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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-10-03 · 18 (3.10.1919) · p. Seite 198

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
18 (3.10.1919)
Date
1919-10-03
Page
Seite 198 (sequence 4)
Language
German
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es Ausdruck der»ständig zu beobachtenden Tatsache ist. daß die Frommen sich mit der göttlichen Lehre beschäftigen und in ihrer Erfassung ein gottgefälliges Werk vollbringen. Seit 2000 Fahren führt die Judenheil ein Dasein in der Welt, das zur bloßen Behauptung des nackten Lebens .strafte ausschöpft und verbrauchen sieht, wie sie keine andre Menschengemeinickiafl zur puren Festhaltung des Seins, zur bloßen Fristuno des Nichttotseins hergegeben hat. In diesem furchtbaren endlosen Martyrium hat unsre Väter stets der Glaube an das Kommen des Messias, der durch nichts zu zertrümmernde Gedanke von der trotz allem sieghaften Macht des Guten uitd Göttlichen erhalten, die alle Not. irgend einmal für uns Wqrrende, Harrende besiegen wird. War es der Glaube, der uns diesen unzerbrechlichen Taseinsmut erschuf? Lernten wir leben, weil ein Gesetze uns das Zierden verbot? Oder. war M nicht vielmehr um- - gekehrt die alles Weltleid überwindende quellende Kraft in unsrer Leese, welche dem uralten Gedanken dom messianischen Reich dst' Macht verlieh, uns im Grauen schwärzesten Schicksals zw leuchten? — Uns schenkte kein Glaube ein Leben in seinem Lichte: sondern indem unser Wesen üriner selbst bewußt ward und in immer tiefer grabender Klarheit sich selber entdeckte, wußten wir. troe wir zu glauben ° hatten. , Von Moses Mendelssohn ab. ja. seil den jüdischen .'Apologeten und Philosophen des Mittelalters, hören wir es imnier wieder^ mit stolzer Zuversicht aussprechen, wie an der Vernunftgeinäßheit per jüdischen Gotteslehre aller Zweifel, jegliche zerstörende Skepsis zuschanden werde. Sicherlich bar dieser Anspruch seinen objektiven, mit nüchterner Wisieitschafilichkeit aufzuzeigendcn Grund. Wir brauchten uns in der Tat niemals auf die Schleichtvege der „zwiefachen Wahrheit" zu flüchten. Aber den wirklich starken nicht zu entankernde'n Traggrund unsrer Überzeugung legte nicht die ^Logtk. keine Theorie von Gott und Welt, von Mensch und Teeie: sondern das Selbsterlebnis der jüdischen Seele, die Leuchtkraft eigensten Seins, unser L e b e n schuf uns unser» Glauben. Als Mose unsre Ahnen aus der Knechtschaft erretten wollte, da offenbarte er seinem Volke den erlösenden Gott als den Gott der Väter. Das ivar'zunächst nur ein Ansporn, dem zu vertrauen, der sich in der Geschichte des eigenen Sto^umes als der Helfer bewährt hatte. Aber an diesen Gott konnte niemand glauben. der nichts von seinen Vätern wußte, der nicht au die Ahnen glaubte und an seine eigene Geschichte. Und wie kann einer an die Väter glauben, der nicht seiner selber gewiß ist als des Kindes uralter Geschlechter? — Auch uns verkündet den Höchsten unser Gebetbuch tausendmal als den Gott der Stammvater. Ist das die Konstatierung eines dästmalischen Sachverwalters? Ist es die Ausnutzung pietätvoller Gefühle, die uns mit den Altvordern verknüpfen, oder nicht vielmehr der tiefste in religiösen Grund eingejenkte Ausdruck der Wurzelung in geschichtlichem Sein, das beißt aber Regsamkeit. Leben, unmittelbar und warm empfundene Wirklichkeit? Von welcher Seite wir unsere „Lehre" und ihre Symbolik betrachten. überall zeigt sich dem unbefangenen Blick, was in Wahrheit das erste und was das zweite ist: Wir sind als Juden nicht Menschen, die zu ihrem Menschsein gleichsam nach.dessen.Vollendung das'Judentum als Jdeenfülle in sich aufgenommen. sich zu ihm bekehrt haben, als zu einer gedankenhaften Wesenheit, die im freien Luftteich der Weltanschauung schwebt, nur darauf wartend, gefangen, a.tgecjgnet. „bekannt" zu werden: jonbem es gibt nur südliche Menschen, das Judentum ist blaffe Abstraktion. Tein „Wesen" jstxuns nur in und mit unserer Witckttchkeil gegeben, und sein Geist hat keine Heimat außerhalb der jüdischen Seele. Alle solche Beobachtungen und Folgerungen erscheinen de-n selbstverständlich, der die Streitfrage ü&r den Charoffier unserer Gemeinschaft von vornherein im Siime des Nationalen unterschieden wähnt. An dieser Diskussion hier reilzunehinrn. ist kein Anlaß gegeben. Auch tvenn die Judenheit dereinst wieder ein Volk auf eigenem Boden werden sollte, mit allen Attributen der Nation, wird das J> dmtum nicht'aufhören, eine Religion zu bleiben. Uns kommt es nur darauf an, eine Eigentümlichkeit im Wesen dieser a& durchleuchten, die ihren Grundcharakter ausmacht. Diesem liegt das geschichtliche Faktum zugrunde, daß ton. die wn heute das Judentum bekennen, unzweifel- Haft die Nackfahren, die leiblich-seelischen Enkel derer find. die eines Blutes und eines Gefühls mit den Pxophej teil und Psalmdichtern, mit den Spruchrednern und; Meistern des Gesetzes waren. Ob wir die- Erbe» ihres Geistes sind, das mag stumme Bescheidenheit füglich in Zweifel ziehen, die sich darüber klar sein muß, wie es um! die Nachfolge gotterfüllter Menschen bestellt ist. 1 Aber kein Geist ohne Seele, die ihm der Mutterboden! des Wachstums, der Ausgangsort seines Fluges ist. Wie l unterscheiden sich Seele und Geist? Jene ist die inwendige ■ Art. in der die Natur micht geprägt hat. mich als das Kind 1 meiner Elten», mit all' jenen Keimen und Anlagen, ln dören Bildung Schicksal und Geschichte ungezählter vorangegangener Generationen gear&eifek die Frucht an der Blüte derjenigen, die vor mir waren und die schließlich im : Rätsel der Urzeit verschwinden. Die Seele ist etwas Wirk- 1 liches, in mir Gegebenes, mit mir Geborenes, das Innere 1 eines Äußeren, des Körpers, an dessen Funktionieren ihre Tätigkeit mit tausend Ketten gebunden ist. Ter Geist weiß nichts von solcher Erdenschwere und Bewegtheit. Sein Inhalt ist die Wahrheit des wahren Gedankens, die erleuchtende Idee, das ewig gültige Gesetz des Edlen und Schönen, die alle wahr bleiben, leuchten und führen, ob die Seelen der Menschen sich ihnen zukehren oder nicht. Er schwebt 'mit der Freiheit des Sichselbergenstgens über Menschen und Dingen; nichts „Wirkliches" wie HM oder Seele, ist er doch Herr der Welt; denn er lebt als die Kraft der Wahrheit, als Sinn und Bedingung der Wirklichkeit in allem, das überhaupt am Sein Anteil hat. Wir aber bemächtigen uns seiner nur durch das Denkvermögen der Seele; wissen um das. was wahr, gut. schön, heilig ist. immer nur, woferri wir es in unserem Inneren erleben, dem Schau- ‘ platz des Geistes für uns. das heißt aber gebrochen durch das Medium unserer Art. unserer persönlichen, wie vor, allem der von Umwelt, Rasse. Volk. Und auch in den Heroen der Menschheit, den göttlichen Verkündern und Herolden des Geistes atmet der Erdgeruch des Seelischen. Tie Ideen, die sich in den biblischen Gottesmännery offenbart. und auch in Jesu von Nazareth an5 Licht drängten, konnten nur ans dem Acker des jüdischen Gemütes wachsen und sind, in Echtheit und Ungettübtheit des Wesens nie! von ihm abzulösen. So ist unsere Religion einstmals entstanden als die Frucht der Ehe des zeitlosen Geistes mit der jüdischen Seele. Diese aber ist das.e i n e unwandelbare Leben, das I inwendige Gepräge, in dem wir nichts sind'als die Fortsetzung unserer Ahnen. Indem wir so schauen und empfinden, so erleben und fühlen wie sie, wird es uns unmittelbar ’ gewiß, daß es zwischen der religiösen Idee des Judentums! und seinem bewußten Dasein keine Spannung geben kann. Tenn bei uns ist das Leben der psysischen Wirklichkeit von! Haus aus eingestellt auf den göttlichen Gedanken. Nicht ' kann uns dieses als etwas Fernes, Fremdes. Gewaltsames! erscheinen, wie so oft bei anderen Glaube und Lehre als; Zwang empfunden wird; soydern »veit öffnet sich die jü- I dische Seele dem,Geiste der heiligen Wahrheit, um, von ihr; erleuchtet, Einheit und Gemeinschaft mit den Helden um! serer Geschichte zu erfahren. Weil uns die Seele Heimstatt , des Geistes ist. sttömt in unserem Glauben nur unser Leben. , Kon Hertz und Tal. Köln. Am 15. September waren fünf Jahre verpoffen, fei* der Führer der zionistischen Weltorganisation. Herr David Wolffsohn, Bürger unserer-Vaterstadt, j auf dem Deutzer jüdischen Friedhof beigesetzt worden ist. , Zum Andenken an den großen Toten veranstalteten die " nationaljüdischen - und die zionisttschen Organisationen

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