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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-08-29 · 14 (29.8.1919) · p. Seite 150

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
14 (29.8.1919)
Date
1919-08-29
Page
Seite 150 (sequence 4)
Language
German
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Gleich der Kabbala stellte sich auch der Chassidismus 'auf den Standpunkt des rabbinischen Judentums, nur forderte er, daß nicht alles von der scharfsinnigen Disputidrkunst verschlungen werde. Das Judentum ist nicht, nur für die Verstandesmenschen, sondern für das gesamte Israel. Jeder, quch der arme, ungebildete Mann aus dem Volke, soll sich am Glauben betätigen können und sich durch ihn seelisch erwärmt und gehoben fühlen. Es war dies im Grunde genommen ein Kampf der Armen an Geist gegen die geistige Aristokratie: Nietzsche würde sagen, „ein Sklavenaufstand". Indes sagten die ersten Chasfidäer stets in voller Bescheidenheit: Alle Achtung vor dem Thorastudium, vor der talmudischen Verstandesschärfe, aber in erster Reihe steht das religiöse Gefühl! Diese Bewegung wurde zuerst in Polen hervorgerufen durch den enthusiastisch gestimmten Israel Baalschem aus Mieoziebosch. Er starb im Jahre 1772. etwa. 70 Jrhre alt. Durch sein volkstümliches und menschenfreundliches Wesen fand er großen Anklang, und obwohl die offiziellen , Vertreter des Judentums gegen das „Neue" feindselig auflraten, wuchs der Anhang Israels sehr rasch. Bald schloffen sich auch angesehene Rabbiner dieser Bewegung an, und in dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts trat sie bereits kraftvoll und selbstbewußt auf. Der Chassidismus verwarf den religiöseir Schwermut, den sich die Juden im Ghetto angewöhnt hatten — „man dient Gott nur in Freuden", hieß es bei ihnen. Traurigkeit zeugt von mangelhaftem Vertrauen auf'Gott und ist deshalb sündhaft. Fröhlichkeit und echte Bruderliebe sind die Grundpfeiler des Glaubens. Nicht das trockene Thorastudium sei zu wählen, sondern der Gottesdienst; aber Gott dienen heißt ihn lieben und ihm vertrauen. Diese Theorie führte die ernster und tiefer angelegten Naturen zu einem kontemplativen Leben, der Betrachtung über Go^t und das göttliche Waltengewidmet. Den Ausgangspunkt für solche Grübeleien nahm der Chassidismus von der Kabbala, wie diese letztere zum Teil von der neuplatonischen Philosophie ausgegangcn ist. Da aber den Begründern dieser neuen Richtung jede philosophische Schulung fehlte, so zersplitterte sie sich kn der Auffüllung der Dinge. Aber bezeichnend.für die innere Entwicklung des Chassidismus ist es wohl, daß man in diesem nicht nur Anklänge an verschiedene philosophische Systeme findet, sondern auch Gedanken und Ideen, welche ebenso gut von Geiger oder Holdheim hätten ausgesprochen werden können. So meinte z. B. ein berühmter „Zaddik", das Judentum sei das Prinzip des Fortschrittes, das keine festen und starren Formen annehme; es schreite mit der Zeit fort und paffe sich den Zeitideen an. Die Halachä (das Gesetz) sei wandelbar und müffe täglich revidiert und erneuert werden. Das sei der Sinn der'an historische Ereigniffe anknüpfenden jüdischen Feste, und es sei dies der Hinweis des Judentums auf die Einwirkung der Zeit. Die Verschiedenheit der Theorien hat zu einer Zersplitterung der chassidischen Richtung geführt, die später | oft in harte Kämpfe und große Feindseligkeit ausattete. Indes blieben doch den Anhängern dieser religiösen. Bewegung viele gemeinsame Merkmale, die sie noch jetzt auszeichnen. Es liegt in der Natur dieser Erscheinung, daß die Chassidim in Polen viel schneller und leichter aus ihrer starren Abgeschlossenheit ttaten und sich der Aufklärung und den modernen Anschauungen anschloffen, als die andern Glaubcnsgenoffcn im Osten. Sie zeichnen sich jedenfalls durch eiste größere geisttge Beweglichkeit aus. Unter, sich bilden sie eine Art Brüderschaft, sie sint/ aneinander durch das Gefühl der Zusämmengehörigkeit geknüpft, die sich in jeder Lage des Lebens bewährt. Damit wird nicht viel Aufhebens gemacht, da sich dies bei ihnen ja von selbst versteht^ Hilfe wird gegenseitig angeboten und angenommen, ohne daß von der einen Seite großgetan oder von der andern dies als Demütigung empfuNden wird. Unter „Brüdern" nimmt man derartige Dinge nicht tragisch. ' Unter den Chassidim gibt es keinen sozialen Unterschied zwischen arm und reich, Mischen gelehrt und ungelehrt. Alle Menschen find die Kinder Gottes und werden von ihm mit gleicher Liebe und Allgüte umgeben. Auch der sündige Mensch darf nicht durch Kopfhängerei allen Mut verlieren, sondern er hat die Sünde aufrichttg zu bereuen und im übrigen auf Gottes Allgüte zu verttauen. Das Beten zu Gott ist das höchste Verdienst, aber nm nicht gewohnheitsmäßig beten, schon lieber gar nicht. Die Chassidim halten daher die Betzeit niemals ein, vielmehr warten sie zuerst auf eine wahre religiöse Sttnunung. Auf das viel Beten kommt cs gewiß nicht an — die Gebetordnung der Chassidim hat viele Kürzungen aufzuweisen. Im Mittelpunkt des chassidischen Lebens steht der „Zaddik", der ftomme Rabbi, der den Chassidim Wegweiser und Lehret ist. Bei ihm holen sich die Gläubigen Rat und Belehrung in allen Dingen und in allen Lebensereigniffcn, fteudigen >vie ttaurigen. Er ist ihr Gewiffensrat und ihr Fürsprecher bei Gott; ihm vertraut man jeden Kummer und jede Sorge an, sein Rat wird in allem befolgt, sein tröstendes Wort wirkt aufrichtend. Freiljch ist der Chassidismus im Läufe ^der Zeit sthr vergröbert worden; der alte „Zaddik" von unendlicher Menschenliebe und Uneigennützigkeit ist verschwunden, statt seiner treibt jetzt der „Wunderrabbi" sein Unwesen, dem es' nur um die Gaben der gläubigen Menge zu tun ist. Diese widerwärtige Erscheinung hat aber mit dem wahren Chassidismus nichts gemein als den Nameir. Ter Chassidismus ist bei seinem Auftteten auch auf starken Widerstand gestoßen. Die alten Rabbiner bekänipften ihn heftig, durch diese Bewegung find fast alle jüdischen Gemeinden im Osten Europas gespalten worden und sind es bis jetzt geblieben. Indessen sind auch die käinpfenden Parteien nicht mehr, was sie früher waren. Überall stoßen wir leider auf Epigonen. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts war es ein wahrer „Kulturkampf". Damals standen auf beiden Seiten Männer von großer Bedeutung; be.ide Parteien waren sehr würdig vertteten. Am bekanntesten ist der Streit zwischen dem gefeierten Rabbi Elija, genannt ,cher Gaon von Wilna" (1720—1799), und dem edlen, hochherzigen Zaddik Rabbi Schneor Salman Liader (1751—1831). Der eine gelehrt, scharfsinnig, sittenstreng, unbeugsam, der auch nicht um das Pünktchen auf demi vom Alten abweichen wollte — der andere nicht minder gelehrt, aber milde, friedliebend, nachgiebig, lveichherzig und vor allem voller Gemüt und Herzensgüte. - Er gab sich die größte Mühe, den gefeierten Gaon in Wilna milder und versöhnlicher zu timmen — aber vergebens! Der Kampf wurde immer »eftiger und verbitterter, die Regierung mischte sich in dieen innerjüdischen Streit, und schließlich wurde R. Schneor Salman unter der Regierung Pauls I. von Rußland ins Gefängnis geworfen, aus dem ihn erst Kaiser Alexander I. bei seiner Thronbesteigung befreite. ' Ja der letzten Zeit hat der Chassidismus in dem genialen Dichter I. L. Perez in Warschau einen Schilderer von ungemeiner Innigkeit gefunden. Er hat den Chassidismus und seine Entstehungsgeschichte in unzähligen' Bildern von hohem poettschen Wert darzustellen unternommen. Sein dichterisches Lebenswerk beweist, wie sehr der Chassidismus. weil er ungemein volkstümlich ist, im Volke Anklang gefunden und auch noch jetzt, stlbst nach seiner Entartung. seine werbende Kraft in der Judenheit des Ostens nicht eingcbüßt hat. j v Do» Kerg und Tal. Wir richten nicht nur an unsere Korrespondenten die wiederholte Bitte, uns regelmäßig ihre Nachrichten zugehen zu laffen, sondern bitten auch alle unsere Leser und Freunde in den rheinischen Landen dringlichst, den Boten mit wissenswetten Mitteilungen allgemeinen wie persönlichen Interesses zu unterstützen. Wir find dankbar für die kleinste lokale Notiz, die uns zugeht. *

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