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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-10-08 · 19 (8.10.1919) · p. Seite 210

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
19 (8.10.1919)
Date
1919-10-08
Page
Seite 210 (sequence 4)
Language
German
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,— 110 — tiaen „Vekenner demosaischen Glauben-" da- Herz er« leichtert. Gerade mit Hilfe der konfessionellen Abstempelung Gerade mit Hilfe der konfessionellen Abstempelung vaoerz die preutziicyen rveyorden in der Praxis die gerechten Grundsätze der Verfassung auf den Kopf zu stellen gewußt. Die jüdische Nase wird allerdings auch von der neuen Die jüdische Nase wird allerdings auch von der neuen Reich-verfassung nicht aus der Welt geschafft. ES darf aber schon als bedeutungsvoll bezeichnet werden, daß «ine so skandalöse Maßnahme,' wie die Judenzählung im Heer, in Zukunft nicht ohne gesetzliche Anordnung. d. h. ohne vorherige' Mitwirkung des ParlamrntS, durchgeführt werden kann. Art. 136 bestimmt ferner in Ausgestaltung des erwähnten Grundsatzes, daß niemand zu einer kirchlichen Handlung oder Feierlichkeit, zur Teilnahme qn religiösen - Übungen oder zur Benutzung einer religiösen Eidesformel gezwungen werden'kann. Damit ist vor ollem die Gewissensfteiheit für die Dissidenten erkämpft, die vor Gericht bei dem von ihnen geleugneten Gotte schwören und deren Kinder an dem von ihnen verachteten Religionsunterricht teilnchmen mußten. Neben der Glaubens- und Gewissensfreiheit des Einzelnen ist auch die Kultusfreiheit der Religionsverbände in der neuen Verfassung gewährleistet, so weit die allgemeinen Staatsgesetze es zulasten. ' Krirs von Kein: ich Heine. Der folgende Brief Hein es rührt auS der Zeit, da er durch feinen >1821 erfolgten! Eintritt in de» „verein für Kultur und Wissenschaft t»e r Juden" noch positive jüdische Interessen be- : kündet«. Tie im Briese genannte» Gans, Moser ' und Innz sind die Gründer des Vereins, unter denen besonders Moser, der philosophierende Berliner Bankicr, Heine nohestand. Im Kulturvercin lernte Heine den Adressaten des Brieses.. I m m a . n u e l Wolf, kennen, der seinen Namen 18$2 in DohIwiIl umgcändcrt hotte. Wohlwill ist der Verfasser der vielgelesenen „Grundsätze der religiösen Wahrh'eitSfrcunde", er. war Pädagoge an verschiedenen jüdischen Lehranstalten. De/ Verein befand sich damals in scharfem Gegensatz zu der von David Jriedländer, Moses Mendelssohns Schüler, lebhaft propagierten religiösen Reform. Die Ironie, mit her Hein« dir Reformer behandelt, erklärt sich ans dem offenkundigen Mißerfolg, den diese Partei, die mit der liberalen Konfgssionierung des Judentums! die Emanzipation zu erkämpfen gedachte, erlitt, als das Judenedikt von 1812 in wesentlichen Teilen 1823 wieder aufgehoben wurde. ' j Am 28. Juni 1826 ist Heine zum Christentum ildergetreten. Landauer. j An Wolf, genannt Wohlwill^ ' i Glaube nur nicht. Aimabelster, daß an fcr Io lang! verzögerten Beantwortung Deines lieben Briefes eine! Freundschaftserkaltung von meiner Seite schuld'sei; nein,! wahrlich, obschon in, diesem strengen Winter manche * Freundschaft eingefroren ist. so hat sich Dein geliebtes-dickes! Bild aus den engen Pforten meines Herzens noch nicht : derauswinden können,^ünd der Name Wolf, oder besser gei sagt: Wohlwill, schwebt warm und lebendig in meinem I Gedächtnis. Noch gestern sprächen wir von Dir anderthalb Stunden — unter w i r niußtDu immer verstehen: ich und; Moser. Es ist wirklich auffallend, welche äußere Ähnlich-! kit Du hast mit Herrn Hang-höh, einem von den zwei j chinesischen Gelehrten, die auf der Behrenstraße für sechs Groschen zu sehen sind. Gans findet diese beide sehr in- «eresianl . ... Man will hier zwar behaupten, daß diese zwei Chinesen verkleidete Österreicher sind, die Metternich! hergeschickt hat. um an unserer Konstitution zu arbeiten. Zunz-Hat di« Chinesen noch nicht gesehen. Ich mag ihn gut leiden, und es schinerzt mich bitterlich, wenn ich sehe, wie dieser herrliche Mensch so sehr verkannt wird wegen stines! schroffen, abstoßenden Äußern. Ich erwarte viel von seinen I nächstens erscheinenden Predigten; freilich.keine Erbauung und sanftmütige Seelenpflaster; aber etwas viel Bessere-, eine Aufregung der Kraft. Eben am letzten fehlt «S ,n Israel. Einige Hühneraugenoperateurs (Fricdländeru.Co.) haben den Körper des Judentums von seinem fatalen Haur-geschwür durch Aderlaß zu heilen gesucht, mid durch ihre Ungeschicklichkeit und fpinnwebige VernunftSbandagen muß Israel verbluten. Möge batt> die-Verblendüng aufhören, daß das ^Herrlichste in der Ohnmacht, in ' her Entäußerung der Kraft, in der einseitigen Negation. , im identischen Auerbachtume bestehe? Wir haben nicht mehr die Kraft, einen Bart 'zu tragen, zu fasten, zu hasten und aus Haß zu dulden: das ist das Motiv unserer Reformation. Die einen, die durch Komödianten ihre Bildung und Aufklärung empfangen. wollen dem Judentum neue Dekorationen und Kulissen geben, und der Souffleur soll ein weißes Bäffchen statt eines Bartes tragen, sie wollen das Westmeer in ein niedliches Bassin von Papiermache gießen, und wollen dem Herkules auf der Kasseler WilhelmShöhe das Jäckchen des kleinen Markus Anziehen. Andere wollen ein evangelisches Christentümchen unter jüdischer Firma, und machen sich ein Talles aus der Wolle des Lamm- Go lies. machen sich ein Wams aus den Federn der Heiligengeisttaube und Unterhosen aus christlicher Liebe, und sie salliercn. und die Nachkommenschaft schreibt sich: „Gott, ■' Christus u. Co." Zu allem Glückt wird sich dieses Haus nicht lange halten, seine Tratten auf die Philosophie kommen mit Protest zurück, und es macht Bankrott in Europa, wenn sich auch seine von Missionaren in Afrika und Asien j.eftifteteu Kommissionshäuser einige Jahrhunderte länger ' — halten. — Verzeihe mir diese Bitterkeit; Dich hat der Schlag des aufgehobenen Edikts nicht getroffen. Auch ist alles nicht so ernst gemeint, sogar das Frühere nicht; auch ich habe nicht die Kraft, einen Bart zu tragen und mir „Judenmanschel" Nachrufen zu lassen und zu fasten usw. Ich Hab nicht mal die Kraft, drdentlich Mazzes' zu esten. Ich wohne nämlich jetzt bei einem Juden (Mosern und Gans gegenüber) und bekomme jetzt Mazzes statt Brot und zerknacke nur die Zähne. Aber ich tröste mich und denke: wir sind ja im Gohlcsi'Auch das Sticheln auf Friedländer ist nicht so schlimm gemeint, ich habe noch unlängst den schönsten Pudding bei ihm gegessen, und er wohnt mir ganz vis-a-vis, und er steht jetzt am Fenster und schneidet sich eine Feder und schreibt gleich an Elise von der Recke, und auf seinem Gesicht ist schon zu lesen: „Edclgeborene Frau, ich bin wirklich nicht so unausstehlich, wie der Profesior Voigt sagt. x \! Kon Kerg und Ta'.. Köln. Der Verband der Ostjuden in Rheinland-Westfalen versendet an die Synagogengemeinden folgenden, Aufruf, der für sich selber spricht, den wir aber der rheinischen Judenheit dennoch ganz besonders ans Herz legen möchten. Möchte sich das alte Solidaritätsgefühl angesichts der bitteren Not der Stunde voll und ganz bewähren. Der Aufruf lautet: « v „Die unglücklichen Ereignisse der Kriegszeit und des verflostenen Jahres haben über das Judentum in Polen. Rußland und Galizien eine Katastrophe gebracht, wie sie in der jüdischen Geschichte ihres Gleichen sucht. Sie wisien, daß im Gebiete des polnischen Reiches unerhörte Progrome wüten, daß die Juden in diesem großen Lande ihres Lebens schon lange nicht mehr sicher sind, daß die jüdischen Soldaten im polnischen Heere mißhandelt und totgeschlagen werden, das Leben ist für unsere Brüder dort eine Hölle geworden. In Scharen flüchteten sie seitdem über die.Grenze, ihre Wanderungen sind eine elementare Bewegung. Niemand hat sie veranlaßt und niemand kann sie aufhalten. Die Verantwortlichkeit aber, die wir für einander tragen, die Hilfe, die wir einander schulden, nicht minder aber auch Klugheit, die die Unglücklichen nicht verkommen läßt.

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