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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-09-05 · 15 (5.9.1919) · p. Seite 164

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
15 (5.9.1919)
Date
1919-09-05
Page
Seite 164 (sequence 6)
Language
German
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164 vorrrug. Wohin daS bleiche Mädchen mit den großen Augen und der lerchenhaften Stimme kam. war es, als ob den Menschen eine neue Offenbarung über das Walten des Göttlichen in einem irdischen Geschöpfe entgegengetreken wäre. Alles das »rußten die Leute nicht, und doch behaupteten sie, aus den» Minbe ihres Vorbetcrs sei eine große Sängerin geworden! Woher war ihnen diese Kunde gekommen? Eines Tages kam Saul Weißfisch, der säbelbeinige Schneider, zu David Brod. \ „David!", sagte er. „euer Kind ist jetzt etwas Großes geworden; da Muß sie sehr schöne Briefe schreiben, und ich bin all mein Leben ein Freund von schönen Briefen gewesen. Daruin möcht' ich euch bitten, zeigt mir. was euch euer Kind schreibt; ich kann nnr denken, was so eine große Künstlerin schreiben kann!" ' „Ich habe keine Briefe", schrie der Borbctcr, und ein ergriinmtes Antlitz drohte dein erschrockenen Schneider zu. ,„Ihr habt keine Briefe von eurem Kinde!" rief Saul Weißfisch erschrocken. Tann lächelte er fein und boshaft. „David Brod", sagte er mit aufgehobenem Finder, „wollt ihr auf eure alten Tage mir, Saul Weißfisch, gegenüber den ,Min' (Heuchler)Spielen? So gut ich Saul Weißfisch heiße, so gut habt ihr Briefe von eurer Tkühlcr. Mir werdet ihr einreden »vollen, daß ihr keine Briefe habt? Ihr wollt sie nur nicht vorwetsen, weil ihr fürchtet, ich könnte daraus erfahren, daß ihr nun ein reicher Mann seid, dein seine Tochter ungezähltes Geld schickt, und daß die Gemeinde euch vielleicht etwas von eurem Gehalte abziehen könnte! David Brod, was seid ihr doch für ein Min geworden!" DaS ist das Bitterste eines bekümmerten Herzens, wenn die platte Gemeinheit cs wagt, die plumpe Hand an das Heiligtum unserer Empfiirdung zu legen, in unserer Schtveigsamkeit Berechnung zu erblicken, die darauf loszielt, die blöde Dfeugterbe des Nachbars im unklaren zu erhalten! David Brod konnte ein schönes Liedlein davon singen. Eine trübe Vereinsamung warf immer tiefer fallende Schatten um den alten Mann; nicht einmal der einzigen Seele gegenüber, «der sein geheimnisvolles Leiden offen vor Augen lag. konnte es gelingen, sic von ihm fern zu halten. Zwischen David Brod und seinem Freunde Fciwelmann lag etwas wie ein blankes Schwert, das jede Annäherung ihrer Seelen unterbrach. Sic wohnten und aßen miteinander; sie saßen sich gegenüber; wenn aber die Rede auf diejenige kam, die der eine als eine Tote ansah. während sic in dem Herzen des andcm in Glanz und Herrlichkeit und ungetrübter Lebendigkeit thronte, dann klaffte der unheimliche Riß. der ihren Bund in zwei unheilbare Hälften auseinander gerissen hatte. Das war einmal so weit gegangen, das; Fciwelmann. der Baß. seiner Natur untreu, zornig aufgesranden und geäußert halte: „David Brod, ich sag es dir. »venn du dich nicht änderst. so schnür ich mein Bündel und gehe wieder nach Bauern zurück." „Waruin nicht, Feiwelnumn", hatte dagegen David Brod gesagt, „da hast du nicht tveit nach Frankfurt am Main und kannst wieder deinen großen Künstler spielen sehen." Dieser höhnischen Anspielung gegenüber, die deutlich bewies, daß aus dem Gedächtnisie des alten Mannes auch nicht die leiseste Erinnerung an jahrelange Erlebnisse geschwunden >var, fühlte sich Fciwelmann schwach wie ein Kind. „Hab ich denn schon gesagt", rief er stotternd, „daß ich gehen will? Bis du nicht deinen Stecken nimmst und jagst mich auf und davon, gehe ich nicht von dir. Was soll ich auch in Bayern tun? Ihr Böhmen gefällt cs mir. da will ich bleiben." In der Nacht aber wachte Feiwelmann, der Baß, in seiner Kammer, es war diesäbe, die einst dem Kinde des Vorbeters zur Schlafstättc gedient hatte, länger als cs seine Gewohnheit war. Er konnte keinen Schlummer finden; sein Gehirn war iilfolge einer jener peinlichen Unterrcdungen uut David Brod. die jetzt öfters stattfanden, tief aufgcrc|jt, alle Ruhe war von ihn» gewichen. Da durchzuckte ihn ein merkwürdig „wilder" Gedanke, sein Gesicht flammte hoch auf, all sein Denken und Fühlen war wie ein glühender Erzstrom in Fluß geraten. Er setzte sich hin und schrieb folgenden Brief: „Herrlicher Karfunkel in der »veilen, »vciten Welt! Wie ich noch ein Kind war zu Hause in Bayern, da hat mir einmal eine alte Frau ein Märchen erzählt, welches ich bis auf den heutigen Tag ,licht vergesien habe. Ein Königskind »var seinen Eltern geraubt und von den Räubern in einen großen finstern Wold gebracht »vorden. Wie cs älter ward, ist aus ihm selber ein Räuber geworden, den rnan gefangen genommen und vor das Angesicht des Königs gcbracht hat. Da hat man den Räuber gefragt, »ver er sei und von »velchen Eltern er abstamme, da hat er geant- »vortet: Eltern habe er keine gehabt, nur an das eine könne er sick) eriimern, daß er in seiner Kindheit mit etwas Glänzendem gespielt habe, was gerade so aussehe wie die Krone auf dem Haupte des Königs. Da ist der König ihm um den Hals gefallen und hat ausgcrufen: „Du bist mein Kind." Und so eine Krone, glaube ich? mit der mail in seiner Kindheit gespielt hat, besitzt jeder Mensch, und »venn er noch so alt wird uild sich verändert, das goldeile Spielzeug geht-ihm nicht aus dem Kopfe, und wenn die Toten reden könnten, würde vielleicht mancher sagen: Es war mein letzter Gedallke! \ Für mich ist und »vor diese Kroilc . . . eine hölzerne Truhe, in »reicher meine Mutter (mit der der Friede sei) ihre „guten" Sachen aufgehoben hat: ihre goldene Hallbe. ihre Feiertagsklcider und unten au^ dem Boden auch ihre einstigen Sterbegeivänder! Wenn die Mutter diese Truhe aufgemacht hat, »var es mir stets, als müßte ich mich auf etwas Besonderes freuen; der Schlüsiel hat so merkwürdig geknarrt und die große Truhe hat gekracht, als hätte fie> sagen »vollen: Es ist ganz gut, daß ihr mir einmal Lust macht, .ich kann es fast nicht aushalten. Und noch jetzt höre ich das'Geknarre des Schlüssels und das Krachen der Truhe! Wie geht es denn dir, herrlicher Karfunkel, nn der »veiten, »veitcn Welt? Hast du denn keine Krckne aus deiner Kindheit. nicht einmal eine armselige Truhe, »vie ich' eine gehabt habe? Hast du denn nichts, gar nichts, was dich an diese Kindheit und an uns erinnert? . . . Von mir will ich gar nicht reden. Wenn ich aber auf deiilen Vater David Brod sehe, tut mir mein Herz wehe! Hast du denn gar nichts, leuchtender Karfunkel, kein Spielzeug? keinen Schlüsiel. der knarrt, keine Truhe, die kracht, wenn man sie aufschließt; kein Trenderl, welches sich kreiselt, nichts, gar nichts, »vas dich an ihn geinahnt? Unsere Laubhütte.ist alt getvorden, und wenn wir sie mit Gottes Hilfe im nächsten Jahre wieder aufrichten, muß Johannes, der Zimmermeistcr. der in der Klostergasse »vohnt, ein paar neue Bretter hineinarbeiten. Auch David Brod ist alt getvorden, aber ob einer außer dir imstande ist, ' ihm ein paar neue Lebcnsbrctter zu verschaffen, das weiß ich nicht. Denk an diese Bretter. Karfunkel . . . denn es könnte bald geschehen, daß andere Leute daran denken müssen . . . Krank ist er nicht, nur gewaltig müde. Im übrigen glaub nicht, daß ich in deiner Kunst dich stören will. Denn »ver hat imnier gesagt: David Brods Kind ist e.in Wunder von Gott? Und »ver hat aufgehört, seine Backe beim Singen zu halten? War das nicht Feiwelmann, der Baß? Und warum hat er aufgchört r Weil es ihm ein Kind geboten hat, auf das er mehr gehört hat. wie auf das Wort eines Kaisers! Verzeihe mir. daß ich daS alles so geradezu heraussage. Aber ... du hast deinen Vater in acht Jahren nicht gesehen, und ich ... ich habe, ihn stündlich vor Augen. ' Lebe wohl, leuchtender Karfunkel, dem ich bin in tiefster Ehrfurcht Feitvelmann. der Baß." Diesen Brief siegelte der Baß noch in det Nacht, trug »hn am andern Tage aufs Schloß »md übergab ihn dem« Wenigen von den BedMsteten de- Grafen, der ihm im Namen seines Herrn die von Zeit zu Zeit einlangende» I

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