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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-08-15 · 12 (15.8.1919) · p. Seite 125

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
12 (15.8.1919)
Date
1919-08-15
Page
Seite 125 (sequence 3)
Language
German
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- - Man sagt neuerdings PaderewSki nach, er habe die besten Absichten, den Juden gegenüber gerecht zu verfahren. Die Stimmen aus der Praxis berechtigen jedoch vorläufig noch zu großem Mißtrauen. Galizien. Lemberg. Von den 17 000 jüdischen Familien in Lemberg find 12 000 auf die Unterstützung des jüdischen Retrungskomitees angewiesen. In der Provinz herrschen furchtbare Hungerepidemien, besonders in Stanislau. Rasche Hilfe ist dringend nötig. Lemberg. Die polnischen Militärbefehlshaber legen den Juden die ungeheuerlichsten Kontributionen auf. weil sie sich angeblich als Freunde der Ukrainer aufgcführt hätten. Rußland. .' London. General Koltschak. der Führer der antibolschewistischen Bewegung in Rußland, bestreitet in einem an Sasonow gerichteten Telegramm, die ihm zur Last gelegten antisemitischen Äußerungeü getan zu haben. Die jüdische . Bevölkerung möge bezüglich seiner Haltung ohne Sorgen sein. Nur der innere Frieden könne Rußland wieder in die Höhe bringen. London. Ein Funkspruch der Sowjetregierung meldet, daß der Gebrauch der hebräischen Sprache in Rußland verboten worden sei. (Wir bemerken hierzu, daß, wie alle Nachrichten, die aus Rußland zu uns kommen, auch diese mit größtem Vorbehalt ausgenommen werden muß. Kiew. Der bisher streng antizionistische „Bund", der Verband der sozialistischen jüdischen Arbeiter ganz Rußlands, stellt neuerdings auch die Forderung auf: „Palästina den Juden." Dies ist nach dem unwürdigen Verhalten der Vertreter des Bundes auf der letzten internationalen Sozialistenkonfcrenz sehr bemerkenslvert. . „ Litauen. Wilna. Ter Stgdtrat beschloß, drei Straßen Wilnas nach berühmten jüdischen Gelehrten, die in Wilna gewirkt haben, zu benennen, darunter eine nach Rabbi Elia, dem sogenannten Wilnaer Gaon. , Österreich. Wien. Die Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums in Österreich hat sich offiziell als Landcsorganisation der Agudas Jisroel erklärt. Ebenso ist der thoratreue Verein „Sinai" in Prag der Agudoh bcigetrcten. Frankreich. > Paris. Israel Lövy wurde als Nachfolger Alfred Lövhs zum Großrabbiner von Frankreich ernannt. Amerika. New Jork. Die Cunard-Linie hat bekannt gegeben, sie beabsichtige einen regelmäßigen Tampierverkehr zwischen Amerika und der Levante, insbesondere Ägypten und Palästina, einzurichten. So lange die unsicheren Handelsverhältnisse noch andauem, »verden die Schiffe der Cunard- Linie Palästina <Jaffa) allerdings nur anlaufen, wenn sic 2000 Tonnen Fracht für Palästina mitführen. — Die Cunard-Linie erklärt, daß sie jedoch den voraussichtlichen Exporteuren die günstigsten Bedingungen gewähren wird, um am Aufbau des Handels in dem neuen Lande teilzunehmen. Japan. Tokio. Die japanischen Juden haben sich organisiert' >rnd einen „Jüdischen 'Nationalrat" gewählt, um durch ihn in Übereinstimmung.mit den Juden aller Länder die bekannten jüdischen Forderüngen Vertreter zu lasien. London. „Continental Times" melden von hier, daß Lord Rothschild und andere Freunde des Jews College einen Fonds in Höhe von 1 000 Qpo Pfund unter den englischen Juden aufzubringen beabsichtigen, der als „Gedächtnisfonds der britischen Juden" der Pflege der jüdischen Wissenschaft sowie der Aufbesserung der Lage des Rabbinerstandes dienen soll. _ Jüdische Gkgenwarlrstagtn. Von «eorg Landauer. IV. * Um die Jugend. Wenn wir letzthin feststellen zu können glaubten, die jüdischen Gegenwartsfragen seien Fragen der jüdischen Vergangenheit, jo können wir unser heutiges Thema nicht besser charakterisieren, als wenn wir es recht eigentlich als die Frage der jüdischen Zukunft bezeichnen. Unsere gegenwärtige Lage ist gewiß nur zu verstehen, d. h. ihre Reformbedürftigkeir erst zu begreifen aus den hinter uns liegenden Ereignissen eines Jahrhunderte langen Leidensweges, und es gibt keine bessere jüdische Erziehungsmethode als das Studium der jüdischen Geschichte. Aber nur deswegen befassen wir uns mit alledem, weil wir nach böser Vergangenheit und aus der traurigen Gegenwart auf eine bessere kommende Zeit hoffen. Allein darum arbeiten und streben wir im Namen des Judentums, tveil wir glauben, zu noch Größerem berufen zu sein, im Gedanken an eine leuchtendere, schönere Zukunft. Beherrscht uns dieser Glaube, so ist uns von selbst als Arbeitsgebiet die Jugendbewegung zugewiesen. Hier ruft mancher: Halt! — wohl die Jugend; aber wozu die Jugendbewegung? Wir lassen unseren Kindem eine gute Erziehung angedeihcn (wenns hoch kommt, sogar eine „religiöse"), wir schicken sie zur Religionschule, »vas brauchen wir da eine Jugendbewegung? Auf diese Frage wollen wir eine kurze Antwort zu gebe» versuchen. Es ist kein Zweifel: heute Forderungen nach Pflege jüdischen Geistes und jüdischer Werte zu erheben, heißt Dinge in den Vordergrund schieben, die bedeutend über die Interessen des Tages hinausrcichen; verlangt also Menschen mir weiteren Horizonten, die nicht nur verzehrt werden von den Sorgen des Alltag-, deren Kraft sich nicht erschöpft im harten Kampfe ums Jetzt. Wir proklamierenef.n I deal, das ist ciu Ziel, das durch gemeinsame Arbeit, ' durch gleiches Erlebe», auch durch Selbstüberwindung erreicht ivird. Wie soll ein neues, junges, schaffensfreudiges Judentum wieder entstehen, wenn nicht die entsprechende neue, junge Gemeinschaft entsteht? Nur die Menschen werden die Träger und Spender dieses uralten, neuen Geistes sein, die nicht belastet sind durch alle die materiellen, versetzenden Einflüsse, tvelche unsere Entivicklung in der Vergangenheit gestört haben und in der Gegenwart gefährden. Einzelnen, leidcnschaftsfähigen, gemeinschaftsbewußten. entäußerungswilligen Alteren ist es auch heute gegeben, sich loszurcißen aus dein Zivange wirtschaftlicher Augenblicksmteressen. Sic haben ja auch die Wege gewiesen. Aber wird es gelingen, jene Gemeinschaft, die aufgelöst ist, wieder aus allen Älteren zusammcnzuschweißen? Wird es gelingen, den Zusammenschluß der sich heute befehdenden, unzählige Sonderwege gehenden,' oder, was noch schlimmer ist, ihr Judentum gar verachtenden und abstreifenden Generation herzustellcn? Ich glaube nicht, daß die. welche auseinanderstobcn, sich wieder finden werden. Die genannten Wenigen wphl, aber nicht d i e jübifdjc Gesellschaft. Steckt aber noch Kraft in unscrenr Judentum, ist es noch fähig, die Herzen zu erwärmen uiid die Mxnschen zueinander zu führen, so wird es auch sein — aber hui bei denen, die in den trostlosen Zustand der Gegenwart noch nicht hineingewachsen sind, bei der Jugend. Die Jugend war ja bei allen Völkern der vom Ideal begeisterte, im Jugendbunde einheitlich geführte starke Vortrupp der Befreiung und Wiederauferstehung. Ein Führer der deutschen Jugendbewegung sagt an einer Stelle: „Das ist ja auch ein Zeichen jener neuen Einstellung, daß man i nicht mehr zufrieden ist 'mit abstrakten Programmen, sondern die lebendige. Verkörperung eines Geistes sucht, wie ' sie eben der Führer ist; daß man nicht mehr genug hat an konsequenter Durchführung von Grundsätzen, sondern weder persönliches Hören und Sehen, noch die persönliche Gefolg- : schüft, das Erlebnis persönlicher Treue. Liel»e und Verehrung

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