Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 12 (15.8.1919)
- Date
- 1919-08-15
- Page
- Seite 126 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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1*6 - entbehren möchte; wie man ja auch vom bloßen Zweckverband. vom Verein sich hinübertastet zu einer neuen Fonn persönlicher Lebensgemeinschaft." Man wird an diesen Worten erkennen, wie dies einerseits'die Entwicklung bezeichnet, in der alle Versuche, sich einem Ideal zu nahem, seit' Menschengedenken sich abspiilten — die jüdische Geschichte ist reich an Beispielen —, so ind anderseits hier die Eigen chaften genannt, die.gerade ür die Jugend eigentümlich sind. Tie Jugend läßt sich — ie steht ja am Anfänge I — das Bild einer neubelebten Zukunft Ziel ihrer Lebensarbeit sein, sie hat ihren Weg noch zu uchen und kann ihn darauf e i n st e l l e n. Sie wird noch nicht festgchaltcn durch Sorgen und Bande, wovon sich loszureißen für Ältere ein Opfer und eine Lebens u m st e l - l u n g bedeuten ivürdc. Tic kann sich bcgeistem und um einen Führer scharen. Sie kan n, was eben fehlt, eine Lebensgemeinschafk errichten. Nichts anderes aber darf das Ziel sein, das wir erstreben, soll in der Tat eine Wiederbelebung des Judentums, eine Rettung aller überkommenen Schätze, eine Erhaltung alles Werten und Teuren ^Wirklichkeit lverden. , \ So ist der Zusammenschluß der Jugend, die neue Ju- >endbe»vcgung, ein organisches Gebilde im jüdischen Volksörper der Gegenwart.. In der Jugendbewegung bejaht sich )as Judentum. Hätten wir keine jüdische Jugcndbetvegung. o könnten wir verzweifeln an der Gestaltungskraft der jüdichen" Ideen, das Judentum hätte ja nicht mehr den Aus- >ruck für seinen Lebenswillen, für seine Zukunftshoffnung gefunden. Wenn wir so das Bestehen einer jüdischen Jugendbewegung begrüßen, weil die Verwirklichung unserer Aufgaben aus ihr und durch ihren Mund spricht, so müsien wir es als geradezu erstaunlich ansehen, daß sogar die Hugendbewegüim bei uns parteimäßig sich spaltet. Tenn Parteifolgende Stellungnahme, politischer Kampfwille ist etwas dem Wesen der wahren Jugend durchaus Widerprechendes. Kein Jugendlicher leistet Sonderinteresiei» Gcoktzschaft. Tenn dem Jnteresienkampf vermag die Jugend einen Gefallen abzugewinnen, sie ist ein Gleichmacher, die Begriffe „Vorteil". „Ztvcck" also „Partei" sind ihr fremd. Das find vielmehr Oicbcmfcn, die erst von den Erwachsenen hineingetragen werden, die der Jugend ihre Jugendlichkeit rauben. Die jüdische Jugendbewegung, die sich eins denkt und eins fühlt mit dem ganzen Volk, zeigt die Merkmale eines gesunden, jugendfrischen Geistes. Unsere Jugendbctvcgung läuft Gefahr, aus einer Bewegung der Jugend eine Bewegung, von Erwachsenen zur frühzeitigen Hinaufziehung der Jugend in ihre Streitsphäre beeinflußt, für dieJuge n d z u werden. Damit aber erstürbe sie. Uns könnte dann in den schweren Stundenunserer Wegbereitung die selbstlebende, aus inneren Impulsen getriebene Jugend fehlen, uns fehlte die Zukunft, uns würde eine verlängerte Gegenwart. , Unsere Hoffnung ist eine starke, einheitliche, zielbewußte Jugend, die in sich Leben erstehen läßt, deren Jugend jüdisch, deren Judenttlin jugendlich i st. \ Meder Stellung und Grrnfta der jüdischen Keligionsj unterrichtet. 1 San Gmil Cohn. lSchluh.» Fraat es sich nun: Wie ist dieses Erziehungsideal zu I erreichen? so ist di« Antwort sehr einfach und ergibt sich! aus einer Betrachtung des kindlichen Charakters. Der lebi Hafteste Hang des Kindes geht auf Besitz und Eigentum. Nichts ist lehrreicher. als ein Kind in diesem Hange zu beobachten. Das Kind will seine Briefe selber öffnen, denn was drinnen'steht, ist sein Geheimnis. Es will, wenn nicht sein eigenes Zimmer, so doch sein Schränkchen, und wenn nicht sein Schränkchenso doch sein Schubfach haben. Die Hauptsache aber ist der Schlüssel, der das Schubfach, vtt» schließt, daß keiner heran kann, selbst Vater und Mutter nicht, der Schlüsiel. der tief unten in der Tasche ruht, und um den man bitten muß. wenn man ans Schubfach will. Diese kindliche Eigenschaft ist für den Erzieher fast diewichtigste, weil in ihr schon der künftige Wille, die Persönlichkeit des Menschen ruht. Da steckt der Mann im Knaben, da im Mädchen die Frau. Ein schlechter Erzieher, wer diesen Hang des Kindes nicht respektiert, kein guter, wer ihn. nicht zu nutzen und zu veredeln versteht. Die Mutter, die im Schubfach, der'Lehrer, der im Schulranzen des Kindes stöbert, haben ausgespielt. Beherrschen und leiten aber wird das Kind, wer hier den Hebel ansetzt, denn.er allein wird es verstehen, ihm „Eigentum" im edelsten Sinne und damit Gluck und Persönlichkeit zu geben. ' Merkt der jüdische Erzieher nun. »vorauf »vir hinauS- »vollen? Wir stellen als erste und unerläßliche Forderung auf. daß dem Kinde das Judentum als eigenstes Eigentum vermittelt »verde. Wie oft hört man bei uns in Predigten und Reden das Wort vom -.Erbe der Väter". Man redet davon uird redet darüber hinweg. Und doch ist es ein tief» sinniges Wort, und der Erzieher sollte nicht aufhören, es zu gebrauchen. In diesen» Worte liegt das Heil: Die Kinder sollen das Judentum als ihr Erbe kennen lernen, jenes Erbe, das man eriverben n»uß. um es zu besitzen. Mit anderen Worten: Man komint »»icht in de» Besitz des Judentuins ohne den »verbenden, erlverbcnden Willen. Diesen Willen, ein Herr zu »verdcn im Erbacker der Väter, den soll die Jugend ^kommen. Steckt ihm eure Weisheit ins Schubfach und gebt ihin den Schlüsiel: Da. nimm! Das ist dein, dein Eigenstes und Bestes. Da kann dir niemand heran. Das ist dein von den Vätern ererbtes Gut. DaS ist etwas anderes, als waS,die Schule dir gibt, noch geben kann. " ' So müßte cs gemacht werden. »ve»»n es recht geuiacht »verdei» sollte. Aber — so selbstverständlich diese Federung erscheint und so selbstverständlich immer vom Judentum als vom Erbe der Väter die Rede ist — allenthalben bemerken »vir andere und sogar entgegengesetzt gerichtete Tendenzen. Ein Beispiel geirüge. um zu zeigen, auf »velchen Jrrpfaden sich der jüdische Unterricht nur zu oft belvegt. Im Entwurf eines „Normallehrplans für die ReligioNs- und Volkschulen der rheinischen Gemeinden" heißt es: „In jeder Epoche ist der Anteil der Juden an der allgemeinen Kultur aufzuzeigen." Was heißt das: Anteil an der allgemeinen Kultur? Soll das heißen, daß »vir angesichts des Vorlvurfs unserer Feinde, wir hätten immer den Anschluß an die allgemeine Kultur versäumt, den Kindern beweisen sollen, daß das Gegenteil der Fall ist? Schon gut! Nur ist eine Gefahr dabei. Woher »veiß das Kind, daß uns solche Vorwürft gemacht »verden? Durch derartige Beweise wird dem Kirbe ngr fühlbar gemacht, daß es auf d^r zweiten Bank fitzt, obwohl es ei»» Anrecht auf die erste hätte. Es wird stutzig, n*cnn inan ihm cttvas Selbstverständliches zu beiveisen sucht. Wenn das erst belviesen werden muß, so mag es schlimm u»n uns stehe»». Schulmänner. die derartige Forderungen aufstellen, projizieren einfach ihren erwachsenen apologetischen Standpunkt in die Kindesseele, die solchen Standpunkt nicht begreift. Nichts wirkt verheerender im Religionsunterricht als Apologetik. Man kann und soll auch wohl in der Prima einnml einen solchen Standpunkt einnehuren. aber ihn als grundlegenden pädagogischen Gesichtspunkt aufstellen, heißt nichts anderes» als sich aller erzieherischen Erfolge ,von vornherein begeben. Denn dadurch wird das Judentum vor den Augen der Kinder in die Defensive gerückt, der Religionsunterricht tvird zum Plaidoyer eines Verteidigers, mit einem Wort, es geht den Kindern das Gefühl der Souveränität des Judenttnns verloren, das allein Glücksgefühl bei ihnen äuszulösen verumg. Vielinehr muß dem Kinde bewiese»» »verden. daß Israel i miner, in allen Zeiten und unter allen Völkern, in seiner Religion eine eigene Kultur hatte, und daß gerade daS seinen Wert ausgemacht hat. „Vielen Völkern habe« wir ge- / . 1