll, nicht mehr als ein steinernes Haus, >zu dessen Ausbau zuletzt nur mein Wille und meine Mittel genügen? Mein Weg >var mir daher ganz klar vorgezeichnet.' Auch bei der Erziehung Eueres Kindes mußte Schutt weggeräumt werden. Jahrtausende alter Schutt! Um den Funken, der in ihr schlummerte, zu wecken, rrvißte ich alles, alles zu entfernen suchen, was ihn zu ersticken drohte. Euere Gewohnheiten, Euere Sitten und religiösen Anschauungen, David Brod, sind der Kunst und ihrem hohen Wesen geradezu feindlich. Ihr könnt das Höchste und Kühnste denken, soweit es eben mit der Gedankentätigkeit geht! Zeuge dafür ist Euere Religion. Wollt Ihr es aber zur ' Gestalt formen, soll die Tat dastehen, dann seid Ihr unfrei, Euere Hand vermag das Werk nicht anzufasten, und! was Ihr schafft, wird ein Zerrbild l Darum treten wir, in deren Adern ein anderes Blut rollt, an Euere Stelle und in Euere Rechte, die Ihr nicht ausüben wollt — oder dürft. Habt Ihr mich nerftonben, David?" \Ter alte Vorbeter nickte bloß mit dem Kopfe, i „Und so, David Brod." fuhr der Graf fort, „gestaltete sich auch der Plan, de» ich mit Euerer Tochter festgesetzt hatte. Ich mußte zuerst den Boden ebnen, dem sie entsprosten war. der Schutt, der sie einhüllte, mußte fort! Ich mußte sie allmählich gewöhnen, in der neuen Luft atmen zu können, und als sie den Atem frischer einzog. mußte ick darauf sehen, daß sich kein Gelüste in ihr regte und keine Sehnsucht, die Lüste und Düste der alten Heimat wieder aufzusuchen. Ich wollte jede» Tropfen Blutes in ihr er-