Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 13 (22.8.1919)
- Date
- 1919-08-22
- Page
- Seite 140 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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t40 wirklich kein Jude ist! Mit welcher Genugtuung spreizt inan sich, daß.Lord Northclifse oder Kai^ Liebknecht tatsächlich nicht zu uns gehören. Mit welchem Eifer wird verbreitet, daß Tzomueli. Bela Kun wahrhaftig nicht aus jüdischem Hause stammen. Und wenn es nicht zu leugnen ist. wie gesinnungslos wird da abjftschüttelt. Da meldet man schnell der ängstlichen Öffentlichkeit, daß Mühsam und Toller sich des Judentums geschämt hätten, rückt ab auch von den Lautersten: Gustav Landauers Elternhaus soll schon dein Judentume „sehr fern" geftandeir haben (!). Mol jisroel arewim seh boseh?? Die Zeiten sind vorüber. — . Dafür wird aber ausgcgraben, daß wir schon einen Minnesänger hcrvorgebracht haben, und in den verschiedensten .Kriegen sogar die verschiedensten tapferen Helden; daß auch wir immer unsere Pflicht und Schuldigkeit getan haben — man möge uns darum jene vergeben, die für ihre tiefste Überzeugung, welche nicht mit der der Hcrrschcrklasse zusammenfiel, in den Tod gegangen sind. Und sie sind, weiß Gott, in den bittern Tod fteudig gegangen für Ideale, die von denen unserer Propheten nicht gar so ivcit abstehen, die Luxemburg, Eisner. Lewine. Landauer usiv. Tie haben für Reckt und Gerechtigkeit gekämpft, für das. was ihnen heiligste Wahrheit und innerstes Bedürfnis war; sie haben Krieg angesagt einer Welt, die ihnen schlecht, gewalttätig, unsittlich und faul schien — einer Welt, der es schwer fallen möchte, einen Gegenbeweis anzutreten, einer Welt, die täglich, stündlich ihre tiefste Schlechtigkeit, Falschheit und Hinfälligkeit offenbart. Ihre Ansicht wurde nicht von der Macht des Staates geteilt. Sie schien der Lrdnung, die aufrecht zu erhalten Aufgabe dieser Macht ist. zu widerstreben. Und so sind sie daran zugrunde gegangen. Und werden von der jüdischen Öffentlichkeit ab^eschüttclr. —■ ' Diese Zeit ift eine -Zeit der Gewalt und der. Unterdrückung, der Heuchelei und der Unwahrhaftigkeit. Nicht ' eher aber ist das unerhörte Unrecht dieser "Zeit gesühnt, bis auch den Helden einer Minderheit, die verzehrt vom inneren Feuer ihres Ideals die Fäuste geballt gegen die Verstocktheit des Bestehenden, der gute Name wiedergegebcn ist und sie'freudig wieder bekannt werden als die, welche sic nie aufgehört haben, zu sein, die Unsrigen. Pan Kery und Tal. Wir richten nicht nur an unsere Korrespondenten die wiederholte Bitte, uns regelmäßig ihre Nachrichten zugchen zu lagen, sondern bitten auch alle unsere Leser und Freunde in den rheinischen Landen dringlichst, den Boten mit wissenswerten Mitteilungen allgemeinen wie persönlichen Inter - esies <$ii unterstützen. Wir sind dankbar für die kleinste lokale Notiz, die uns zugeht. > ' ' Geilenkirchen. Vergangenen Samstag, am Sabbath Mc’el», beging unsere Gemeinde die 50jährige Jubelfeier ihres schönen Gotteshauses unter zahlreicher Beteiligung, der ganzen Gegend. Am Freitag abend 6 Uhr versammelte sich die Gemeinde in der Slinagogc. deren Wände efeu- (*cfriin;t im frischen Schmucke prangten, während die heilige Lade unter Palmen. Lorbeer und jungem Grün hervorlcuchtcte. Ein ausgezeichneter Chor, zu dem sich die ganze Jugend der Gemeinde unter kundiger Leitung zusammengefunden hatte', leitete mit dem Ma tauwu die Feier ein. Herr Kantor Baum aus Bonn, der aus unserer Geineindc l^rvorging, lieh seine schöne Stimme wie s. Zt. beim 25. Jubiläum, auch diesmal dem Gottesdienste. Herr Rabbiner Dr. Cohn,. der ebenfalls aus Bonn gekommen ivar, weihte die erste Stunde des Festes der Erinnerung . an die Hingeschiedenen Elescklechtcr. indem er an.das Prophetcnwort anknüpfie: „Neigt euer Lhr und kommt zu mir, -höret, daß eure Seele auslebe!" Nach fünf bitteren Jahren in citjer Stunde der Weihe und Freude aufzuleben. solle der Sinn des Tages werden. Der frühe Sabbathmorgen fand die Gemeinde und .ihre zahlreichen Freunde — die alten Geilenkirchcner waren aus femster Ferne hcrbeigeeilt — wiederum versammelt, um nunmehr die eigentliche Weihe des 50jährigen Gotteshauses zu begehen. Vieles trug dazu bei, diesen Gottesdienst besonders ergreifend zu gestalten. Das Aufrufen des 94jährigen greisen Gottschalk Gottschalk, der mit seiner ehrwürdigen Gattin in'wenigen Wochen das Fest der diamantenen Hochzeit begehen wird, sowie der anderen ältesten Gemeindemitglieder. vor allem aber auch die schöne' Barmizwohfeier des, -Sohnes unseres lieben' Alerandcr Gottschalk — der Barmizwoh leinte die ganze Sidra — gaben der Feier eine wundervolle Stimmung. Der Rabbiner predigte über den Thoravers: „Ihr sollt euch freuen mit allem, was ihr erworben habt, ihr und eure Häuser, mir denen Gott dich gesegnet hat" und ließ an der Hand dieses Verses vor der Gemeinde-Vergangenheit. Gegenwart und Zukunft erstehen. Ein Gotteshaus sei nicht etwas,- was, einmal gebaut, auch fertig sei, sondern müsse erst erworben und geistig pufgerichtct werden. Erst heute, nach dein ersten Jubeljahr, sei es — aber auch jetzt nur in gcwisiem Sinne — fertig. Das lebendige Leben, sowie cs ins Gotteshaus hineinkomme mit seinen großen und kleinen Freuden, Sorgen und Erlebnisirn, erst das gebe dem Gotteshause seinen Sinn und Wert. Man. solle aber auch die Gegenwart erfasien, vor allem die Gegenwart einer solchen Weihestunde, die uns in ihrer kräftigen Sinnbildlichkeit zu' Brüderlichkeit und Eintracht, zur Treue gegen . das, Judentum und sich selbst und zu idealer Lebenshaltung ermahne. Wenden wir uns zuletzt der Zukunft zu. so sei der Tag des heutigen Barmizwoh. der uns von Kindermunde die uralt heilige Lehre vernehmen ließ, geeignet, uns an die Pflichten unserer Zukunft, unserm Nachwuchs gegenüber stark nutz lebendig zu erinnern^ So alleinkönne_ man zur Freude konimen mit allem, über alles und durch alles, was man erworben hat und weiter erwerben will. Ein Gebet für die Gemeinde schloß die Weiherede, die wieder von schönem Chorgejang umrahmt war. Am Nachmittag nach Minchah kam die Gemeinde in der Chkwra zusammen, wo der Lehrer der Gemeinde, der seit 26 Jahren Freud und Leid treu mit ihr geteilt hat. unser verehrter Herr Frohmann, eine Ansprache hielt, in der er die Chcwra als das wahre geistige Gotteshaus feierte und des verewigten Herrn Jsak Cahen, der den Tag leider nicht mehr erleben durfte, als eines wahren Vaters seiner Gemeinde in schönen Worten gedachte. Sodann folgte alles der Einladung des Frauenvereins zu einem gemütlichen Nachmittagskaffee, der durch Klavier und Gesangvorträge verschönt war und wobei Herr Rabbiner l)r. Cohn auf die Frauenchrwra sprach und dabei auch der rüstigen 92jährigen Frau Henriette Cahen gedachte. Ter Abend mit lustigen Theater- und Teklamationsvorträgen gehörte der Jugend, die bis in den frühen Morgen hinein vom fröhlichen Rechte des Tanzes Gebrauch machte. Für alle, die den wunderichöncn Tag »nterlcbtcn, wird er sicher unvergeßlich sein und noch lange ivird unsere Gemeinde an dieser Dünnerung zehren und .frischen Mut für die Zukunft aus ihr schöpfen. Krefeld. Das hier erscheinende Zentrumsblatt „Niedcrcheinische -Volkszeitung" veröffentlicht unter der Überschrift „Eine Rücksichtslosigkeit der Regierung" folgende Zuschrift: . „Ein katholischer Pfarrer vom Niederrhein schreibt uns''' In Ihrem geschätzten Blatte lese ich, daß ein Israelit und Sozialdemokrat zum Regierungspräsidenten in Düsseldorf ernannt ist, d. a. in einem Regierungsbezirk, der zum weitaus größten Teil aus Katholiken besteht, und in dem das Zentrum die stärkste Partei darstellt. Das ist dock, die größte Rücksichtslosigkeit gegen das eingesessene Volk. Würde man auch umgekehrt nckch gleichem Muster verfahren und einen guten Katholiken in Ostelbier, zum Regierungspräsidenten bestellen? Die Berechnung der Regierung ist durchsichtig. Der Präsident hat die Beamten in der Gtwalt-und die Beamten vielfach die Leute. Was kann das für schlimme Folgen für die katholische Religion, für die Schule haben. i %