Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 17 (19.9.1919)
- Date
- 1919-09-19
- Page
- Seite 186 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wilhelmstraße eingezogen. — Unsere Leser haben an den 'Einzelheiten der Entwicklung beobachten können, daß vielmehr der Antisemitismus im Reiche sich.in recht ungemütlicher Weise breit und breiter macht. Tie reaktionären Junker-.und Offizierskreise sowie dit deutschnationale Akademikerschaft sind nach wie vor die Rufer im unsauberen Streite. Das Zettelankleben ist eine neue (alte!) Kampfesweise. Und die Revolverschüsse am Kurfürstendamm, die Plünderungen der Münchener Judenläden, die Beschlüsic der Marburger Klinikerschaft zeigen, wie weit es kommen kann.. Die Niederlage Deutschlands trifft in ihren Folgen natürlich die Juden in gleichem Maße wie ihre christlichen Mitbürger. Am empfindlichsten macht sich das bei der neuen Grenzrcgulicrung geltend. Bald ein Sechstel aller deutschen Juden scheiden aus dem deutschen Staatsverbande aus; gerade die von der Assimilation noch am - wenigsten betroffenen elsässiich-lothringischen s o w i« d i e posenschen Juden gehen uns verloren. Was vielleicht nicht ohne ungünstige Folgen für die deutsche Judenheit bleiben wird. Mit Besorgnis aber müssen wir unsere Brüder polnische Untertanen werden sehen. — Geben uns dergestalt die äußeren Berhältnisie der Juden in Deutschland weüig Anlaß zu freudiger Zufriedenheit, so müssen wir feststellen, daß bedauerlicherweise sogar in unserer eigenen Mitte das Jahr 5679 mit einem Mißklang austönt. Tie Verwaltung der Berliner jüdischen Gemeinde hat unter 5 0 000 Zensiten von 150 000-Gemeindemitgliedern nur 16 000als wahlberechtigt anerkannt, indem sie die Kriegsteilnehmer, da sie offenkundig während ihres Aufenthalts auf Deutschlands Schlachtfeldern keine Steuern entrichten konnten, von der Wahl ausschließt. — rantien dafür enthält, daß die vollen bürgerlichen und'nationalen Rechte der Juden des Ostens, insbesondere der Juden in Polen, Galizien und Litauen, für alle Zukunft sichergestellt sind." ' r\ Tie Weltgeschichte wird zurzeit in Versailles gemacht. Dort hat sich ein ständiges Komitee der jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz gebildet zur Wahrnehmung ■ der jüdischen Interessen. In Versailles haben wir den i Höhepunkt des verflossenen Jahres erlebt. Der 27. F e- ' bruar 19 19 ist mit goldenen Lettern in das Buch der jüdischen Geschichte eingetragen. An diesem Tage haben die jüdischen Führer Nahum S o k o l o w und Chaim W e i zm a n n der Friedenskonferenz die Forderungen des jüdischen Volkes vorgetragen, wie sie das bekannte Kopenhagener Manifest zum Ausdruck bringt: Gleichberechtigung, Autonomie, Palästina. An diesem Tage ist das historische Unrecht vom 9. A w d e ß Jahres 7 0 w i ev der gutgemacht und den Juden ihr Land, das Ziel tausendjähriger Wünsche und unermüdlichen Strebens, wiedergegeben worden. Ersteht uns in Erez Jisroel eine neue, hoffnungsfrohe Zukunft, so ist der 27. Februar 1919, d. i. der 27. Ädar 5679, das größte Ereignis der jüngsten jüdischen'Geschichte. Seitdem hat sich die Verwirklichung des Palästinagedankens auf breiter Bahn weiter vollzogen.. England", das Mandarar geworden ist, fördert die jüdische Siedlung. Heöräisch ist amtliche Sprache im Lande geworden. Das Weltjudcntum setzt sich begeistert für das jüdische Zentrum ein. Selbst die sonst abseits stehönde Orthodoxie hat ein Palästinaprogramm aufgestellt. So treten wir ins Jahr 5680: z um Kampfe und zur Arbeit gerüstet. Es soll uns dem Ziele u n s e rer,H o ff n u n gc n na h e bringen. Mit größter Unruhe sehen wir, daß die deutsche Judenheit die innere Geschlossenheit und internationale Bewegungsfreiheit vermissen läßt, die cs ihr allein ermöglichen könnten, die eigenen Jntcrcsicn zu wahren und am allgemeinen jüdischen öffentlichen Wohl mitzuwirken. Und was hat uns dieses Jahr an schlimmen, schweren Schlägen beigebracht! Selbst die energische Durchführung des Gleich-' berechtigungskampfes der rumänischen Juden gegenüber ihrer trotz Friedensvertrag illoyalen Regierung, die einmal wieder ihr Wort gern gebrochen hat, tritt in den Hintergrund vor den schrcckensvollen, blutigen Ereignissen im Osten, im (euphemistisch so benannten) H a l b a s i e n. Eine Übersicht über die Zerstörung am jüdischen Volk, die auf dem Boden des früheren-russischen Reiches von Polen. Ukrainern usw. angerichtet worden ist, kann noch nicht annähernd gegeben werden. Am 26. November kam die erste genauere Nachricht aus Lemberg, wo Tausende von Juden gemordet, Zehntausende obdachlos gemacht Und ausgeplündert, die Häuser verbrannt, die Töchter vergewaltigt, die Söhne mißhandelt wurdet!'. Seitdem haben die Pogrome in schlimmster Weise unter unseren Brüdern gewütet, besonders natürlich in Polen. Wir gedenken, der Geschlachteten von Warschau und Wilna. Beroyczew und Proskurow, Pinsk und Odessa, Shitomir und Kamenez, F a st o w und K a s a t i n. Mit Empörung sehen wir aber, wie die Schuldigen von den parteiischen Gerichten freigesprochen werden. Es-bleibt abzuwarten, ob die Kommissionen, die zum Studium der Greuel aus aller Herren Länder nach Polen und der Ukraine reisen, uns große Dienste leisten können. Wir sollten unscxe Geschicke besser selber in die Hand nehmen. Der 15. Tesegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland hat denn auch am 25. Dezember 1918 einstimmig die folgende Resolution angenommen: „Tie deutschen Zionisten stehen in schmerzlicher TraUer an den Gräbern der Opfer der Pogrome injGalizien und Polen, in Ungarn und Tschechoslowakien. In tiefst gefühlter Verbundenheit schwören wir unseren Brüdern im Osten zu. daß wir uns bis zum letzten dgfür einsetzen werden, daß ihnen die neue Zeit volle Freiheit bringt. Ter 15. Telegiertentag erhebt flammenden Protest gegen die schmachvollen Pogrome, verlangt von der Friedenskonferenz, daß der Friedensvertrag bindende Ga- Don Zrrg und Ta!. Köln. Der Rabkinerverband in Deutschland hat an alle Gemeinden, welche Rabbiner anstcllen, das nachfolgende Rundschreiben gerichtet: „Durch die traurige Wendung, die in den Geschicken unseres deutschen Vaterlandes eingctreten ist, ist auch die Stellung zahlreicher Rabbiner in den Landesteilen, die nach den Friedensbcdingungm von Deutschland losgelöst werden sollen^ernstlich bedroht. Eine nicht geringe Anzahl der in diesen Landesteilen gelegenen Gemeinden wird durch -den Fortzug der steucrkrästigften Mitglieder überhaupt nicht mehr in der Lage sein, einen Rabbiner halten zu können, andere tverden in ihrer Cleuerkraft so geschwächt werden, daß sie ihren Rabbiner nicht in der bisherigen Weise werden besolden können. Manchen Rabbinern wird auch das Verbleiben in ihrem Amte unmöglich gemacht werden, weil sie durch ihre deutsch-patriotische Haltung während der Kriegszeit ihre Stellung der neuen Regierung gegenüber gefährdet haben. Wir richten deshalb an die verehrlichen Vorstände der Synagogengemeindcn in Deutschlanndie dringende Bitte, bei der Wiederbesetzung der in ihnen zur Erledigung gelangenden Rabbinerstellen diese ohne ihre Schuld in ihrer Existenz bedrohten Rabbiner in erster Reihe berücksichtigen zu wollen. Wir betrachten das als eine Ehrenpflicht der Gemeinden, der sie sich, wie wir zuversichtlich hoffen, nicht entziehen werden. Der geschäftsführende Vorstapd des Rabbinervcrbandes in Deutschland: Guttmann-Breslau, Nobel-Frankfurt a. M., Seligmann-^ Frankfurt a. M., Blnmenthal-Berlin, Rosenthäl-Köln, Kopfstcin-Beuthen O./S. » « » Geilenkirchen. Einen schiver^n Verlust hat unsere Gemeinde durch den plötzlickxenHeimgang des Herrn Ferdinand Frenkel erlitten, der im besten Mannesalter seiner Familie und der Gcnicinde entrissen wurde. Vor einem zahlreichen, aus allen Kreisen der Bevölkerung zu-