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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-09-12 · 16 (12.9.1919) · p. Seite 175

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
16 (12.9.1919)
Date
1919-09-12
Page
Seite 175 (sequence 5)
Language
German
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antisemitischer Angriffe verwendet worden, die mit ungeahnter Heftigkeit eingesetzt hätten. Verschiedene Konferenzteilnehmer schildern die Lage in ihren Gemeinden, auch die Vorbereitungen, die für ein? Neuorientierung hier und dort getroffen sind. Es herrscht die größte Verschiedenheit der Ansichten über Notwendigkeit und Ausmaß der Forderungen; auch haben sich die Gegensätze zwischen den einzelnen Richtungen noch verschärft. Von allen Seiten wird betont, daß der Rgbbiner auf Mäßigung und Einigkeit hinwirken solle. Nach der allgemeinen Aussprache geht die Versammlung an die Erörterung der wichtigsten Einzelfragen heran und gelangt zu folgender Entschließung: „Der rhein.-westfäl. Rabbinerverband, zumstrsten Male nach der politischen Umwälzung versammelt, hält ein.e zeitgemäße, freiheitliche und volkstümliche Ausgestaltung der Gemeindeverfassung für angezeigt und vertritt insbesondere folgende Forderungen: Der Rabbiner (gegebenenfalls der dien st älteste) ist Mitglied des Vorstastds. Änderungen im Kultus und Ritus sollen in Überein st i nt nt u n g zwischen Gemeindevertretung und Rabbiner vorgenommen werden. Das gleiche, direkte und geheime Wahlrecht soll allen Gemeindeangehörigen (ohneRücksichtauf Staatszugehörigkeit und Geschlecht) erteiltwerden." Bei der Neubildung des Vorstands, zu dem der Kastenbericht des Koll. Dr. Scheftelomitz (Köln) vorliegt, werden Dr. Cohn zum ^Vorsitzenden. Dr. K r o n h e i m (Bielefeld) zum stellv. Vorsitzenden, Dr. Samuel zum Schriftführer für das Jahr 1919/20 bestimmt. Nach gemeinsamem Mittagsmahl und einer liebens würdig gastlichen Aufnahme im Hause der Frau Dr. Samuel fand man sich alsdann zur Fortsetzung der Verhandlungen, an denen gastweise auch die anwesenden Damen der Kollegen teilnahmen, im Sitzungssaale ein. Zur Verlesung gelangt ein Schreiben des Lehrers M. A dr a h a m als Antwort auf eine Einladung, die der Verband an ihn und die Esiener jüdische Lehrerschaft behufs Teilnahme an den Referaten der Konferenz hatte ergehen lasten. Herr Lehrer Abrgham, Vorsitzender des.Vereins jüd. Lehrer der Rhein- Provinz und Westfalens, hält die schtvebenden Differenzen zwischen Rabbinern und Lehrern noch für ungeklärt und wünscht eine grundsätzliche Stellungnahme.als Voraussetzung freundnachbarlicher Beziehungen der Verbände. Ter Vorsitzende Dr. Cohn, sowie Dr. Samuel wollen die Angelegenheit weiter im Auge behalten. Jy der Reihe der Referenten spricht Herr Dr. Norden zuerst über I ü bische S e x u a l e t h i k. Im Anschluß an einen von ihm veröffentlichten Aufsatz über denselben Gegenstand geht er des näheren auf die Schriften ,,Sittenreinheit" von Dr. S. Carlebach (Verlag „Hausfreund", Berlin N. 24,4919) und „Die Sexualethik der jüdischen Wiedergeburt" von Hans Goslar (Berlin. Jüdischer Verlag, 1919) ein. Beider -Schriften erscheinen ihm, ungeachtet lvcrtvoller Winke und Anregungen, der Größe des Problems nicht vgllauf gerecht zu werden, auch nicht frei von; Einseitigkeit. Die Sittenstrenge unserer Jugendlichen und die Reinheit unserer Ehen sollten nicht vom Parteistandpnnkt. sondern von den Grundsätzen der Bibel und der Tradition aus gefordert werden. Hier liegt eine wichtige Aufgabe unserer sozialen Arbeit insbesondere in den Jugendvereinen vor. in denen die Ideen der gleich hohen Moral für beide Geschlechter. Wr Frühehe, der Verwerfung der Mischehe u. s. f. sorgsam gepflegt und verbreitet werden müste. Nützlich erscheinen dem Redner auch Merkblätter in geineinfaßlicher Sprache, woran es das bisher einzige des Jüdischen Frauenbnndes nocp fehlen läßt. ' 1 Den folgenden Vortrag hält Dr. Samuel: „W a s kann zur Belebung des Religionsunterrichts an den höheren Schulen geschehen? Mehr als je ist der R. U. heutzutage darauf angewiesen. church. seine inneren Kräfte anzuziehen und freiwillige, ja begeisterte Teilnahme zu errvccken. Ein wichtiges Mittel dazu erscheint dem Redner der Übergang zu den Grundsätzen der Arbeitsschule. Mrade auf den höheren Stufen können Erfolge erzielt werden, wenn chie Zöglinge zur Mitarbeit herongezogcn werden, durch Vorträge über sreigcwählte Themata, durch kleine Ausarbeitungen, durch schriftliche Antworten auf Wiederholungsstagen. Wohl I vervielfältigt sich dadurch die Arbeit des Lehrers, aber die- . scr darf keine Mühe scheuen, und die Ergebniste werden ihn ^lohnen. Neue Versuche mögen außerdem gemacht werden mit der Bildung eines Sch ü! e r b u n de bestehend aus Zöglingen der verschiedenen Lehranstalten, zur Pflege jüdischest Lebens und der Geselligkeit; endlich sollte die Beratung von Unterrichtsfragen in Eltcrnversanimlungen mir < au erster Stelle ausgenommen werden. In der Aussprache >vird von Dr. Leyi (Krefeld) die Fordenmg eines neuen Lehrbuchs der n a ch b i b.l i s che n Geschichteernertt erhoben; mehrere Kollegen sollen demnächst die modernen Grundsätze dafiir ausarbeilen. s Ten letzten Vortrag hielt Dr. Escheldacher (Düsi seldorf) über .Judentum und Sozialismus. Nicht sozial allein sei die Bibel, sondem in vieler Hinsicht sozialistisch in Gcgenwartskedentung. Die mosaische Gesetzgebung ist von einer Umwälzung zugunsten der Befreiung des arbeitenden Standes ausgegangen und nur so zu verstehen. ' Sie bedeutet keine Zusamnienfastung des Vergangenen, sondern aründkt einen neuen Rechtszustand. Die Formet „zum Andenken an den Auszug aus Ägypten" ist eine stete Bezugnahme auf eine soziale Revolution. Diese batte zum Führer einen Most, d. h. einen Vornehmen, der seinen Weg zu unterdrückten Arbeitern gefunden hat., Die gleiche Erscheinung zeigt sich von Mose bis zu den Gracchen. ja bis zu Ferd. Lastalle. Der Priester-Prophet Jeremia (um H90) knüpft unmittelbar an Mose an, wo cs die Befreiung der Sklaven gilt.! Das religiöse Vrinzip der Bibel (die ganze Welt. eignet Gott allein) begründet auch das Verhältnis i des Menschen zum Besitz. Privateigentum wird nicht aufj 'gehoben, aber veredelt. Ter Israelit gehört Gott an. er, ■ kann daher nicht Sklave werden (d e n n m e i n e Kn e ch t c j sind die Kinder Israel usw., Öeöit. 2H, 55). Von! hier aus ist ein gerader Weg zu der Verallgemeinerung. > daß, ivcr sich Gott unterordnet (und das soll jeder Mensch) j dadurch Freiheit und Gleichheit, erlangt: der Weg zur 1 Aufhebung jeder Versklavung, in welcher Form immer, ist gebahnt. Darauf beruht weiter das gesamte Arbeiterrecht des Talmuds. Die schönste, positive Ergänzung dieser Ideen und zugleich das größte Geschenk an die Menschheit ist der Sabbath. Freiheit muß sich .in freier Zeit äußern, und diese erteilt der 7. Tag in erster Linie dem Arbeiter und dem Dienenden.! Da wegen vorgerückter Stunde eine Aussprackv über j diesen mit lebhaftestem Beifall ousgenommenen Vortrag! nicht mehr stattfindcn konnte, so wird man der beabsichtigten Veröffentlichung desselben tveit über den Kreis der Konferenz hinaus mit Spannung entgegensthen. Von dem Plane des Herrn Spiro, in dem vielbesuchten Bad Oeynhausen ein jüdisches Knrheim mit Svnagoge zu gründen, nahm die Konferenz mit hobent Interesse Kenntnis. ■Uött Dery und Tal. Wir richten nicht nur an unsere Korrespondenten die wiederholte Bitte, uns regelmäßig ihre Nachrichten zngchep zu lassen, sondern bitten auch alle unsere Leser und Freunde in den rheinischen Landen dringlichst, den Boten mit wissenswerten Mitteilungen allgemeinen wie persönlichen Interestcs zu unterstützen. Wir sind dankbar siir die kleinste lokale Notiz, die uns zugeht, bitten nur, alle Berichte e i nfestig zu beschreiben. ' 8

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