Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-09-12 · 16 (12.9.1919) · p. Seite 176

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
16 (12.9.1919)
Date
1919-09-12
Page
Seite 176 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3947615-6435923-6437043--0192-3947790
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

176 T- $ r+r Anhausen (Kreis Neuwied). Cabbath Schaustim fand , zum ersten Male nach langer Zeit in der hiesigen Synagoge ein öffentlicher Gottesdienst statt. Es galt, die Barmizwo des einzigen Sohnes des Herrn Moritz Tobias zu feiern. Von nah und fern, von der linken und rechten Rheinseite . waren Verwandte und Freunde der Einladung der Familie Tobias gefolgt, die alles aufgeboten hatte, um. den Tag würdig zu gestalten. Die Roligionsiveihe vollzog Herr Lehrer Ginsbürg aus dem benachbarten Dierdorf. Mit dem Barmizwo-Knaben hat die Gemeinde nunmehr wieder Minjon. Hoffentlich betrachtet cs nun auch ein jeder als eine Ehrenpflicht,. bte Abhaltung eines Gottesdienstes an Sabbath und Feiertagen zu ermöglichen. Als vor 30 Jahren das Gotteshaus erbaut wurde, hat wohl niemand geahnt, dast die Gemeinde einmal so zusammenschrumpfe'n würde. — Von den jüdischen Kriegsteilnehmern hat einer sein blühendes Leben für das Vaterland geopfert. Illingen. In seiner am 6. Sept. abgehaltenen Mitgliederversammlung beschloß der Jüdische Jugendbund die Einrichtung eines Vereinszimmers für die Sabbathnachmittage, wo Spiele zur Verfügung stehen und jüdische Zei-, tungen austiegen sollen, und zwar „Der Jüdische Bote vom Rhein", „Ost und West", der „Schlemiel", die „Jüdische Rundschau", das „Hamburger Familieublatt", der „Israelit". Die Benutzung steht jedem aktiven und inaktiven Mitglied frei. Ferner wurde beschlossen, daß im Winter regelmäßig, niinksitens allmonatlich, öffentliche Vorträge über jüdische Tinge stattfinden sollen. Alle Veranstaltungen sollen rechtzeitig irn Vereinsbotcn des „Jüdischen Boten" veröffentlicht werden. Es ist zu hoffen, daß der Verein ein Mittelpunkt des hiesigen geselligen Lebens wird, doch ist dazu die rege Mitarbeit aller vonnöten. Mülheim-Ruhr. Am Montag dn 8. September sprach hier itn Jüdischen Jugendvcrein Herr Rabbiner vr. Emil Cohn aus Bonn über das Thema „Unsere Feiertage". Ausgehend von dem Gedanken, daß mehr noch, als es die Literatur eines Volkes vermag, sein« Feste und Bräuche die Physiognomie des Volkes wiedergeben, erklärte und erläuterte er die Feste des jüdischen Jahres, zeigte, wie sich nicht nur geschichtliche Erinnerungen, sondern auch die ganze Lebensanschauuiig unseres Judentums in ihnen spiegeln und ausdrücken und schloß mit einem warmen Appell an die anwesende Jugend, sich zusammenzuschließen und gemeinsam die alten Ideale zu pflegen. 9 9 9 9 A Der Bote erzählt: — Der Karfunkel. Bon Leopold A»mprrt. (». Forlschung.) An einem Sabbathnachmittage saß Gottlieb Weißfisch, der „verdorbene Student", in der Werkstätte seines Vaters, um ihn eine zahlreiche Gesellschaft von jungen Mädchen und Männern, die alle gekommen waren, ihrem Abgotte die schickliche Anstandsvisite zu machen, denn er war erst tags zuvor in der Heimat eingetroffen. Auch Fciwelmann, der Baß, war da, der sich merkwürdigerweise mehr zu der Jugend als zum Alter hielt. An diesem Nachmittage war Gottlieb Weißfisch bei besonders guter Stimmung, er gab alle Opern zum besten, die er seit Jahresstist gehört, und auch mit dem Inhalte zweier Trauerspiele war er bereits fertig geworden. Seine Zuhörerschaft schwamm in Entzücken, und manches feuchte Mädchenauge schien verraten zu wollen, wie schade es doch sei. daß der „verdorbene Student" in den Augen besorgter Eltern eine so ungünstige Figur vorstellte. Unter anderem hatte Gottlieb Weißfisch auch eine Arie aus der damals besonders viel genannten „Norma" seinen Bewunderern zum besten gegeben; am Schluffe rief er traurig und minder Miene eines wahrhaft Unglücklichen aus: „O! wie bedaure ich es, daß cs mir nicht gegönitt war. noch diese Woche in Prag zu bleiben. Welch ein Kunstgenuß stand mir bevor! Heute tritt die göttliche Brodini auf. der ein ungeheurer Ruf vorangeht, und ich, ich hin nicht in Prag!" « Mitleidige Rufe aus den Reihen der um ihn dicht gescharten Gesellschaft belehrten ihn, wie tief bedauerlich diese Tatsache jedenfalls sei. v „Wer ist die Brodini?" ftagte ein schüchternes Mädchen von sehr sanftem Gesichtsausdruck. „Sie wisien nicht, wer die Brodini ist?" belehrte sie Gottlieb Weißfisch mit jener überlegenen Miene, wie sie der Sage nach allen „verdorbenen Studenten" eigentümlich sein soll. „Sic wisien nicht,.wer die Brodini ist?" wiederholte er nochmals, die schüchterne Fragerin mit seinen Blicken anstarrend. ' „Ich möchte es auch gerne wisien", ließ sich eine Stimme aus den hintersten Reihen der Gesellschaft vernehmen. Sie gehörte Feiwclmann, dem Baß, an, aber niemand achtete darauf, welch ein sonderbares Beben dieser Stimme innewohntc. - „Nun", ließ sich endlich Gottlieb Weißfisch, nachdem er sich eine geraume Weile an der Verwirrung seiner Zuhörerschaft stillschweigend geweidet, vernehmen, „nun, die Brodini soll eine der größten Sängerinnen sein, die die Welt seit langer Zeit gehört. Ob sich dieser Ruf bewahrheitet, kann ich nicht mit Bestimmtheit behaupten, denn leider kann ich ihrem Auftreten nicht beiwohnen. Die Brodini ist übrigens nicht nur durch ihre Stimme so berühmt, man sagt auch, 'daß um ihre Herkunft ein geheimnisvoller Schleier gebreitet liege, den noch niemand zu lüften imstande war. Einige behaupten, sie sei eines vornehmen Grafen Tochter, die aus unbczwinglicher Liebe zur Kunst sich der Bühne gewidmet habe. Andere wieder verbreiten das unglaubliche Gerücht, sie gehöre uns an, und ihr Vater sei irgendwo in Ungarn oder Polen Vorbeter einer Gemeinde." „Warum könnte das nicht sein?" ftagte wieder jenes Mädchen mit dem sanften Gesichtsausdrucke. „Weil sie dann nicht Jsabella Brodini hieße!" antwortete der „verdorbene Student" in einem Tone, gegen desien Fclsenhärte alle Bedenken und weiteren Fragen nutzlos abprallten. ' Jemand hatte lautlos, ohne daß cs in der Werkstätte des Schneiders, der Triumphstätte des verdorbenen Stu-. denten, bemerkt wurde, das Zimmer verlasien. Jemand ' war totenbleich auf die Gasie getreten . . . und keiner drin in der Stube unter allen, die der dramatischen Vorlesung des Herrn Gottlicb Weißfisch mit so ungeteilter Aufmerksamkeit folgten, ahnte, mit welcher Entdeckung in dem Innersten seiner Seele Feiwclmann, der Baß. davongegangen war... Er kam nach Hause. «Gut' Woch' und guten Abend, David!" rief er beim Eintritt in die Stube seinem Meister zu. David Brod nickte zu diesem Gruße nur leicht mit dem Kopfe. „Bei dir fängt ja die Woche guj an. Feiwelmann". sagte er nach einer Weile etwas spöttisch, „du scheinst mir herzfteudig aufgelegt." „Warum soll ich nicht herzfreudig aufgelegt sein?" rief Feiwelmann, der Baß, überaus lustig. „ Ich habe heute, weil mir der verdorbene Student, Saul Weißfisch einziger Sohn, so viel vom Theater erzählt hat, den Entschluß gefaßt: ich will einmal wieder einen großen Künstler sehen. Willst du mit, David?" «Nach Frankfurt am Main?" spöttelte der Vorbetrr. „Nein", sagte der Baß mit nachlässiger, gleichsam

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.