Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-10-15 · 20 (15.10.1919) · p. Seite 224

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
20 (15.10.1919)
Date
1919-10-15
Page
Seite 224 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3947615-6435923-6436992--0244-3947839
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

384 neuem; sie sollte wie neugeboren in daS Reich der Kunst eingehen. Denn auch die Kunst ist eine Wiedergeburt; sie bringt uns aus dem Grabe der Gemeinheit und der alltäglichen Drangsale Gott näher... Darum schrieb Euch Euere Tochter nicht. Bavid Brod. darum ließ ich sie Euch fremd werden, darum mußte sie. und wenn ihr die Entsagung noch so blutig rnAdFlejsch schnitt, alles aufgeben, was wie eine Gewohnheit, wie ein altgewohnter Klang zu ihr den Weg finden konnte. Ich war grausam und mitleidslos wie ein Tyrann! Ich limr wachsam, als hätte ich Hunden Augen, jeder Tropfen Blutes in ihrem Körper war gezählt. Wenn Ichr mich nun verstanden habt. David v Brod. so werdet Ihr auch begreifen, daß jede weitere Erklärung vollkommen überflüssig ist. Ein Bau ist vollendet, wer fragt da danach, wieviel' Steine er bedurft, welche Mühe Maurer und Baumeister aufgewendet Hanen? So erging es mir mit meiner Isadella! Das Werk hm sich selbst gekrönt!". Seiner Zabella! Der alte Mann Halle gezittert; er hielt sich kaum noch aufrecht. Ader als wirke eine Kraft' in ihm. von der sein gebrechlicher Leib nichts wußte, stand er mit einem Male hoch aufgerichlet vor dem Grafen, größer als er sonst schien: sein ganzes Wesen von einer An gebieterischer Würde umgeben. die niemand an ihm gekannt hatte. ..Wer sagt dem Henn Grafen." begann er. und seine Stimme schwankte dabei nickt. ..daß ich gekommen bin. das Werk des Henn Grafen zu stören? Lder daß ich gekommen bin. um zurück zu begehren, was mir doch nicht mehr gehön? Was sollte ick auch begehren? Daß mir der Hen Graf meine Ella ganz jo zurückgibt, wie sie vor adtf Jahren au» meinem Hause fongegangen ist? Ich lveiß. man kann ein Wasser nicht auflvärts fließen macken, und den Mond nickt dahin stellen, wo gerade die Sonne stebi. Was will also der Hen Graf von mir?" Der Alte hielt inne: seine Blicke-nniren von einer wahrhaft bezwingenden tzlewalt geworden; seine Haltung erinnerte auch nicht entfernt an den demütigen Borbeter seiner stillen Gemeinde. Ein Mann stand einem Manne gegenüber. Die» fühlte auch der Graf: er rückte unruhig, die Augen jedoch wie gebannt auf da» Antlitz Davids gerichtet. im Stuhle hin und der. ..Ihr dabk Euer letztes Wort noch nicht gesprochen. Borderer!" jagte er unsicher. t „Was soll mein letztes Won se,n?" rief der Borberer. und der Graf verstand in diesem Augenblick den biblischen Ausdruck: „Es nahten Flammen um sein Haupt." „Sprecht Euch aus. David! Es mag Euch manches tu meinen Worten verhetzt haben! Ihr habt mich vielleicht gar nickt ven'tanden?" „Was soll ick nickt ven'tanden haben?" ries David Brod. „Bielleickt versteht aber der Herr Gras m i ch nickt.' wenn ich rede.," Dem Grafen fehlte jede Frage. ' ..Rein!" rief der Alke. ...ick rede lieber nichts. Ick beuge mich ja^und demütige mich, und sage: Ter Hen Graf bat recht! Meine Zeit ist um: es brickt an die Zeit der Sängerinnen, der Komödienspielerinnen und der Kunst, wie der Hen Graf jagt. Will ick das kleine Hölzchen sein, das zu einem Strome spricht: Fließe unter mir durch, denn ich bin eine mächtige Brücke. und du bist nur ein Tropfen Vaster»? Rein, ich rede lieber nichts... Der Hen Graf meim. wir haben keine Kunst! Aber eine Kunst haben wir gehabt, und die will man uns jetzt auch nehmen, daß nämlick unsere Kinder an uns gehangen daben und wir an ihnen. Die Kinder will man uns jetzt entreißen. sie sollen ihre Bäwr nickt mehr kennen und ihre Mütter... Künstler sollen sie sein! Aber kommen wird eines Tages ein anderer. Größerer und Mächtigerer. Der wird mit der Stimme des Donners sprechen: „Was ist aus meinem Volke geworden? Bas habt ihr aus ihm gemacht? Habe ich es darum als Ausnahme hingestellt unter die Völker, daß seine Tächter hiNMtze» und auf offenem Markte Götzent^nst wät sich werte» laste» ufe ihrer Kunst?" An dem Ta« wird es sich entscheiden, wer recht hat: der Herr Graf oder ich." „Pater!" rief die Sängerin, mit ihren Armen seinen Hals umschlingend. „Rede nicht so! du machst mich verzweifeln." ■ Der Alte rang sich mit sanfter Gewalt los. „Mache ich dir denn Vorwürfe, Ella, mein Kind? Du bist ja mein Stolz, und mein Herz wird aufgehen'vor Freude, wenn ick an deine Kunst denke. Für dich ist die neue Zeit, die immer gewaltiger herankommt.. ich kann dicht nickt zurückhalten. Ich bin ja auch nur gekommen, um dich noch einmal zu sehen. Wirst du dys einem lebenssatten alten Manne nicht zugute halten?" Er Hane sich zu ihr hinabgebeugt, und nun flössen seine Tränen: die furchtbare Spannung seines Gemütes hatte sich gemildeN. „Pater!" rief die Sängerin, „ich gehe mit dir! Du sollst ohne dein Kind nicht sterben." Er streichelte ihre Haare, er lächelte sogar. „Ranele!" sagte er mild, „was willst du bei David Brod. dem Borberer. tun? Willst wieder in einer Laubhütte sitzen? Willst mir wieder ..zuhalten", welin ich oder Freiwelmamr. mein Baß. miteinander singen? Die Zeit ist um. für dich ist eine andere gekommen. Du gehörst nicht mehr zu -uns... Was möchtest du bei mir?" Sie war ihm zu Füßen gesunken; laut schluchzend haue sie seine Knie umklammert. „Laß mich nickt von dir. Pater!" rief sie. „ich gehe mn dir!" „Isabella!" schrie der Graf zornig. < Schlich folgt.) Die Hointtsschr. i ss w^narrnnj-nr.-r vs 3u $aßßatß Aerescbith.' I 1. Tas Kind der Barmherzigkeit. : Als der Allmächtige den Menschen erschaffen wollte.; versammelte er ratschlagend die obersten Engel um sich.! Erschaffe ihn nicht! so sprach der Engel der Gerechtigkeit : er wird unbillig sein gegen seine Brüder und han und grausam gegen den Schwächeren handeln. Erschaffe ihn nickt! so sprach der Engel des Friedens: er wird die Erde düngen mit Menickenblut. Der Erstgeborne seines Geschlechts wird seinen Bruder morden. Dein Heiligtum wird er mir Lügen entweihen, so sprach der Engel der Wahrheit: und ob du ihm dein Bildnis selbst, der Treue Siegel, auf sein Antlitz prägtest. Rock sprachen sie. ,als die Bannherzigkeit, des ewigen Barers jüngstes, liebstes Kind, zu seinem Throne trat und seine KU,e umfaßte. Bild' ihn. sprach sie. Pater, zu deinem ^ilde stldst. ein Liebling deiner Güte. Wenn alle deine Diener ihn verlasien. »iDT ich ihn suchen, und ihm liebend besstedn und feine Fehler selbst zum Guten lenken. Des Schwachen Her; will ich mitleidig macken, und zum Erbar, men gegen Schwächere neigen. Wenn er vom Frieden und der Wahrheit irn. wenn er Gerechtigkeit und Billigkeit beleidigt: jo sollen seines Irnums Folgen seihst zurück ihn füdren und mit Liede bestem. ' Der Baier der Menschen bildete den Menschen. Ein stdlbar schwaches Geschöpf, aber in Fehlem selbst ein Zög- . ling seiner Güte: Sohn der Barmherzigkeit. Sohn einer Liede, die nimmer ihn verläßt, ihn immer bessernd. Erinnere dich deines Ursprungs. Mensch, wenn du han und unbillig bist! Bon allen Gotteseigenschaften har , Barmherzigkeit zum Leben dich erwählt; und lebend reichte > die Erbarmung nur und Liebe die mütterliche Brust! | > . . Herder.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.