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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-09-12 · 16 (12.9.1919) · p. Seite 174

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
16 (12.9.1919)
Date
1919-09-12
Page
Seite 174 (sequence 4)
Language
German
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— iH — sie werden erzogen von der Atmosphäre, in der sie leben, von der geistigen Lust, die sie atmen, und kein Vater und keine Mutter vermag gegen diese Miterziehey aufzukomincn, die auf tausend geheimen Wegen an der Seele unserer Jugend gestaltend und formend schaffen." Nehmen wir an, daß Anlagen und Talente, Steigungen und Leidenschaften nur Grundlagen^ sind, die erst durch die Erziehung aus dem Menschen herausgebildet und entwickelt oder unterdrückt und verbannt werden, daß"alles, >vas das Slirrb, den Jüngling uird das Heranwachsende Mädchen umgibt und was Eindruck auf sie macht — d. h.^was ihren Anlagen entspricht — ihre Seele formt und den eigentlichen Menschen loerden läßt. Jeder Mensch, aber auch das Kind, wählt sich aus dem ihm von der Außenwelt gebotenen Material, da er naturgemäß nicht klles aufnehmen kann, das ihn Bildende selbst, er niinmt nur das als geistiges Eigentum. in sich auf, was er selbst für zweckmäßig zu einer gedeih-^ .lichcn Entwicklung erkennt. Beim Kinde im eigentlichen Sinne ist diese Aufnahme unbewußt, mehr instinktiv, beim reifen Menschen, besten Leben sich in den Bahnen einer Lebensanschauung abspielt, geht der Prozeß bewußt vor sich. Neigung zum Guten fördert die Auswahl des Guten, Anlage-zum Bösen bedeutet Hemmung und liebt das entsprechende. Hier setzt die Erziehung ein! Ihre erste und wichtigste und zugleich schwierigste Aufgabe ist cs, dem Erzichungsobjckt von dem Stückchen Welt, das ihm überhaupt geboten werden kann, das zu geben, was für seine Anlagen zum Guten möglichst viel, für das Böse in ihm möglichst wenig Nährstoff birgt, und so die Eindrücke des guten Milieus zu stützen, die des schlechten zu paralysieren. So wird der Mensch einerseits individuell nach seinen Anlagen, andererseits das Produkt aus Erziehung und Milieu, und et selbst ist im Grunde der Bildner. Ül>ertragen wir diese Grundsätze auf die Erziehung unserer jüdisä-en Jugend. Tie Boraussetzung, Anlagen zum Judentum. Verbindung mit seiner Vergangenheit, seinen Idealen, Zielen und Zwecken, ist beim jüdischen Kinde ohne iveiteres durch das Geborensein von der jüdischen Mutter durch die Jahrtausende hindurch gegeben, Anlagen, st doch in G. s. D. noch recht vielen Fällen einigen Nähroden finden im jüdischen Haus, in der jüdischen Familie. Aber schon in den ersten Jahren der Kindheit beginnt die Wirkung des Milieus: Wirtschaftliche Verhältnisse, Gespielen, die Schule, die Straße und was sonst alles hinzukommt, lassen von dem Mitgcbrachten nur wenig mehr übrig, und auch der in der bisherigen Weise geübte jüdische Religionsunterricht kann in den meisten Fällen diese unselige Entwicklung lvenig oder gar nicht aufhalten. Hier nimmt das bewußt jüdische ErZiehungstverk den Kampf auf. Sind die Eltenr zu schwach, ihrem Kinde das geistige Rüstzeug zu liefern, so haben wir heute jüdische Jugendorganisationen genug, die sie darin mehr oder »veniger ausreichend unterstützen. Nicht umsonst oder nur um des Vergnügens willen tverden in den letzten Jahren und insbesondere jetzt nach Beendigung des Krieges überall jüdische Jugendgruppen gegründet mit dem festen Ziel, der plan- und wcltanschauungslosen jüdischen Jugend ihren inneren Halt, bcu natürlichen Halt jüdischen Selbstbewußtseins wiederzugeben, selbst die Schulkinder in allen Altersstufen jucht man auf diese zlvarkursorische, aber einzig mögliche Art in Blau-Miß-, Esra- und andern Mander- und Spielvercincn ihrem Judentum zu erhalten. Alle diese Organisationen verfolgen mit vollein Bewußtsein den Ziveck, anstelle oder neben den Eltern, die grundsätzlich und von Natur ans hierzu l»erpftichtet, aber selbst zu schwach sind, der jüdischen Jugend das Material an die Hand zu geben, besten sic zu einer gsdcihlichen Entwicklung in Verfolg ihrer besonderen jüdischen Anlagen für ihr Judentum bedarf, kurz, sie in ein möglichst geschlossenes jüdisches Milieu hineinzusctzcn. Tie Mittel, dieses hohe Ziel zu erreichen, sind recht mannigfaltig, der Weg ist äußerst schwierige Doch da hör ich Mephisto sprechen: „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie!" Laßt alle diese Geister der Verneinung reden, versucht es mit festem Willen, und der Erfolg wird euch eines besseren belehren. Und sollten wst es-nicht, hier mehr, dort weniger, vollbring? Sollte es nicht möglich sein, daß jeder Vater, jede Mutter mit ihrem Kinde wöchentlich zwei, drei, vier Stunden „lernen", um Freitag Abend oder Sabbath Mittag oder am Sonntag, sollte es denn gar so'schlimm sein, daß in jedem jüdischen Jugendverein neben den üblichen und — notwendigen Vergnügungen mindestens zwei Wochenstunden dem Studium jüdischen Schrifttums, jüdischer Geschichte, insbesondere aber dem Urquell allen Geistes und allen Lebens, dem C h u. mesch, gewidmet sein müßten, daß Vorträge nur über jüdische Themata gehalten werden, auf den Ausflügen statt der flachen Tagesgespräche auch einmal über jüdische Dinge gesprochen werden könnte? Leme es doch, jüdische Jugend, das spöttische' fast mitleidige Lächeln deiner Kameraden mit deni Bewußtsein, eine höhere Stufe der geistigen Erkenntnis erklommen zu haben, einzustecken, wenn du über irgend einen Genuß einen Brocho sagst, wenn du von einer Jnstitution deines Judentums, von Ideen deiner jüdischen Schriften, von Idealen deines jüdischen Wollens sprichst! Lerne cs mit dem ganzen Ernst, den die angestammte Religion deiner Väter von dir in Letzte und Leben fordert, Jude zu sein, dann wird den Zweiflern und Spöttern das höhnende Wort auf der Zunge ersterben, dann werden dir auch die positiven Naturen, deren es in unserer jüdischen Jugend noch viele gibt, folgen. Wie wix das auserwählte Volk sind, so soll jeder einzelne von euch auserwählt fein, daß er heute, nicht morgen, sein Judentum in die Tat umsctzc, nicht zu warten auf eine günstigere Zeit, nicht zu lvarten auf Beispiele der Genosten. Taten werden von uns verlangt, nicht, Worte! Es muß ja nicht von heute auf morgen sein, diese Umstellung, dieses ausschließliche Stteben auf neuer Bahn. Wir wollen uns hinauf entwickeln I Was wir nicht begreifen, das lernt die uns folgende Generation, und wenn wir auch nur wenige sind, die sich langsam auf sich selbst besinnen, die einmal gewonnene Idee ist ewig, sie kann nicht mehr verloren gehen. Aber Juden seid ihr alle, ihr Eltern, Jünglinge und Mädchen, und habt das große Gesetz unterschrieben und es dadurch in Kraft gesetzt, das da sagt: „Wehoju hadworim hocile.... al lcwowecho, diese Worte sollen in deinem Herzen sein, weschinantom lewonecho, wcdibarto bom, du sollst sie einschärsen deinen Kindern und du sollst davon reden. Zeig/, daß ihr. Juden seid, aufrechte, feste, stolze Juden, zdlgl es zuerst und vor allem dmch die Erziehung eurer -Kinder! Zeig es, jüdische Jugend, dmch jüdische Selbstcrziehung. dann tverdet ihr auch in den Augen eurer Mitwelt geachtet und geehrt dastehen, dann werdet ihr vor allem erst reif werden zu wahrem jüdischem Leben, reif zu der großen Erziehungsmission des jüdischen ^Volkes. Korsrrcuj trs theirisch-mtflsälischeit PaddinervrrbanSrs. Am Sonntag den 27. Juli fand die erste Konferenz nach schwerer Kriegszeit nicht, wie üblich, in Köln, sondern in E s s e n in, Sitzungssaal« der Gemeinde statt. Teilnehmer waren die Rabbiner Drss. Auerbach (Elberfeld), E ohn (Bonn), Eschelbachcr (Düsteldorf), Gallincr (Gelsenkirchen), Klein (Düsteldorf), Krön heim (Bielefeld). K r o n h e i m (Dortmund), Lange (Esten), Levi (Krefeld), Norden ^Elberfeld), Neu mark (Duisburg), Samuel (Esten), vr. Krqnheim (Bielefeld) wies als Vorsitzender auf die Not und das Unglück des Vaterlandes hin und gab der Hoffnung Ausdruck, daß das j dcutsä-e Volk und die deutsche Judenhelt die Kraft zur Wiederaufrichtung finden werden. Bedauerlich sei, daß in so schlverer Zeit nur geringfügige Anregungen vom Zentralausschuß des Rabbinerverbandes in Deutschland ausgegangen seien und auch der Verband der deutschen Juden noch keine feste Stellung zu den schwebenden Problemen! genommen habe. Alle Kraft ist offenbar aus die Abwehr r I

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