Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 18 (3.10.1919)
- Date
- 1919-10-03
- Page
- Seite 197 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3947615-6435923-6437046--0215-3947812- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 197 — , Warschau. Im Warschauer Magistrat hatte im Mai Stadtv. Wolfowitsch und Genössen beantragt, daß die jüdischen Läden, welche am Samstag geschlossen sind, am Sonntag offen sein dürfen. Auf Beschluß des Magistrats wurde dieser Antrag der Abteilung für Handel überwiesen. Diese Abteilung hat nun ihr Gutachten dahin abgegeben, daß die Überlieferung und das Gesetz in Polen als Ruhetag den , Sonntag anerkennen und auch in den Ländem Westeuropas und in Amerika der Ruhetag Sonntag ist. Aus Grund dieses Urteils hat der Magistrat in seiner Sitzung am 2. September beschlossen, den Antrag Wolfowitsch abzulehnen, * Amerika. New Aork. Die -Erste Kammer der Legislative des Staates New Jork^hat mit großer Mehrheit einen ,Gesetz-, entwurf angenommen, der den jüdischen Geschäftsinhabern, Arbeitern und sonstigen Erwerbsständen, die am Sabbath ihre Betriebe schließen, das Recht zuerkennt, am Sonntag zu arbeiten. Die Annahme dieses Gesetzentwurfes durch den Senat des Staates New Aork scheint gesichert. Die Annahme in der Ersten Kammer erfolgte fast einstimmig. Dieser Beschluß wird als sehr, bedeutungsvoll angesehen, weil angenommen werden,darf, daß zahlreiche andere Staaten der Union dem Beispiel New Jorks folgen werden. Palästina. Jaffa. Um dem in Palästina 'fühlbaren Mangel an kaufmännisch gebildeter Jugend abzuhelfen, hat der kaufmännische Verein in Jaffa beschlossen, eine Handelsschule zu gründen. Die Schule wird aus vier Klassen, deren erste schon in diesem Lehrjahre eröffnet werden soll, bestehen. In dem Programm wird außer Buchhaltung und kaufmännischer Korrespondenz auch Maschinenschreiben und Stenographie angeführt. Unterrichtssprache ist Hebräisch, und als Fremdsprachen werden Englisch, Französisch und Arabisch eingeführt, Jerusalem. Hier haben die Arbeiten zur Ausführung , des von der Zionistischen Kommission aufgestellten DrainierungsplaneS für die jüdischen Viertel der Stadt begonnen.,— Der jüdische Zentralrat in Jerusalem (Waad Hair) wurde von dem Militärgouverncur als rechtmäßige Vertretung der jüdischen Bevölkerung Jerusalems anerkannt. , Französischer Appell gegen die Pogrome. Eine Reihe.prominenter Persönlichkeiten Frankreichs, deren Ramm wir untenstehend anführen, richtete im Namen des Menjchheitsgewissens und im Namen der moralischen Beranttvortung des einzelnen Menschen gegenüber seinen Mitmenschen, aq alle Völker der Erde und im besonderen an das französische Volk,, einen Appell gegen die Pogrome, in dem es nach Schilderung der verschiedenen Grausamkeiten u. a. heißt: ' Die Unterzeichneten wenden sich an alle Völker der Erde und bitten sie, ihre Stimme zu erheben gegen die ' unerhörten Verbrechen, deren Opfer ein Volk'angesichts des Himmels ist. Es müsien sich überall Komitees zum Schutze der osteuropäischen Juden organisieren und diese Komitees müsscn sich zu einer ,raschen und kraftvollen Aktion gegen die Bedrücker vereinigen. Mögen in allen Parlamenten der Erde, die Volksvertreter ihre Stimnie gegen diese blutigen Verbrechen erheben. Den freien Völkern und den verantwortlichen Negierungen obliegt die Pflicht, dieser ungeheuerlichen Verletzung der Menschenrechte ein Ende zu bereiten. Wir fordern die rasche Organisierung von Komitees - zum Schutze gegen die Verfolgung, Komitees mit aller Autorität versehen, die ihrer hohen Mission entspricht. M i ll i y n e n bedrückter I u d e n h a b c n keinen anderen Schutz als Las Gewissen der moralischenSolidaritätderzivilisiertcn We l t, und sie haben ihre letzte Hoffnung in das heilige Recht aller Menschen zum Leben und zur Freiheit gesetzt.. Anatolc franco; Pani Appell, weckt de de l’inBtitat; A. Aulard, professenr k la Facultd des Heitres de Paris; Heuri Barbusse: Cbarlas Bernard, ddputd; Emile Corday; L Dispan de F|eurian, professenr agrdgd an lycde La- Kanal; Georges Dubamel; Elie Fanre; Charles Gide, professeur k la Facultd de Drait de Paris; Ferdinand Herold, ‘vice-prdsident de la Eigne des Droits de l’Homme; Gustave Hervd; L. Laquicque, professenr k la Facaltd die Sciences; F. Laruaude, doyen de la Facultd de Droit de.Paris; Kniest Lavisse, de l’Acaddmie Francaise direeteur de l’Ecole Normale’supdrieur«; Victor Margneritte; Marcel Dacliin, ddputd; Mine. Mdnard-Dorian; Pierre Mille; Wilfred Monod, pastenr; de Monzie, ddpotd, ancien minist re; Moutet, ddputd du Rhöne; A. Prenant, profcsseur ä la Facultd de Mddecine, membe de l’Acaddmie de^iUddecln^; Henri Rotzer, doyen de la Facultd de Mddice; Gabriel Seailles, professenr & l’Universitd de Paris; Cb. Seignobos, professenr ä la Facultd des Lettres de Paris; Albert Thomas, ddputd, ancien ministre; abbd Viollet \ Wanken und jeden.. Bon Dr. Max Wiener »Stettin. , Keine Religion ist in so ausnehmender Weise Leben wie die jüdische; nicht Lehre, sondern unmittelbar empfundenes, in klarer Offenbarung nach außen drängendes Leben. Wir denken dabei nicht an das, was dem Außenstehenden bei der Betrack)tung des positiven, ungebrochenen Judentums zuerst ins Auge fällt, an die Vielfältigkeit seiner Zeremonien und Bräuche, seiner Sinnbilder und frommen Übungen, die den „Gesetzestreuen" in keiner Stunde seines Daseins vergessen lassen, daß et ein Kind des Bundes ist; sondern wir haben jenes seiner selbst gewisie Gefühl im Sinne, das von keinem dogmätischen Glauben erzeugt, von keiner Erkenntnis oder religiösen Weltänsicht genährt wird und dock) kaum je tastend und irrend uns sagt) was wir als Juden,zu tun oder zu lassen haben. Nicht wir bekennen einen ..Glauben"; sondern ein Glaube bekennt uns eine sich im Praktischen ausiöirkende Überzeugung, die man erst erfasien und formulieren kaim, wenn man uns in unsrer Lebensbewährung beobachtet. Alle Versuche, die Glaubenssätze, die Dogmen einer jüdischen „Konfession" festzuhalten und in einem Netzwerk wohlgeordneter theologischer Begriffe zu fangen, sind von jeher gescheitert; und sie mußten fehlichlagen, weil in Worten. Sätzen. Paragraphen immer nur Lehren und Erkenntnisse gemeistert werden können, nicht aber das strömende Leben. Io wenig wie das Wasier eines Flusies mit der hohlen Hand auszuschöpfen ist. Darüber muß Klarheit herrschen: in den sittlichen Vorschriften gibt es gar wenig, was die Religionen voneinander trennt. Wollte man Tugend- oder Lasterkataloge aufstellen, Bescheidenheit, Elternliebe, Redlichkeit, Ehrfurcht vor der Wahrheit, keuschen Sinn, Wohltätigkeit. Gastfreundschaft, Menschlichkeit, Hingebung) Opferwilligkeit als von der Gottesfurdjt uns cingehrägten Pflichten predigen; Lüge, Grausamkeit, Diebstahl, Totschlag, Überhebung. Prunk, Hartherzigkeit, Prunksucht, Völlerei als Sünden wider die göttliche Heiligkeit ausrufen, — so fiele das Judentum zu aiumen mit Christentum und Islam und Buddhismus, a mit sehr vielen höheren Formen nackten Heidentums. Ter Untersck)ied liegt allein in der Tat. Wenn ein altes Wort es aüsspricht: Die Kinder Israel sind Barmherzige und Kinder von Barmherzigen, so wird nicht daran gedacht, menschlich mitfühlenden Sinn als tvesentliche Satzung gerade der jüdisck-en Lehre in Beschlag ,)u nehmen, so daß es auck). heißen könnte: Der rechte Jude ist barmherzig: sondern es wird gemeint, zum wirks l i ch e n lebendigen jüdischen Wesen rcchstet diese Eigen-! schüft; sie ist nicht erst eine Forderung des jüdischen Got-! tes, sondern die tatsächliche Bewährung des jüdischen! Menschen. Oder mahnt ein Wort: Ter Ungebildete! kann nicht fromm sein, so bedeutet dasebenso sehr den Ani spruch des religiösen Geistes auf Durchdringung der Gläu-! lügen mit ernster klarer Erkenntnis des Gottesgesetzes, wie \