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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-08-15 · 12 (15.8.1919) · p. Seite 127

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
12 (15.8.1919)
Date
1919-08-15
Page
Seite 127 (sequence 5)
Language
German
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«*"-V .?! > botgt. aber wir selbst haben von'keinem geborgt"'). Die eigene Note, das war immer unsere Stärke. „Junge, in deinem Schubfach liegt etwas, was keiner dir geben und keiner dir Nehmen kann, und du hast den Schlüffe! dazu l" Das ist daS Loch, auf dem wir unsern Kindern pfeifen müssen. Sie sollen das Bewußtsein bekommen, als Juden etwas Eigenwüchsiges zu sein. Man wird einwenden^ daß hier wieder einmal das Trennende betont wird..während es doch angesichts der so schon genug isolierten Lgge unseres Stammes so wichtig sei. gerade alles Einende hervorzuheben. Dieser Einwand ist hinfällig. Denn mit.derselben Berechtigung könnte man uns dann fragen« „Wozu trennt'ihr euch in einer eigenen Religionsgemeinde?" Wir trennen uns aber, also muß dock unser Judentum etwas „Eigenes" sein, das uns trennt. Und zwar etwas „Eigenes" von grundlegendster Bedeutung, denn sonst würde cs uns doch nicht trennen. Ist es aber so bedeutungsvoll, was ist dann natürlicher, ja. was ist dann dringlicher, als das Bedeutungsvolle auch wirklich mit Bedeutung zu lehren? Wer den Kindern sagt: „Ihr sollt Juden sein und bleiben!"! dtr darf ihnen doch nicht das Gefühl des Eigenwüchsigen nehmen, damit verkümmert er ihnen nur die Freude am Eigentum und erschüttert den kindlichen Glauben. Denn das Kind stellt dann laut oder für sich die Mragc: „Wozu eigene'Wege, wenn nichts Eigenes " Außerdem aber beruht der obige Einwand auf einem Denkfehler.- Eä ist.ein Irrtum, zu glauben, daß alles Eigene trenne. Das äußerlich Trennende kann vielmehr das innerlich wahrhaft Einende sein. Ist nicht jeder Mensch eine Schöpfung für sich? Was ist es, das den Menschen zun» Menschen zieht? Der Tüchtige sucht immer den Tüchtigen, und nur, wer selbst etwas ist, wird von andern gesucht. Wie der Künstler nur um seiner Eigenart willen geehrt und gepriesen wird, so kann Eigenwüchsigkeit auch den Juden niemals isolieren. Das kann nur Eigenbrödelei, ein frischer, frohbewußter Eigenwuchs bindet. Darum vertrete ich die Meinung, daß das Höchste, was Israel seit Bibeltagen geleistet hat, sein wahrster und edelster „Anteil an der allgemeinen Kultur" nicht darin bestanden hat, daß die jüdischen Grammatiker des 10. Jahrhunderts die orientalische Philologie begründet, die jüdischen Religionsphilosophen den Spinoza beeinflußt und die jüdischen Kaufleute des Mittelalters Mitschöpfer des modernen Wirtschaftslebens geworden sind: sondern der unvergänglichste Wert, den Israel seit den Tagen der Zerstreuung in die Schatzkammer bei Menschheft geliefert hat, besteht darin, daß es der gewaltigen Wuth^ einer erdrückenden Majorität gegenüber, es selbst eine winzige Minorität, immer den Mut gehabt hat. auf den eigenen Füßen zu stehen. Den Mut zur Sclbstheit und Eigenwüchsigkeit. Daß dieses Würmchen Jakob, dieses Häuflein Israel sich als das erwählte Volk des Herrn, den Liebling der Gottheit fühlte, darin steckt ein so sittlicher Wert, eine so unerhörte moralische Kraft, daß alle Taten aller Götter und Halbgötter dieser Erde davor in Nacht und Nebel zerrinnen. Daß wir dies der Welt gezeigt, das ist unser „Anteil an der allgemeinen Kultur", wahrhaftig ein Löwenanteil, und das trennt nicht, nein, das eittt uns mit allen Großen und Edlen dieser Erde. Dieses Bewußtsein, das — wenn man's richtig auffaßt — gleichbedeutend ist mit der Forderung höchster sittlicher Pflichten und den Anforderungen strengster Ethik standhält, ist das einzige, was unseren Kindern Freude. Stolz. Glück zu geben vennag. Mit der Redensart von dem „hohen und hehren Menschentum" lockt ihr keinen Hund hinter dem Ofen hervor, geschweige denn ein Kind aus seiner Gleichgiltigkeit. Das versteht, ein Kind überhaupt nicht. Ein Kind will besitzen, schon der Säugling streckt seine Hand aus. und das erste Wort das er nach „Vater" und „Mutter" lernt, ist das Wort: „Haben"! Wer dem jüdischen Kinde das Judentum zur Freude machen will, muß ihm beweisen, daß es in ihm etwas „hat", ^was andere nicht haben, muß 1>». Rose 28, »1, y cs ihm zum beglückenden Bewußtsein der Selbstheit erheben: Ein lvahrhaft selbstherrliches Judentum soll es sein. Darum kann das stets wiederkehrende Wort des jüdischen Lehrers an seine Kinder. — das Wort der Gegenwart an Israel — nur eines sein: N Sei bul - — Kon Kerg und Tal. Wir richten nicht nur an unsere Korrespondenten die wiederholte Bitte, uns regelmäßig ihre Nachrichten zugchen zu laffen, sondern bitten auch alle unsere Leser und Freunde in den rheinischen Landen dringlichst, den Boten mit wissenswertrnMitteilun«n allgemeinen wie persönlichen Intereffes zu unterstützen. I L d i s ch ist der Bote von ganz allein, ihn r h e i n i s ch zu machen bedarf es der Mithilfe aller seiner Freunde. Wir sind dankbar für die kleinste lokale Notiz, die uns zugeht. - * ** Düffeldorf. ‘ Der neue Regierungspräsident von Düsseldorf. Justizrat Lande, ein Glaubensgenosse. zeichnete sich in der Kommunalpolitik durch großes Wissen und reiche Erfahrungen aus. Besonders in Steuerfragen spielte er in der Elbcrfelder Stadtverordnetenversammlung eine führende Rolle. Im Laufe der ersten Kriegsjahre gehörte er,zu den nicht lvenigen Sozialdemokraten, die dem Gedankengang der Annexionisten sehr nahe standen. Mit den Unabhängigen stand Lande in feinem guten Verhältnis. Als er Mitglied des Arbeiterrats war, erzwangen die Unabhängigen durch einen Demonstrationszug vor seiner Wohnung seinen Austritt. Düffeldorf. Der hiesige „Verein zur Förderung der Handwerke und technischer Berufe unter den Juden" hat in seiner letzten Generalversammlung seine Reorganisation beschloffen. Der ini Jahre 1882 gegründete Verein hat unter der .Kriegsnot stark gelitten. Am Schluffe des abgelaufrqen Geschäftsjahres waren nur noch acht Lehrlinge in Werkstätten und im Heim des Vereins untergebracht. Um das Handtverk unter den Juden zu verbreiten, bringt der Verein Söhne ausivärtiger Eltern bei tüchtigen und gewiffenhaften Meistern Düffeldorfs unter. Im Lehrlingsheim des Vereins erhalten die Zöglinge volle rituelle Verpflegung und genießen eine von niodcrnen und freiheitlichen Grundsätzen geleitete jüdische Erziehung, die das Elternhaus ersetzen soll. Köln. Am Donnerstag abend hielt Herr Max Goldreich-Beuel im hiesigen jüdischen Jugendvcrein Hatikwah einen Vortrag ülvr das Thema: „Was wir wollen." Er legte in klaren, überaus interessanten Worten das Programm der nationaljüdischen Jugend dar. An den niit großem Beifall aüfgenomniencn Vortrag — der gefüllte Saal und die Aufmerksamkeit der Hörer bewiesen das wachsende Interesse. das der nationaljüdischen Bewegung entgegcngebracht wird — schloß lick eine lebhafte, anregende Diskussion. Ter Abend erhielt sein besonderes Gfpräge durch die Antvesenheit des Mr. Pcrcy Baker, der die Grüße der englischen Juden überbrachte und schilderte, wie die englische Judenheit sich nach dem Kriegsende gesehnt hätte, um endlich wieder in Verkehr mit den jüdischen Brüdern des Auslandes treten zu können. — Der Abend kann als eine wohlgelun- \ gene Veranstaltung bezeichnet iverden und hat allgemeine .Befriedigung hintcrlaffen. Bergisches Land. Am 22. bssv. 24. Juli d. I. verunstaltete der Jüdische Wohlfahrtsverband Elberfeld-Barmen seine ersten Wfmcinbcobenbc in Elberfeld und Bannen. Die Sitzung wurde in Elberfeld durch die erste Vorsitzende, Frau Elara Samuel, in Barmen durch den zweiten Vorsitzenden. Herrn Tanitätsrat I)r. Lllendorff, eröffnet. Frau Samuel betonte in ihren Einführungsworten die Notwendigkeit des Zusammenschlusses der bestehenden Organisationen. um alle für das eigene Ziel segensreich arbeitenden Kxäftc für getvisse Probleme geschloffener und nachhaltiger ■ sich auswirken zu laffen. t

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