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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-10-03 · 18 (3.10.1919) · p. Seite 196

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
18 (3.10.1919)
Date
1919-10-03
Page
Seite 196 (sequence 2)
Language
German
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V - i Soeben Tcbau. tSS*» “*1* -«SjSBIaf^^SSBrserMSSEffiB^i*: Deutsthland. Berlin. Ter jüdische Schulverein plant für Ende Oktober d. I. die Errichtung eines hebräischen Sprachseminars in Berlin. An ihm sollen hebräische Sprachlehrer und -lehrerinnen für die Unterrichtstätigkeit ausgebildet werden. An systematisch geschulten Lehrern der hebräischen Sprache herrscht ein so katastrophaler Mangel, daß dieser Beruf eine gesicherte Stellung und dankbare Arbeit verspricht. Daneben kommt das Seminar für solche in Betracht, die ihren Beruf als Lehrer für allgemeine Fächer, als Beamte usw. für Palästina hebraisiercn wollen. Der Unterrichtsplan umfaßt Bibel, Neuhebräisch, Grammatik, Ausbildung ich mündlichen und schriftlichen Gebrauch der Sprache. Die Unterrichtsspraä>e ist im ersten Semester teilweise, später ausschließlich hebräisch. Aufnahmebedingung ist mindestens die Fähigkeit, eine einfache Bibelstelle verstehen zu können. Sehr erwünscht ist auch die Anmeldung weiter Fortgeschrittener, da gegebenenfalls für diese sofort eine höhere.Stufe errichtet werden soll. 10 Wochenstunden Unterricht, monatliches Schulgeld 15 M. Tie Ausbildung dauert 2—2*/, Jahre. Anmeldung an das hebräische Sekretariat, Berlin W. 15, Sächsische Straße 5. Berlin. Der Gemeindevorstand beschloß, regelmäßig zwei Vertreter der Rabbiner, ein Mitglied der konservativen Richtung und einen liberalen Rabbiner, zu allen Verhandlungen des Gemeindevorstandes, welche Kultus- und Unterrichtsangelegenheiten betreffen, zuzuziehen. Diese bei-, den Vertreter müsien von sämtlichen Rabbinern gewählt werden. Die Versammlung der Rabbiner hat beschlossen, die Herren Dr. Weiße und Dr. Loewenthal. sowie als Stellvertreter die Herren Rabbiner Dr. Blumenthal und Dr. Petuchowski abzuordnen. — Auch andere jüdische Gemeinden ziehen die Rabbiner zu den Sitzungen des Vorstandes zu; so Darmstadt. Mainz, Bingen ünd zahlreiche oberschlesische Gemeinden. Berlin. Auf Vcranlasiung des Siaalskommisiars für die IlbcrN'achung der öffentlichen Ordnung ist in letzter Zeit gegen eine Anzahl von Stellen vorgegangen worden, die als der Ausgangspunkt einer systematischen Propagandahetzc anzusehen sind: gegen den „Ausschuß für Volksaufklärung" Berlin ^(Vorsitzender Richard Kunze): den „Volksbund" Berlin und den „Großdeutschen Volkpbund". Bei einer Dirrchsuchung der Büroräumlichkeiten wurden, wie' der „Vorwärts" meldet, etwa 137 000 Flugblätter beschlagnahmt, die reiches Material über die aufhetzerische Tätigkeit der genannten Verbände enthalten. Ferner wurden auch einige Kisten mit Gummiknüppeln vorgefunden. Gegen Kunze ist wegen seiner Propaganda für die Verwendung vzzr Gummiknüppeln ein Strafverfahren cing» leitet worden. Hinter all dem stehen konservative ünd feudale Kreise^ , Halberstadt. Im Mittelpunkt des hier vom 10. bis 12. September tagenden Gruppenverbandstages der Agudas Jisroel stand die "Frage der Einigung der beiden Organisationen „Freie Vereinigung" und „Gruppcnverband der Agudas Jisroel", sowie die Stellung zur Misrachiorganisation. der gegenüber von verschiedenen Seiten versöhnlichere Töne angeschlagen wurden als sonst. Kassel. Als Nachfolger des vor längerem verstorbenen Landesrabbiners Dr. Doktor wurde hier Herr Rabbiner De. Walter aus Bromberg gewählt und am 5. September feierlich in sein Amt eingeführt. — Hier hielt in einer sozialdemokratischen Massenversammlung Scheidcmann eine Rede, in der er gbgen die antisemitische Pogromhetze enerm - ■ Gefahr lief, zu ertrinken. Einige Ausflügkei bemühten sich vergeblich, ihm mitteleiner Stange Hilfe-zu bringen, sie konnten ihn jedoch nicht erreichen, da er immer mehr vo» Ufer abtrieb. Auf die Hilferust kam in vollem Laufe de» Obersekundaner vom Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, Fritz Bernhard. Sohn des Weinhäirdlers Bernhard aus Posen, herbei, der sich niit voller Kleidung sofort ins Wasier stürzte, zu dem bereits schon einmal versunkenen Knaben schwamHi und ihn glücklich ans Ufer brachte, wo es dann gelang, ihn in kurzer Zeit wieder ins Leben zurückzurufen. Deutsch-Österreich. Wien. Der Leiter des Ministeriums des Innern. Staatsstkretär Beniczky. fordert die Behörden in einem Zirkularschreiben auf. den Antisemitismus mit allen gesttzlichen Mitteln zu unterdrücken: Wien. Die Entschließung der deutsch-österreichische» Regierung, die vor 1914 in Teutschösterreich nicht ansässige» Fremden auszuweisen, hat unter den in Massen aus dem Osten zugewanderten Juden eine lebhafte Gegenbewegung ausgelöst. Diest haben den polnischen Gesandten um Ver- Mittelung gebeten, der beim Staatsamt des Äußeren die Aufhebung des Ausweisungserlasies zu erwirken versuchte. Das Staatsamt erklärt dies formell für unmöglich, sagte jedoch Vermeidung aller Härten zu. Demnach werden die zugewanderten Juden, die zurzeit in Wien weilen, bis aufweiteres hier verbleiben. U»DNM. Budapest. Am 9. und 10. September kam es in Tapoloza und Diszel zu Ausschreitungen gegen die Juden. I» Tapoloza wurden drei Personen getötet und 30 schwer verwundet. 80 Geschäfte wurden ausgeplündert. Der amtlich festgestellte Schaden beläuft sich auf 40 Millionen Kronen. In Diszel wurden sämtliche Juden ennordet, auch zwei Lehrer, die für Juden gehalten wurden. Es folgten organisierte Plünderungen. Das zur Auftechterhaitung der Ordnung befohlene Militär nahm an den Ausschreitungen teil. Bisher wurden 92 Personen verhaftet, darunter die beiden Kommandanten des dortigen Detachements. Die j jüdische Bevölkerung wurde auf, das grausamste masiakriert. Polen. Warschau. Ter bisherige hiesige englische Gesandt«, Wyndham, ist abberufen worden. Bekanntlich hatte Wynd» Ham die englische Regierung über die polnischen Pogrome in einseitiger polenfreundlichcr Weise informiert. Diese Abberufung beweist, daß die britische Regierung der Entwickelung in Polen in Zukunft größere Aufmerksamkeit schenken wird. Zum Gesandten wurde Sir Horace Rumbold ernannt» der bis vor dem Kriege Beirat der britische» Botschaft in Berlin war. Warschau. Tie Jahreskonferenz der zionistischen Organisation in Polen, die hier getagt hat. faßte eine politische Deklaration, in der u. a. gesagt wird: „Im Prozeß de» Errichtung und Konsolidierung des polnischen Staates nehmen wir als Bürger des Landes teil und sind gern bereit, an ihm mehr teilzunehmen, wenn von Seiten der polnischen Öffentlichkeit uns nicht neue Hemmungen in den Weg gestellt lverden. In diesem Prozeß erblicken wir die Verwirklichung der ewigen Ideale der geknechteten und unterdrückten Völker, zu denen bis vor kurzem auch Polen gezählt i hat. Wir finden aber, daß die Befreiung der Völker-nicht! zur Vernichtung und Unterdrücküng der nationalen Minoi riläten führen darf, unabhängig davon, ob sie in kompakten Masien, in bestimmten Ortschaften leben oder über das ganze Land verstreut sind. Mit tiefer Wehmut und Erbitterung stellt die Tagung fest, daß noch immer keine Änderung in der Stellung zu den Juden zu bemerken ist. Nach wie vor »vüten die Erzesse und Pogrome. Besonder» blutig waren sie in den Städten und Städtchen des Ostgebietes. die von polnischem Militär erobert wurden. — Die vierte Konferenz der Zionistischen Partei Polens drückt die stber»euaung aus. daß es höchste Zeit sti fiir ein friedmenleben und für eine harmonische Mitarbeit des Landes."

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