Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 19 (8.10.1919)
- Date
- 1919-10-08
- Page
- Seite 212 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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212 sage dir, der Mensch ist groß und gewaltig in dem, wo er entsagt, wo er leidet." „Ich verstehe dich nicht, David!" „Du wirst mich einmal schon verstehen! Hab nur Geduld mit mir!" Nach einer längeren Pause raffte er sich wieder auf. „Sag mir doch, Feiwelmann", meiste er, „hat sie den j langen.Edelmann so überaus gern, daß sie ihn nicht fortlassen will von sich? Wie sie sich an ihn geklammert hat! Wie sie verzweifelt aufgeschrien hat, als er sich von ihr losreißt und wie sic darüber in Ohnmacht fällt! Sie muß ihn außerordentlich gern haben, denn anders kann ich mir das ' nicht erklären." „Sje kennt ihn vielleicht nicht einmal, David", rief Fein>elmann. > „Das ist ja ihre Kunst. Meinst du, mein großer Künstler in Frankfurt am Main hat es an sich selbst erlebt, daß ihn seine eigenen Töchtet wie jenen wahnsinnigen alten König in Nacht und Sturm hinausgejagt'haben? Das war wieder seine Kunst!" „Das ist ihre Kunst!" rief der alte Mann leise. „Also ihre Kunst verlangt, daß sie heute dem und morgen jenem, wer ihr gerade in den Weg kommt, etwas vorheuchelt, daß man meint, es ist die höchste Wahrheit und man könnte darauf schwören?" „Ja, das ist die Kunst!" sagte Feiwelmann der Baß. „Und was wird das Ende von all der Kunst sein?" rief der Alte. „Sie erfreut sich und die Menschen damit", sagte Feiwelniann. Darauf erwiderte der Alte nichts, kcr saß gesenkten Hauptes da. , „Und mein Kind", schrie er plötzlich mit einem so schmerzlich vorgestoßenen Tone, daß er seinem Gefährten in die Seele griff, „und was bleibt von meinem Kinde übrig? Ist cs mir nicht auch gegeben worden, damit es mich erfreue? Anderen, die sie nichts angehen, fällt sie in die Arme, klammert sich an sie, als wollte sie niemals von ihnen lasten, und dabei leuchten ihre Augen, und so süß tönt ihre Stimme, und sie ist so voll Anmut und Schönheit.. . weil das ihre Kunst so verlangt. Mich aber, mich alten Mann, erfreut kein Kind, ich muß sie von mir geben, ich muß einsam leben und sterben, ich muß verdorren wie ein Baum, dem man die Wurzeln abgegraben hat — weil cs di? Kunst so verlangt." „David Brod, du versündigst dich!" rief der Baß, den ' alten Mann an der Schulter fastend. Aber der Vorbeter riß sich los. „Was willst du von mir?" schrie er und war aufgesprungen. „Tu denkst nur an dich, David I" rief Feiwelmann vorwurfsvoll, „an dein Kind denkst du nicht. „Das sagst du mir?" Und der alte Mann brach in bitteres Schluchzen aus. ' Trotzdem rief der Baß, seiner Natckr entgegen, in diesem Augenblicke unbarmherzig und die Lage des Alten nicht berücksichtigend: , „Weil du dein Leben damit zugebracht hast, Vorbcter einer Gemeinde zu sein, darf dein Kind seine Flügel nicht ausspannen und anderswohin fliegen? Wozu hat Gott ihr die Flügel gegeben? Aber ich weiß, was in dir vorgeht. Weil dein Kind vielleicht nicht mehr weiß, was ein Gebetbuch ist, weil sein Sabbath vielleicht auf den Sonntag fällt, weil cs in keiner Laubhütte sitzt —" „Die Kunst ist auch eine Religion", sagte der Alte voll bitterer Betonung. Dann schien er auf einmal vollständig ruhig geworden. „Was stehen wir Hier auf der Gaste in der Nacht? Warüm gehen wir nicht?" „Wohin willst du. David?" v „Zu ihr, zu ihr!" * v „Jetzt um diese Stunde?" „Ich muß sie heute noch sehen, sonst sterbe ich!" Es gibt Worte, auf die keine Entgegnung folgen kann. Dys fühlte der Genoste des alten Mannes... Wphl zuckte es ihm durch das Gehirn, ob es ihm nicht gelingen könnte, die leidenschaftlich erregte Stimmung seines Freundes durch irgend ein Auskunftsmittel zu täuschen; aber er verwarf diesen Gedanken. Die Schauer, die ihn durchflogen, sagten ihm, daß er vielleicht mit dem Leben des alten Mannes spielte. So suchte denn Feiwelmann. sich der Notwendigkeit beugend, in der Finsternis der Nacht den Weg zu jenem Hause zu finden, vor welchem er durch einen eigentümlichen Zufall schon am Vonnittag gewartet hatte. Dort leuchtete ja der Karfunkel! Es war nahe an Mitternacht, als sie endlich, müde und gebrochen, bald in den nächtlichen Straßen verirrt, bald wieder auf richtiger Fährte jenes Haus gefunden hatten. Die Tok« standen noch weit offen, heller Lichterglanz ergoß sich auf die Gaste,' und in öet Vorhalle stand noch immer der Mann mit dem breiten Bande über Brust und Schulter und dem gewaltigen Stocke in der Hand. Auf die" Frage,' .was sie zu so später Nachtstunde wollten, brachte Feiwelmann. der Baß, in schüchterner, demütiger Weise sein Begehren vor. Sie wollen die berühmte Sängeriit sprechen; sie hatten ihr wichtige, unaufschiebbare Dinge mitzuteilen. Der Mann lächelte verächtlich. Was hatten die beiden Männer^ deren Abkunft und Beruf seinem' kundigen Auge kein Geheimnis war, mit der Künstlerin Jsabella Brodini zu tun? Er fuhr sie barsch an und wies ihnen mit dem Stocke den Weg, den sie zu gehen hatten. Da.rief der alte Mann aus der Tiefe seiner Angst und Verzweiflung: - „Wenn Ihr mich nicht gehen, lastet, Mann, so sterbe ich hier vor Euch!" . War >es die seltsame Erregtheit des Vorbeters, der Mann ging uktd kam nach einer Weile ^kopfschüttelnd mit der Weisung zurück, sic mögen ihm folgen; zwar sitz« die Sängerin noch in Gesellschaft beim Nachtmahle, da daS Theater erst spät zu Ende gegangen, aber er habe ihr. sagen lassest, es wären zwei Männer da, die 4hr Wichtiges mitzuteilen hättem Sie befanden sich in einem dunkel erleuchteten Vorzimmer, daselbst hieß sie der Mann warten. Sie nahmen still und geräuschlos in einem Winkel ihre Plätze. Aus den angrenzenden Zimmern drangen verworrene Stimmen, Helle. Fveudenlaute und Estäserklingen an ihr Ohr. Die Hand des alten Mannes lag schwer und kalt, auf dem Arme seines Gefährten, aber sie zitterte nicht. Endlich näherten sich Schritte, die Türe ging auf; auf der Schwelle erschien die Valentine aus der Oper. Sie trug noch das wallende, weiße Gewand, ihre Haare waren * halb aufgelöst; in der Hand hielt sie ein gefülltes Champagnerglas, eine mächtig schöne Erscheinung! Dis beiden Männer erhoben sich aus dem Dunkel ihrer Sitze. „Ella!" rief der alte Mann, „Ella, mein Kind!" Sie schien erst zu schwanken, zu horchen. Dann mit einem Schrei, dem-nichts auf Erden zu gleichen schien, fiel v sie in die Knie, das zerbrochene Glas klirrte in Scherben auf den Boden. „Vater!" j Da war der alte Mann auf sie zugcsprungen. Mit einer Gewalt, die nicht in seinen schwachen Kräften lag, riß | er sie zu sich empor; er hielt sie in seinen Armen.! „Nicht wahr, Ella, mein Kind," rief er zwischen Weinen- und Lachen, „nicht wahr, daß hast du nicht erwartet.! daß dein alter Vater noch zu dir kommen wird? Aber ich! wäre ja gestorben, wenn ich dich nicht mehr gesehen hätk. j Und das kannst du nicht verlangen.! Dann speichelte er ihre Haare und küßte ihr« Stirne, i „Tut dir denn das auch gut, Ella, mein Kind," sagte > er, in traumseliger Vergessenheit sie betrachtend, „daß du! so lastge wachst? Warum schläfst du nicht schon? Bist du | denn nicht müde von deiner Kunst?" > Plötzlich riß er sich von ihr los und bedeckte sein Antlitz > mit beiden Händen.! .Müs habe ich gesagt!" rief er in einem Tone, der l die Wiedergefundene erbeben machte. *