Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 13 (22.8.1919)
- Date
- 1919-08-22
- Page
- Seite 139 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3947615-6435923-6437035--0152-3947753- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
I frommen Erinnerungen.' dunklen Regungen tragen, die alle, vom Lichte eigenen Denkens unbeleuchtet, in uns weben müssen, wenn überhaupt einmal das Verlangen nach klarer Lebenseinstellung uns erfüllen soll. Alle Heiligkeit wird aus dem Dunkel geboren, und nur wer die Finsternis gewahr wird, kann nach' dem Weg zur Sonne drängen. Wollen wir diesen Bezirk des Helldunkels überlvrütgeluso werden wir—nie eine Antwort empfangen; denn die Not des Fragens hat uns dann nicht gequält. Um der Lösungen willen müssen wir uns qls Opfer von Spannungen hingehen, müssen von uns cküf andere blicken, die uns die Straße voravgegangen. Das kann der praktische Erfolg der Beschäftigung mit der Geschichte der Religion werden. Die Persönlichkeiten der Bibel zeigen, in ihrem seelischen Gefüge noch nichts von dem verwickelten Bau des inneren Menschen unserer Tage. In einfachen, geraden, wohl heraustretenden Linien erscheint ihr Wesen gebildet. Wir verstehen 'sie, wie wir unsere Kinder begreifen. Und wir umfangen geistig wie gemüthaft jene Alten und die Jungen von heute, weil wir im Blick aufJbeide uns als die Entfaltung eines Wesens erleben, das dort Keim und Andeutung ist. Daraus folgt, daß das Jnteresie reifer Menschen an den biblischen Gestalten verschieden ist von dem der Kinder. Ter Erwachsene müß, um an. der Bibellektüre reine genießende Freude zu finden, etwas in sich unterdrücken, was das Kind noch gar nicht erfahren hat: die Kompliziertheit des eigenen Daseins, die ins Unendliche sich hinstreckende Verästelung seiner Empfindungen und Leidenschaften, seiner Neigungen und Jnteresien in ihren unübersehbaren Verwickelungen. Etwas wie Gemütsruhe kommt über ihn. wenn die Umwelt ewiger Beivegtheit und Unrast versinkt und er auf einer Insel landet, wo die Menschen und die Dinge noch so einfach und so klar überschaubar sind. Apders das Kind: Es fühlt sich dort in seiner Welt, ivenn es die aller Verfchleierung und Gefärbtheit noch entrückten Wesensäußerungen jener Persönlichkeiten kennen lernt, ihre Liebe und ihren Haß, ihre Genußsucht und ihren Neid, ihre Dankbarkeit und selbstverständliches Vertrauen, ihr Weinen und ihr Lachen, wenn ihm sich eine Gottheit offenbart, an deren Wirksamkeit kein Zweifler etwas rütteln, deren Gerechtig- ' feit kein Verbitterter antasten darf. Wir müsien die Bibel in der Jugend liebgewinnen, wenn wir sie in den Jahren der Reise wahrhaft kennen lernen und an ihr wuchsen wollen. Das ist die zweite Forderung der religiösen Bildung, die unbedingt schon in der Zeit, des menschlichen Erwachens erfüllt werden muß. Die dritte verlangt, daß ein Einblick in Leben und Leistung, in Schicksal und Werk unseres Stammes gewonnen werde, von der Zeit seiner klasiischen Schöpfungen an bis auf diesen Tag. Die jüdische Geschichte, die auf der Schule werde gelehrt werden kann, wird nur ein sehr durchsichtiges Gerippe ihres ganzen Baues zu sein vermögen, nur ein Rahmen, der künftiger Ausfüllung harrt. Aber ist er aufgerichtet, so fühlen wir mit einem Male ben Zusammenhang, der.uns mit der Vergangenheit verknüpft. Damit ist der wichtigste Zweck alles BildungsstrebenS erfüllt: aus dem, was war, zu begreifen das, was ist. Aber freilich. am Anfang steht die Sehnsucht danach, wirklich etivas zu sein, etwas Geistiges, Innerliches zu besitzen. Wo diese Sehnsucht über schwebendes Wünschen hinweg die Pforte zum Wollen findet, da sind alle Schwierigikeiten besiegt.! - ' Gin einig Kolk von Krüdern. Bon Georg Landauer. Die andern beneiden uns drum, unsere Feinde verleumden uns damit, wir selber fürchten uns davor — das ist das Einstehen der Juden für einander. Wie oft halten sich nichtjüdische Verbände die jüdische Einheit als Beispiel vor. . Man erzählt, der Jude steht in der Welt nicht verlasien da, es 'gehe ihm'noch so schlecht, wo es auch sei, er findet Juden, an die er sich wenden kann, die ■ . \ es als ihre Pflicht betrqchten, ihn zu unterstützen, „zur Existenz" zu'Herhelfen. Als die Rumänen den Judenparagraphen des Berliner Vertrages verletzten und, bewogen durch die Proteste der Weltjudenheit, ein paar der damals vertragschließenden Mächte Rechenschaft verlangten für die rumänische Treulosigkeit, da wandte die Bukarester Regierung-ein, das sei eine innere Angelegenheit Rumäniens und lehnte eine Änderung ihre^ Verhaltens ab. Zwar wetterten die Antisenüten, aber die Juden aller Länder lvaren sich einig; ein Erfolg ist schon nicht zu verkennen. Ebenso sucht man uns hier unlautere Motive ulsterzuschieben. aus denen »vir die Öffentlichkeit beunruhigten, wenn nur einem der Unsrigen ein Haar gekrümmt werde. Und sogar eine deutschfeindliche Politik der deutschen Juden, geleitet durch das Verbundensein mit dem internationalen Kapitalismus, banden besonders Liebenswürdige. >vie H. St. Chamberlain. dem gläubigen Publikum auf. Hiermit berühren wir eine ganz besondere Seite, unseres Problems. Ter internationale Kapitalismus! An dessen Wiege wir gar — Sombarts Erfindung') — Pate gestanden haben sollen. Freilich sind die Juden unverhältnismäßig stark im Kausnwnnsstande vertreten, es gibt sqgar „jüdische" Berufe (z. B. Viehhandel); sie bringen eine ausnehmend gute Begabung hierfür mit. Aber so wenig ihre Znsammendrängung in diesen (Gebieten einer freiwilligen Berufswahl entsprach, ebensolvenig sind sie die Begründer des Kapitalismus gewesen. Da eS in fast allen Ländern den Juden gleich erging und das Ergebnis dasselbe wurde, bietet sich dem Böswilligen manches gegen uns vertvendbare Material, und an Dummen fehlt es bekanntlich nicht. Der Jude gilt als gewinnsüchtig, herrschbegierig —^ dte Eigenschaften des Kapitalisten reinster Kultur. Und im selben Satze greift man uns an als die Umstürzler, Bolschewisten. Kommunisten. Diesmal soll der Jude ein Glxichmaclwr sein, der keinen Geivinn leiden kann, oder ein Anarchist, dem es unmöglich ist, irgend eine Herrschaft anzuerkennen. Und ipieder werden wir deswegen ver- , folgt. I Wird England als imperialistisch nachgewiesen, so gilt , als Hauptbeispixl Tisraeli, Lord Beaconsfield, der Jude; J der Imperialist mußte natürlicherweise, dem Stammescharakter entsprechend, eitz Jude seilt. , Und schildert man die Geschichte der russischen Revoi lution, so ist der verhängnisvolle Gegner aller Ordnung ‘ Trotzkis, oder Sinowjeff, der Jude. I Nun ist eS eigentlich ja gar nicht erforderlich, nach dem > Sinn und der Berechtigung dieser seltsamen Logik zu suchen.! Denn einerseits ist es unter ustserer Würde, uns vor ge- 1 hüssigen Gegnern reinzuwaschen, als säßen wir wirklich auf der Anklagebank.' Wir sind das ältere Volk — wir haben es nicht nötig, unsere Qualitäten erst noch vor den Emporkömmlingen Westeuropas nachzuiveisen. Aber anderseits ist es auch zwecklos: zur Liebe läßt sich niemand zwingen (und gegen das andere kämpfen, nach eines guten Deutschen Ausspruch. Götter selbst vergebens). Also nicht dem Antisemitismus zuliebe oder zuleide befassen wir uns mit diesen Fragen, sondern uns interessiert, wie sich die Inden selber/dazu stellen. Und das ist wenig ermutigend. Die Einheit verjagt. Unsere Gegner mögen sich freuen.. Sie mögen kräftig verleumden — wirkt es nicht bei unbefangenen Außenstehen- : den; so schlägt' es wenigstens eine Breche in die jüdischen I Reihen. Denn ein besonderes Schauspiel wird gegeben: I die Juden dementieren; sie leugnen! Tie jüdische Presie kommt, verbeugt sich vor unseren schmutzigsten Feinden und erklärt: wir wollen mit jenem nichts zu tun haben. — Unerhört! Man rannt in den Judenzirkeln: leise! leise! , sagt's nicht so offen, damit niemand hört, daß eS ein Jude ist! > Das Hai die Mjchichte noch nicht gesehen, daß sich ein Jude des anderen schämt. Unserm (^schlecht war eS vorbehalten, so zu glänzen. Und welche Freude, wenn es mal . 1> Werner Lombart, Tie )uden und da» Wirtschast-leben. / .