Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-08-29 · 14 (29.8.1919) · p. Seite 149

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
14 (29.8.1919)
Date
1919-08-29
Page
Seite 149 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3947615-6435923-6437036--0163-3947763
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Aufruf de» Posen« volksrat». Der jüdische Volksrat in Posen veröffentlicht in Nr. 6 devon ihm ynausgegebenen Mitteilungsblattes folgenden Aufruf: „Juden! Der Friede ist geschlossen; er hat über das Schicksal der Provinz Posen zugunsten der neuerstandenen Republik Polen entschieden. Viele Tausende von Juden, die seit Jahrhunderten im Lande ansässig sind und hier ihre liebgewordene Heimat gefunden haben, sind nunmehr pol» nische Staatsbürger geworden. Wir Juden haben in Europa kein eigenes Land; wir erstreben hier keine Herrschaft. Unser Schicksal ist es, seit Jahrtausenden in Ländern zu wohnen, die von Völkern anderen Stammes beherrscht werden. Überall aber hat das jüdische Volk, seinen Religionsgesetzen und seiner tausendjährigen Tradition folgend, seine Anhänger zur loyalen und treuen Befolgung der Staatsgesetze, zur Förderung des Staatswohles auwefordert. Auch wir haben seit'dem ersten Tage unserer Tätigkeit erklärt, daß wir nur den Spruch der Friedenskonferenz für maßgebend erachten und dem Lande treue Bürg« sein werden, in das untz dieser Spruch.bringt. Hi« wie überall werden wir diese Losung befolgen und, getreu der alten Satzung unseres Volkes, an dem Wohle des Staates Mitarbeiten, in dessen Mitte wir leben. Wir bilden in Polen mehr als 10 Prozent der Gesamtbevölkerung. weiten Geoieten des jetzigen Polen war unter russischer Herrschaft die freie Betätigung der Juden durch drückende Gesetze und böswillige Verwaltungsmaßnahmen unterbunden. Wir begrüßen es daher für unsere Volksgenosien, namentlich für die jüdischen Mafien in Kongreß-Polen und Galizien, mit inniger Freude, daß uns Juden durch internationale Verträge die Rechte einer nationülen Minderheit gewährt sind. Damit ist Unsere wichtigste Hoffnung erfüllt. Wir sind der Überzeugung, daß die verbündeten Regierungen unter Zustimmung von Polen das Sclbstbestimmungsrecht der religiös-nationalen Minoritäten in weiser staatsmännischer Erkenntnis gerade deshalb in die Friedensurkunden auf-, genommen haben, weil nur durch diese Rechte einem Staate mit gemischtnationalerBevölkerung die ruhige, ungehemmte, friedliche inn«e Entwicklung gewährleistet werden kann. Der neue Rechtszustand wird es" allen Juden ermöglichen, ihre religiös-nationalen, insbesondere ihre kulturellen Interessen selbst zu-pflegen, ihre Persönlichkeit und Menschen-x würde dadurch zu steigern und so allesamt wertvolle, produktive Glieder des Staates zu werden. Die Verheißungen, die der Friedensvertrag uns gewährt, sind von d:r Naczelna Rada Ludowa uns gegenüber schon in der mehrfach hier erwähnten Kundgebung vom 13. Dezember 1918 ausgesprochen und allgemein in der Kundgebung der Naczelna Rada,Ludowa vom 30. J>mi 1919 bekräftigt worden.. Wenn diese Verheißungen zur vollen Wahrheit im Leben werden, dann wird die Republik Polen selbst den größten Nutzen haben. Überall dort, — das hat namentlich der Weltkrieg und sein Ausgang gelehrt, — wo die Juden sich wirtschaftlich und kulturell ftei entwickeln, haben sie in hohem Maße zu den aufbauenden Kräften des Landes gehört, und sind ihm zum Segen geworden. Wir wollen keinen Staat im Staate bilden. Unser Gemeinsinn, der sich so oft bewährt hat, gilt dem Staate, in dem wir leben." ' 1 Kom geben der Inden in Japan. „The Chicago Jsraelite", vom 31. Mai 1919 veröffentlicht einen Bericht über das jüdische Leben in Japan, in dem bereits alle Schatti«ungen, Zionisten, Nationalisten, Assimilanten und Sozialisten vertreten sind. Die meisten Juden kamen während des Krieges auf ihr« Flucht aus den russischen Wohnorten nach Japan und haben sich hauptsächlich in Iokohama niederbelassen. In der dort neu entstandenen Gemeinde wird un Augenblick heftig über die Frage des Nationalismus und des Sözialismus debattiert. Yokohama besitzt jetzt auch eine Synagoge. Eine ältere irdische Gemeinde befindet sich in Nagasaki, die au» polnt« chen und litauischen Juden besteht, die während de» rufisch-japanischen Krieges in Gefangenschaft gerieten. Biele von ihnen haben sich ihre Familien Nachkommen lassen» einige haben auch japanische Frauen geheiratet, die sich bemühen, möglichst getreu das Gesetz zu befolgen. Die Japaner behandeln-die Juden mit Achtung. Einige alte Adelsgeschlechtcr in Nagasaki sollen sogar tum Judentum übergetreten sein. Es gibt auch jüdische Assimilanten, die nur japanisch sprechen und sich wie echte Japan« geberden. Die jüdische Gemeinde in Nagasaki zählt 150 Familien; sie besitzt einen jüdischen Friedhof, auf dem auch viele im russisch-japanischen Kriege Gefallene ruhen. Als hauptsächlichste Gewerbe üben die japanischen Juden das Schneider- und Schuhmacherhandwerk aus. und da sie die einzigen sind, die europäische Kleidung anfertigen, so erfteuen sie sich großer Sympathien; ihre Geschäfte gehen infolgedessen glänzend. Außer Uokohama und Nagasaki gibt es noch andere kleinere jüdische Gemeinden in Japan. Der Thassidirmn». Bon vr. K. W a l d b t r g. Über die chasfidische Richtung im Judentum — die« Bezeichnung „Sekte" ist gewiß falsch — ist bereits manches in deutscher Sprache gesagt worden. Wenig aber Wahres und Zutreffendes, und viel weniger hat man es bisher vermocht, den psychologischen Inhalt dies« Bewegung zu ergründen. Man kennt von ihr nur die äuß«e, zum Teil lächerliche Erscheinung, und damit begnügt man sich. Es ist wohl überflüssig zu sagen, daß wirklich gebildete Menschen jede noch so fremdartige Erscheinung zu verstehen suchen, anstatt sie ins Lächerliche zu ziehen. Im 18. Jahrhundert ging eine tiefe Bewegung durch die Judenheit, und der Umstand, daß sie sich nicht auf ein Land, ja nicht einmal auf den europäischen Weltteil allein beschränkte, beweist, daß sie nicht etwas Zufälliges war. Für diejenigen, welche den' inneren Entwicklungsgang des Judentums kennen, ist es klar, daß dir Judenheit damals die ihr unter den tausendfältigen Leiden verloren gegangene Seele suchte. Es herrschte in der Judenheit eine große Beklommenheit. Jede Lebensfreude haben die unsäglichen Bedrückungen erstickt; der Jude war von der Außenwelt völlig abgeschlossen. Noch drückender als das räumliche Ghetto gestaltete sich das geistige. Selbst das religiöse Leben entbehrte jeder Wärme; das Thorastudium stand wohl unter den Juden in hohen Ehren, aber es bot nur der Verstandestätigkeit Materie, es befriedigte den Scharfsinn; das Gemüt ging dabei ganz leer aus.. In jenen traurigen Zeiten glimmte nur noch ein Funke religiös« Innigkeit — die Kabbala, über deren Wesen und Inhalt wir ein anderes Mal ausführlich zu sprechen gedenken. Im 13. Jahrhundert, als dem Judentum die große Gefahr drohte, zum Teil in der scholastischen Philosophie, zum andern Teil in der talmudischen Starrheit völlig aufzugehen — da entstand.als Abwehr die Kabbala. .Sie suchte nach dem inneren Wert des Judentums, nach Leben und Wärme. Tie Kabbala umspannte die Gottheit und das Weltall, Israel und seinen Glauben. Das Band, das alles Daseiende umschlang, war die unendliche Allgüte Gottes. , Im Iß. Jahrhundert, als di« Judenheit sich im Ghetto bei lebendigem Leibe begraben sah und das Judentum ein neues Lebensideal suchte, bekam die kabbalistische Weltanschauung eine neue Form. Die Kabbala rief den Chassidismus hervor. Der Chassidismus ist nicht mit einem Male entstanden; er ist das Produkt der vorhergegangenen geschichtlichen Versuche, die alle mißlungen waren. Sie hatten sich vom historisch entwickelten Judentum allzu sehr entfernt und gingen zugrunde. Der Chassidismus aber behielt alles und verlieh dem Judentum Innerlichkeit, deshalb wurde n im Laust der Zeit eine tteibende Kraft.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.