Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 14 (29.8.1919)
- Date
- 1919-08-29
- Page
- Seite 153 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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:V" •; f'T“ Jf W \ ' * . * ') — > 163 „Liebe» Vater! Zwischen heute und morgen tritt ein entscheidender Moment in meinem Leben ein. Der .Karfunkel beginnt zu glänzen, das Kind der .Gasse' verläßt Prag und /geht nach Italien, dem Lande, wo im .dunklen Laub die Goldorangen glühn!' Ein Schreiben meines Herrn Grafen beruft mich dorthin, meine Lehrzeit hier ist vollendet.. Dort, in jenen vom milden Kusse der Sonne durchleuchteten Gegenden wird auch mein Stern aufgehen, oder — unter« gehen für immer. Die Frau, deren Leitung ich in Prag übergeben ward, geht mit mir. Alles ist in Aufruhr in mir . . . Hättest du das gedacht, als ich vor zwei Jahren nichts Wichtigeres und Höheres kannte, als woher ich Blumen für unsere Laubhütte nehmen sollte? Aber der .Karfunkel' beginnt zu glänzen. Lebe wohl für lange und grüße mir Hcrm Feiwelmann ... Ich bin deine treue Tochter . Ella." Nachschrift. „Wenn die .Jahrzeit' der guten Mutter eintritt, so gehe auf den Friedhof oder den .guten Ort', wie es bei uns bezeichnend heißt, und lege für mich upd in meinem Namen ein Steinchen auf ihr Grab." , „Feiwelmann! Lies mir noch einmal den Nachsatz!" rief der Vorbeter. Wieder waren es nur diese ivenigen Worte, die all sein Sinnen und Empfinden in Anspruch nahmen. Sein Kind, in voller Zubereitung, um mit weit geöffneten Fittichen wie eine den Lenz aufsuchende Schwalbe, das femliegende Land des Südens aufzusuchen, — und in David Brods Seele fand nichts anderes Raum als das kleine Steinchen, das er am „Jahrzeitstage" seiner verstorbenen Frau aufs Grab legen sollte. Für sie, für Ella und innhrem Namen! Feiwelmann, der Baß, sprach lange nachher, als bet Brief schon fast vergilbt war, unhörbar sich selbst und anderen, im Wachen und Träumen die wenigen Worte vor sich hin: „Und grüße mir auch Herrn Feitvelmann!" Herrn Feiwelmann! Der Karfunkel begann bereits zu glänzen! ... Jahre sind seitdem vergangen . . . David Brod ist noch immer Vorbeter der Gemeinde, die „Gasie" ist dieselbe geblieben, hie und da ist eine Lücke entstanden, für die draußen auf dem „guten Orte" ein steinernes Denkmal zeugt. Aber der Lebensbaum seht immer neue Triebe an. Noch war die neue Zeit nicht gekommen, die aus diesen still abgelegenen Gasten die Bewohner wie mit Fcuerrufen aus ihrer Ruhe aufjagte, daß sie in wilder Hast aüfbrachen, die Stätten ihrer Geburt und die Stätten, loyo ihre Eltern begraben lagen^nichf eilig genug hinter sich sehen konnten. Die Fittiche, die^später so rasch sich hoben, waren damals noch gesenkt: still war die Luft ringsum und fast bleiern drückend. Was sich heben wollte, wurde in seiner ersten Kraftanstrengung lahm; >vas hinausstrebte, das ivard von hundert und aber hundert Mächten zurückgchalten in Gestalt von Gesetzesparagraphen, die über jeden Schritt und Tritt der „Gasie" wachten. Noch war es nur sehr wenigen gelungen, den Zauberbann zu brechen, der mit der Wucht eines eisernen Gesetzes auf diesen gemiedenen, abgeschlostenen Häusern und Menschen lag; unter diesen war das Kind des Vorbeters. Was war aus Ella, der Tochter David Brods, geworden? Die es wissen sollten, wußten es längst nicht mehr. Wenn man den Vorbeter darum fragte, so schüttelte er den Kopf, und höchstens sagte er mit einem Tone von Verbissenheit, den man früher an ihm nicht kannte: „Was soll mit ihr sein? Sie wird singen!" und lvenn Feiwelmann, der Baß, Rede stehen sollte, so war seine gewöhnliche Antwort: „Ein Karfunkel braucht einige Zeit, bis er geschliffen ist." Das eine war klar: weder David Brod noch sein Baß schienen mit Sicherheit zu wisien, was aus Ella geworden. Was war aus dem Kinde geworden? Droben im gräflichen Schlosse wußten sic es auch nicht, oder sie gaben höchstens auAveichende. Antworten. Der'Graf weilte noch immer in der Ferne auf Reisen; niemand konnte Auskunft geben, wann feine Ructtehr zu erwarten war. Einmal kurz vor Beginn des Laubhüttenfestes war Feiwelmann» der Daß, wieder auf dem Schlosse gewesen. Da hatte man ihm im Namen des Grafen für David Brod eine nicht unbedeutende Geldsumme eingehändigt und ihm dabei gesagt, ein gleicher Betrag würde jährlich an ihp ausbezahlt werden; er möge „einstweilen" sich damit begnügen und nicht weiter nachforschen: das Geld käme nicht vom Grafen. Er sollte sich damit gütlich tun. die Zeit der Kümmerlichkeit und des Darbens sei vorübet! Ella lebte also? Was war mit ihr geschehen? All das hatte Feiwelmann, der Baß, getreulich dem Vorbeter berichtet. Aber als er ihm das Geld einhändigen wollte, stieß David Brod einen markdmchschütternden Schrei aus. Mit krampfhaft zitternden Händen schob er das hargereichte Geld zurück. ' „Verbrenn es oder zerstampf's!" schrie er. „Was will sie mir damit abzahlen? De Tränen, die ich um sie gciveint habe? Das zerbrochene Herz? Daß ich nicht weiß, ob sie lebt, ob sie gestorben und verdorben ist? Was will sie damit mir abkaufen?" Und als Feitvelmann in tiefster Bekümmernis sagte: „David, du kannst das Geld ruhig behalten, von Ella kann gar nichts Schlechtes kommen", da packte ihn der alte Mann mit der Kraft eines Jünglings an der Schulter .und schrie: „So sagst d u, weil sic nicht dein Kind ist und weil du die Schuld trägst, daß ich sie weggegeben habe. Wirst du vielleicht dich zurSchiwe' (siebentägigen Trauer) hinsetzen, lvenn du hören wirst, das Kind sei mir abgestorben? Wirst du^dir deinen Rock zerreißen?" „Ella lebt aber!" rief Feiwelmann. Da brach die fieberhaft aufgestachelte Kraft des alten Mannes in sich zusammen: „Feiwelmann", sagte er schwach,^,.du wirst erraten, was in mir vorgeht, dir brauche ich nichts anderes zu sqgen. Aber bester wäre cs, ich könnte mich hinsetzen auf einen niedrigen Schemel und um mein gestorbenes Kind trauern, als so zu leben und nicht zu wissen, ob sie mir gestorben ist" . .. ' 'Ter Baß nahm das Geld zu sich und brachte es in sichere Verwahrung. In der Gaste unterhielten sich aber die Leute mit der in allen Formen einer sicher verbürgten Tatsache verbreiteten Neuigkeit, David Brod werde es von nun an nicht mehr nötig haben, Vorbeter zu sein; David Brod könne sich nun auf seine alten Tage Pflegen und gütlich tun, denn seine Tochter, die häßliche Ella, schicke ihm nun Geld, soviel als er nur brauche, und die kleine Ella sei eine große Sängerin geworden! «Fortsetzung folgt.) Aus der Lotenlasche gefallen. Zwei schöne Worre von Israel Zangwill '). Ter laueste Jude kann sein Judentum nicht abtun — seine ungeborene Seele nahm das Joch der Lehre auf sich vor dem Berge Sinai. »' * * Das Ghetto grüßte die Sabbathbraut mit stolzen Gesängen und einfachen Festen. — Ringsum suchten in den Schenken ihre andersgläubigen Nachbarn Zerstreuung und ihr trunkenes Gebrüll scholl durch die Straßen. Da und dort klang das Schreien einer geprügelten Frau durch die Luft. — Aber kein Sohn des Bundes tvar unter denen, die da tranken und ihre Weiber schlugen. — Die Juden bleiben I eine auserwählte Raste, ein eigenes Volk, das Fehler genug! hat, aber wenigstens von den gröberen Lastern erlöst ist.! — Sie bilden eine kleine menschliche Insel, die der Genius . s einstiger Ingenieure den Wassern des Kriminalismus abj gerungen hat, * i - 1) Bekannter englischer Novellist und Publizist. Berfaster der 1 „Kinder der Ghetto" und de- „Königder Schnorrer".