Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 12 (15.8.1919)
- Date
- 1919-08-15
- Page
- Seite 129 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 1*9 «»,,V»»VVV«VGVV«»««W«* Dpr Bote erzählt: — Per Aarf«»kel. Von Leopold Aompert. l4. Fonsetzung.) Eines Morgens, nach dem Gottesdienste kam David Brod aus der Synagoge heim. Es war während dex Halbfeiertag«, die das schöne Laubhüttenfest unterbrechen; während derselben waltet überall Feiertagslust, und doch blickt auch überall der Werkeltag hindurch. Eine strengere Auslegung des Gebotes hat bewirkt, daß auch an diesen Tagen die Enthaltsamkeit von jeder „leiblichen" Arbeit genau bcfolgt wird. Als David Brod in die Stube trat, fand er Ella am Tische sitzen, vor sich einen großen Schreibbogcn. aus den sie bereits mit großen Buchstaben etwas nicdergeschrieben hatte: «Siehst du, Fciwelmann". sagte er ergrimmt, „wie es sich schon in deiner Künstlerin regt und bewegt? Sie weiß doch sehr gut, daß man heute nicht schreiben darf. . ." - Es war sonderbar, wie ruhig sich Ella diesem Angriffe gegenüber benahm. Sie schob den Schreibbogen vor Feiwelmann hin und sagte bloß: .Äas meinst du, Feiwelmann, darf ich das heute nicht schreiben?" Dann ging sie hinaus. Ein ivehmütig stilles Lächeln glitt über sein breites Angesicht. Auf dem Papiere stand lüit großen deutschen Buchstaben nichts als das Wort: Karfunkel. „Dein Kind, David Brod. ist eine Ausnahme!" sagte Feiwelmann rasch, „es ist jetzt in einem Zustande, wo sein Gemüt und seine Augen ganz anderswo sind, als hier in deiner feiertäglichen Stube. Wenn du oder ich mit ihr sprechen, singt sic vielleicht innerlich ein Lied; du siehst nicht, ' daß ihre Lippen sich bewegen, und hörst keinen Laut. Und doch singt sie. Wie willst du von ihr verlangen, daß sie genau weiß, wie einer, der über dem Talmud alt und grau geworden ist, was man an so einem Halbfeiertage tun oder nicht tun darf? Ta hat sie ein Blatt Papier ergriffen und hat etwas darauf geschrieben. Ich' seh' eben das Kind wie eine Ausnahme an." Wie alle Leute seines Schlages, gab sich David Brod dieser Nutzanwendung einer Tatsache, bloß weil sie ihm unerwartet kam. gefangen. In diesem Augenblicke dachte der Vorbeter gar nicht daran, daß sich gegen die kühn herbeigcführte Betveisaufstellung Feiwelmanns gar vielerlei eiw wenden ließ. Aber sie blendete ihn, und er fand sein Gefallen daran. Behaglich lachend ries er: „Wenn du das Kipd verteidigen kannst. Feiwelmann, so steigst du meinettvegen auf einen hohen Turm hinauf. Du wärst imstande. n>cnn Ella einmal am heiligen Jom Kippur, statt zu fasten, an einen wohlbcsetztcn Tisch sich hinsetzt und singt dabei ein schönes Lied, so nennst du das eine Ausnahme!" Es ging etwas ivie ein leises Erbeben über Feiwelmanns ganzes Wesen; er mußte die Augen'Niederschlagen, als sein Herr und Meister so sprach. Dennoch hatte die sonderbar klingende Behauptung des „Baß" von den Ausnahmen auf den Porbeter einen liefern Eindruck hinterlasien, als er wohl selbst zugestehen mochte.! Trotzdem tvar der Kampf der widerstreitenden Gewalten in der Seele des alten Mannes noch nicht gelöst. Daß er sein Kind als Ausnahme betrachten solle, dagegen , arbeitete all sein Denken und Fühlen wie mit verzehnfach- ' ter Kraft. Weil Ella eine schöne Stimme besaß, darum I sollte sie andere Wege, als sie das Herkommen vorschrieb, k gehen dürfen? Diese schöne Stimme erschien ihm zuweilen ft als etwas Unheimliches. Dann kam es wieder mit Milde, £ lind wie Frühlingslust über ihn. Das Kind war in der Tat 8so seltsam geartet, so ganz anders wie die Kinder der Gaste ... Die Art und Weise, wie es redete, die Reife in. «wissen Dingen, die oft geradezu erschreckte, während es sich wieder bei anderen Anlässen seltsam blöde und unbeholfen Zeigte — war das eine Andeutung, daß David Brods Kind eine Ausitzahme bilden, daß es hervorragen sollte aus der dunkeln Maste der Bewohner einer böhmischen „Gaste"? Und jetzt fiel ihm öfters der Umstand ein. daß Ella gar keine Spielgenosfin, unter allen Kindern der Gaste niemanden hatte, die sie Kameradin nannte. Woher diese Vereinsamung, dieses trotzige Alleinstehen eines noch so jungen Lebens? / So war das grüne Laubhüttenfest zu Ende gegmrgen. Der letzte Tag, das sogenannte „Freudenfest der Mora" war gekommen. An diesem Tage wird die LaubhMe nicht, mehr benützt. Welk lag das Tannenreisig, welk hitwcn die/ Kränze herab, die das Kind des Vorbeters aus den Bkuvrir des gräflichen Gartens gewunden hatte. Sollte das ein Vorzeichen sein, daß eine ähnliche Wandlung dem geheimnisvollen Gedankcnlebcn Ellas bevorstand? . . . Zu Mittag, als das Esten aufgetragen werden sollte, sagte Ella, die heute ernster war, als sic \t erschienen: „Vater, wie wärs, wemr wir noch einmal heute in die Laubhütte gingen?" „Narrele", sagte David Brod. ,;wo fällst du aus? Mit der Laubhütte ist es für Heuer aus. man geht erst in einem Jahr wieder hin." „Vater", sagte Ella, und die Stkmme des Kindes klang über alle Beschreibung mild und weich, „gehen wir doch hinaus! Kann ich wissen, wie lange es anstehen wird, bis ich wieder in einer Laubhütte sitze?" Das griff dem Alten ans Herz. Laut »veinend sagte er: „Siehst du, Fciivelmann, sie denkt schon ans Forti gehen, und weiß hock) nicht, ob ich es zugebe." 1 ' „Weine nicht,David", rief der Baß. über besten breites , Gesicht selbst eine namenlose Zuckung ging, „weine nicht! Heule ist „Freudenfest der Thora", da soll der Mensch mdtf vergessen,, sich recht voi» Herzen zu freuen. Warum willst^ du dem Kinde das nicht zu Ökfallen tun?" So wurde das Mittagsmahl iü die Laubhütte hinausgetragen. Als das Tischgebet vorüber war. fuhr Ella plötzlich von ihrem Sitze auf. Ihre Augen leuchteten und blitzten wieder wie ehemals, durch ihre iveißen Zähne funkelte ein fast übermütig zu nennendes Lächeln. ".Jetzt", rief sie. „hätte ich Luft, etwas zu singen. Soll ich die neue „Keduschah" Vorsingen, die ihr am ersten Laubhüttentage in der „Schul" vorgetragen habt?" Und das Kind sang die neue Melodie, die sein Vater von dem polnischen' Bettler erlernt halte. Niemals hatte Dävid Brod in der Stimme seines Kindes so viel Süße und Wohlsaut geahnt. War das die Melodie, die er dem sarmatischen Bettler nbgckauft hatte? Denn wieder hatte sein Kind der altorientalischen Weise ein Gepräge^gegeben, daß sie als etwas ganz anderes erschien, während der süße Kern unberührt geblieben tvar. Wie fing Ella es nur an. daß David Brod sich selbst gestehen mußte, er habe die Melodie erst jetzt recht begriffen: nun wüßte er erst, wie ihr „beizu- I kommen" sei! Was waren dem Kinde jene Schwierigkeiten, 1 die wie hohe unüberstxigliche Berge vor ihm und dem Baß dagelegen? Spielend schritt Ella über sie himveg, und wohin sie trat, da quoll cs unter ihren Schritten wie eine goldene Saat auf. in der sich wunderbare Singvögel bargen. „Hör auf! Hör um Gottes willen auf, Ella", rief er. »och ehe die letzten Töne verklungen waren. Der Baß aber sagte: „Willst du wisten, David Brod. wie mir unsere „Keduscha" vorkommt, wenn sic dein Kind singt? . Du erinnerst dich noch an den Schnorrer, der uns den Gesang gelehrt hat, an die schwarzen Ringcllocken und an jbie hohe Pelzmütze, und an den schmutzigen Kaftan, der seinen Leib bedeckt hat. .So ist er mir wieder vor den Augen gestanden, bevor dein , Kind angefangen hat. Jetzt aber war es mir, als chätte-er 1 eine glänzende jkrone auf seinem Kopfe gehabt, und um den : Leib herum flatterte ein weites prächtiges Gewand, und aller Schmutz war verschwunden, und er war wahrhaft schön! geworden." » J