Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 13 (22.8.1919)
- Date
- 1919-08-22
- Page
- Seite 138 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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13« hat, und dem andern, dessen Geist sich niemals einer tüchtigen Erkenntnis erschloß, über ein gewisses Alter hinausgekommen. kann man wohl zu lernen, erweitern, vertiefen. abrundcn. was man in den Elementen' längst beherrscht; aber die Zukehr des Geistes zu fremden Gebieten, die Erfassung von Dingen, die ihm bislang gänzlich entrückt -geblieben, ist nur den wenigen Begnadeten unverwehrt, die als Tauerbesitz Spannkraft. Behendigkeit und Biegsamkeit der Seele von der Kindheit her sich errettet haben. Doch der Blick muß sich auf den Durchschnitt lenken, auf die Regel; die Rücksicht auf Ausnahmen kann nicht leiten. Und so öffnet sich die Frage: Was müsien die Kinder lernen, damit die Erwachsenen z u lernen können? Welche Bildungselemcnte müsien in einem bestimmten Alter feste Wurzel in der Seele gefaßt haben, damit die Höhe des Daseins sie ausreifen lasten und an ihrer Frucht sich freuen kann? Das Problem der religiösen Erziehung ist von Haus aus in eine innere' Schwierigkeit verstricht, die gerade in unseren Tagen durch die , Debatte über die Stellung des Religionsunterrichts im öffentlichen Schulwesen scharf beleuchtet wird. In keinem andern Bezirk geistigen Seins ist Gebundenheit und Bevormundung so beklagt und angeklagt worden als in der Art. mit welcher die ölte Staatsgewalt durch gesetzlich erzwungene Ntsbildung in den religiösen Dingen die Seelen ihrer Untertanen in bestimmte Grundrichtungen festgelegt hat. Ten allgemeinen Schulzwang verstand und billigte man: es galt als selbstverständlich berechtigt, daß die Gesellschaft keine Analphabeten unter sich dulden ivollte; und daß die Sachverwalter des deutschen Volkes in dieser Bemühung größeren Erfolg hatten als''fast alle anderen Staatslenker, wurde ihnen mit Recht als hoher Ruhm ausgelegt. Aber daß sie sich darauf versteiften, mit dein gleichen Machtspruch auch Religionslehre. als sei es Schreiben und Lesen, den Gemütern ihrer Bürger von Kindheit auf cinzuhämmern. das galt als das Sinnbild einer unfrciheitlichen „reaktionären" Gesinnung und Praxis. An dieser Deutung ist-so viel richtig, daß ein geistiger Gehalt, der sich ebenso sehr Herz und Willen unterwerfen muß wie den Intellekt, durchaus nur in unerzwungtner Selbstbestimniung und Selbstbesinnung angeeignet werden darf, wenn er den ganzen Menschen ergreifen und wirklich bilden soll. So lange §as Lebensgefühl der ganzen Volksgemeinschaft einheitlich auf die religiöse Stim- ^Munss abgetönt war, geschah niemondein unrecht, konnte man von keiner Tresiur und Abrichtunss redend sondern^ allein von einer Eingewöhnung in eine Weltbetrachtung, die als die einzig rechte Art, die Dinge zu sehen, galt. Je mehr aber die Einheitlichkeit jener in gewissen konfesiionellen Färbungen ans Licht tretenden allgemeinen Änsicht einer inneren Zersetzung und Auflösung wich, desto mehr wurde jenes Gebühren zu Gewissensbedrängnis und Un- "wahrbastigkeit. Tenn die innere,Selbstbestintmung ist ein .„enschliches Grundrecht, das keine^StrmtÄwison und keine Rützlichkeitscrwägung anrühren darf. Ob bekenntnisftcier Religions- oder Moralunterricht als Ersatz aushelfen soll. — dasIst eine Frager die weniger dte^Glaubensgesellschaften angeht als den Staat, der sie im Hinblick auf die allgemeinen der Schule gesetzten 'Erziehungsziele entscheiden mag. s Aber Religionslehre ist eben nicht bloß Herzensbeeinflussung und Gcmütsführung: sic stellt wie kein anderer Lehrgegenstand im dargebotenen Wisiensstoff zugleich eine solche Fülle von Kulturcrfahrung. von Menschheitsgeschichte und Geistesoffenbarung, ans Licht, daß Unkenntnis auf diesem Gebiet eine unsagbare Verarmung und Enge der .Bildung bedeuten müßte: und die Erscheinungen der Religionsentfaltung in der Fülllle der Zeiten, ihre literarischen Urkunden und der Einfluß, den sie in der vollen Breite und Tiefe des Lebens andauernd ausübt. sind so unermeßlich und so eigenartig, daß ihre Absetzung von der Würde eines vollgültigen Lehrgegenstandes, ihre. Zersplitterung und beiläufige Behandlung in andern Schulfächern j — woran man denken könnte — sachlich und pädagogisch nicht zu begründen wären. Doch vor allem soll einmal der Mensch in uncrzwungener Selbstentscheidung seine Stellung zu den Fragen beä Gottesglaubens bei tatsächlicher Reise — nicht der Jahre, sondern des Urteils! bestimmen. — wie soll er das vermögen, wenn er nicht vorbereitet ist? Und wie kann er sich besser vorbereiten 'als durch Ausnutzung der Erfahrungen derer, die vor ihm waren? — Ein kluger Mann hat einmal gesagt: über Religion. Kunst und Weltanschauung glaubt jeder reden zu können, ohne von diesen Dingen etwas gelernt zu haben. — Wie diese merkwürdige Selbsttäuschung cntstarü», ist leicht cinzusehen; denn in diesen Lebensbereichen geben Ausschlag und letzte Entscheidung in der Tat das persönliche Gefühl, unwägbare Stimmung und innerlichste Triebkräfte. in denen der Mensch zu sich spricht, wie e r ist, und nicht wie sein Lehrer oder der Lehrer seines Lehrers.v Aber der Weg zum letzten Eytscheid führt uns über mühselig zu erwerbende Kenntnisse, und die müsien wir uns sichern, wenn in der endgültigen Stellungnahme wirklich . unser Wesen zu Worte kommen soll und nicht allerlei unkonlrollierbare Einflüsse, die Einflüsterungen halber Bildung, in der Luft liegende Meinungen und Vorurteile, die der Tag bringt und vcrlveht. Darum fordern wir die religiöse Bildung'auf der Schule, weil sie allein oder doch für die unendlich überwiegende Zahl am aussichtsreichsten die Mittel zur Prüfung und Betrachtung an die Hand gibt, , die das Ziel dkr Selbstentscheidung. der wahrhaft freien Selbstentscheidung gestatten. - Einführung und Einfühlung in den Geist! Welche praktischen Ansprüche stellt dieses Programm? Für uns Juden zuerst den Erwerb eines ausreichenden Verständnisses der hebräischen Sprache, als der Sprache unseres Gottesdienstes und der klasiischcn Glaubensurkunden. Hier muß mehr als irgendwo anders der Grund in der Äinderseele gelegt werden; denn hier ist's unwiderleglich wahr: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Die Sprache ist ewig lebendiges Zeugnis des Geistes, erhellende Offenbarung des Denkens; sie ist die Künderin tiefster Erfahrungen von Vernunft und Herz, der Niederschlag des Erlebe^ ungezäWr Generationen. Das kann gelehrt bewiesen werden; aber dringender als alle wissenschaftliche Argumente spricht zu uns das unbefangene Gefühl. Erklingen die Anfangsworte der Schemoneh ehre oder der 'Priestersegen oder die Lobsprüche über Brot und Wein in hebräischen Lauten. so_.sagen sieunsetwas Polles, MärestAbgründiges, auch dann, wenn das Verständnis' nicht jedem Worte seinem genauen grammatikalischen Sinn abzugewinnen weiß und nur der Atetst des Ganzen uns anweht. Wie enttäuschend, leer, ja oft unerträglich wirkt sticht im Gegenteil die Übertragung, wenn sic nicht als schöpferische Nachdichtung aüs' der Muttersprache Gefühlswerte schöpft, die sich aber gar nicht mit der eigentlichen Bedeutung des Urtextes decken. Wenn christliche Kirchen, -wic"dte^önusche oder russische, ihre besonderen heiligen Sprachen für die feierlichsten Teile der Andacht der allgemein verstandenen profanen vorziehcn, wenn das alter- | tümlichc Idiom von Chorälen oder Luthers Übersetzung; seinen Platz behauptet hat, so kommt darin das feine Verl ständnis zum Ausdruck, daß die fromme Stimmung aus ' eigentümlichen von den alltäglichen geschiedenen Wegen sich an den Tag ringen muß. Und wir. die uns doch Beziehungen von unvergleichlich engerer Intimität zur jüdisch-hebräischen Vergangenheit hinführen, wir. die Nach-' fahren der Propheten und Psalmdichtcr. wir sollten ein Gut aufgebcn, in desien immer erneuter Aneignung und * Ausnutzung sich die gesamte uns eigene geistige Geschichte ausgcwirkt hat? Wir können aufhör«r, die jüdische R<^ ligion zu bekennen; aber-bekcnnen wir ims zu ihr. — dann müssen wir uns auch zu den Lauten der Bibel und unserer Gebete bekennen. Nur Unkenntnis glaubt, daß Religion mit Glaubenslehre. Weltanschauung und irgend welchen Überzeugungen des Geistes anhebt. In ihnen gipfelt sie wohl; aber diesen Gipfel kann nur ein breiter Untergrund vos Gefühlen »