Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 14 (29.8.1919)
- Date
- 1919-08-29
- Page
- Seite 152 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3947615-6435923-6437036--0166-3947766- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
V - 16* - komme und esse mit uns! Wer nach jüdischer Gemeinschaft hungere, der komme au uns. nicht einer aus der ganzen Gemeinde soll fehlen. v Illingen. Infolge der günstigen finanziellen Lage, in der sich die Gemeinde z. Zt. befindet, konnte die Kultus, steuer. die zeitweise eine Höhe von 50°/o erreicht hatte, auf 20°/, erniedrigt werden. Illingen. Am vergangenen Schabbos Re'eh fand hier eine Doppelbarmizwoh statt. Die beiden Barmizwohs waren ein Sohn von Herm Alftcd Levy von hier und ein Sohn von Herrn Zacharias Weiler II aus Merchweiler. In einer.kleinen Ansprache ermahnte Herr Kantor Lyon die beiden Barmizwohs, treu am Judentume festzuhalten. Als Andenken an diesen Tag wurde für unsere Synagoge eine in Holz geschnitzte Ehrentafel für die im Weltkriege gebliebenen Söhne unserer Gemeinde gestiftet. AduHriegebiet^ ' Esten. Die Vertrauensmänner der Ortsgruppen des Verbandes der Ostjuden für Rheinland und Westfalen hielten ihre Konferenz im hiesigen Union-Hotel ab. Vertreten waren u. a. die Ortsgruppen Dortmund, Düfleldorf. Duisburg, Esten, Mülheim, Hamborn und Wanne. Herr.M. Schapiro aus Wanne als Vorsitzender «öffnete die Sitzung und ging nach einer kurzen Ansprache zur Tagesordnung über. Herr Ingenieur Saphir aus Dortmund referierte über die kulturelle Frage und behandelte sie sachlich. Herr Adolf Rath aus Esten schlug vor, einen Kompromiß mit den inländischen Nationaljuden abzuschließen, um so gemeinsam auf die jüdischen Kultusgemeinden Einfluß ausüben zu können, damit die Lehrerstellen in Pen jüdischen Gemeindeschulen mit wirklich jüdisch gesinnten und gelehrten Kräften besetzt werden und so der Heranwachsenden jüdischen Jugend eine gute südische Erziehung zuteil werde. Herr Goldberg aus Esten betonte, daß diese Frage angesichts ihrer Wichtigkeit keinen Aufschub dulde und sofort gelöst werden wüste. Nach weiteren Diskussionen namentlich der Herren Ad. Koch aus Esten, S. Siegelwachs aus Mülheim und Weißmann aus Düsteldorf wurde eine fünfgliedrige Kommission, bestehend aus den Herren Adolf Rath, Ad. Koch. Ing. Saphir, S. Siegelwachs und Frau Lewin gewählt und mit der Weiterberatung beauftragt. Nach Erledigung weiterer Fragen aus der Tagesordnung wurde die Konferenz auf kurze Zeit vertagt. Esten. Die Fortsetzung der letzten Sitzung des Vereins der Ostjudcn fand am Sonntag den 24. August im Synagogen-Vereinssaale statt und gestaltete sich zu einem sehr lebhaften Abend. Nach Eröffnung der Versammlung durch den Vorsitzenden des Vereins Herrn Oskar Epstein, der auf die Wichtigkeit der zu beratenden und zu lösenden Fragen hinwies, und einer feierlichen Ansprache des Herm Adolf Koch ergriff Herr.Adolf Rath das Wort zu seinem Referat: Ausbau des Vereins zum „Bikkur-Chaulim" und „Talmud-Thora". Mit feurigen Worten stellte er es als unerläßlich hin. daß der Verein auch diese wohltätigen Werke in sein Arbeitsgebiet aufnehme und.mit physischen und geistigen Kräften unterstützen wüste. Absurd wäre es. auch nur von einem einzigen Ostjuden anzunehmen, .daß er sich von diesen humanen Werken abseits stellen, daß er nicht im Gegenteil auch sein Bestes dafür hergcben würde. Denn wer könnte sein Mitgefühl dem krank Damiederliegenden versagen, oder wer könnte andererseits Zusehen, wie unsere Jugend fern vom jüdischen Willen heranwächst, ohne sich all die Mühe und Sorgen vor Augen zu führen, die unsere Eltern für uns nicht gescheut haben, um uns zu guten Juden und brauchbaren Menschen zu erziehen? Es wäre eine Versündigng an der Jugend, sich dieser heiligen Pflicht zu entziehen. Nach weiteren Aussprachen wurde die Schaffung der beiden Institutionen im Rahmen des Vereins beschlosten und die Versammlung weitervertagt. i Der Bote erzählt: — ' Der gtorfniktl. Bon Lropol» Uimptrl. («. Forlsrtzung ) „Was sagst du zu dem Brief, David Brod?" fragte der Baß, nachdem er längst das Vorlesen des kindlichen Schreibens beendigt hatte. „Sie sitzt hxute in keiner Laubhütte!" sagte der Vorbeter, vor sich hinstarrend, und heiße Tränen rannen ihm die Wangen herab. „Wamm weinst du wieder, David Brod?" sagte der Baß in wahrer Traurigkeit. „Schreibt denn Ella etwas, was das Herz betrübt?^ Der Vorbeter fuhr mit der Hand über die nassen Augen. „Ließ mir das noch einmal vor, was sie über den alten Mann in der .goldenen Gaste' schreibt", sagte er. Der Baß folgte seinem Geheiß. „Merkwürdig, merkwürdig", murmelte David Brod vor sich hin, „sie weiß noch, wie ihr Vater heißt I Wie lange wird das noch dauern?" Tann stand er auf und ging zur Laubhütte hinaus. Die Leute in der „Gaste" wußten sich den Trübsinn, der seit einiger Zeit um das Wesen ihres VcKbeters lag, nicht zu erklären! Wenn sie ihn "fragten, wie es seinem Kinde in Prag gehe, so erzählte er ihnen die Geschichte von dem Gebetbuche, welches sie in der „goldenewGaste"von einem alten Manne zum Geschenke erhalten. Er schien das Bedürfnis zu fühlen. gerade in diesem Punkte das Andenken seines Kindes von allem Verdachte frei zu betvahren! Briefe ähnlichen Inhaltes, wie der zulcht mitgeteilte, langten noch öfttrs an; immer war cs ein Wort, ein leise hingeworfener Ausdruck, der die Aufmerksamkeit und das Sinnen des alten Vorbelers fesselte, und dieses Wort, dieser Satz und Ausdruck mußte, um es gerade heraus zu sagen, mit dem religiösen Leben seiner Tochter in Verbindung stehen! .Fand er darin, was er mit dürstender Seele suchte, so konnte er tagelang herzensfreudig umherwandeln und den Leuten seine Entdeckungen Mitteilen. Feiwelmann, der Baß, hatte es längst aufgegeben, seinem Herrn und Meister in dieser Beziehung entgegenzutreten. Aber dem alten' Manne erging es wie jedem, der einer einzigen maßgebenden v'Anschauung sich gefangen gibt. Er fühlte und sah nicht mit seinem geistigen Äuge die Wandlungen, die^ indessen mit seinem Kinde vorgegangen: für ihn war sie noch stets das Kind. das. einem frommen Drange folgend, in die „goldene Gaste" gegangen war, um sich ein Gebetbuch zu holen! David. Brod kaynte nicht das Gesetz der eisemen Notwendigkeit. jenes tückischen Schmiedes, der in unheimlicher Stille an den Ringen der Kette arbeitet, so daß kein Hammerschlag hörbar ift, bis das Werk vollendet ist, dem wir gemeiniglich den Namen Geschick beilegen! ... Diese Wandlungen »öaren leingetreten, schneller und eiliger, als sie nach der Natur der Sache hätten erwartet "werden können. Jeder Brief Ellas, der von Prag einlief, ' gab davon Zeugnis. Es lag ein Etwas in diesen Briefen, das wunderbar z'urückstand gegen den Ton, die Ausdruckweise, das Empfinden alles früheren Briefe. Scheinbar hatte sich nichts verändert . . . und doch allmählich waren die früheren Gewänder abgefallen . . . Das Kind des Vorbeters hatte andere erhalten, nicht jene, an denen die tand des Menschen wirkt und ivebt, sondern die die eigene eele.aus sich selbst herausschafft, an deren Zurüstung.der eigene Geist gesonnen und gedichtet hat. Ein Brief war wieder eingetroffen; es war gerade am 4.age vor dem Laubhüttenfcste. dem zweiten, seitdem Ella das Vaterhaus verlassen. Der Brief lautete: I