Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 11 (8.8.1919)
- Date
- 1919-08-08
- Page
- Seite 117 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 117 — Es war spät in der Nacht; das Kind schlief bereits. Da saßen sich David Brod und sein Baß Feiwelmann gegenüber. - „Du meinst also doch, Feiwelmann". sagte David Brod nach einem schwer aus der Brust geholtes Seufzer, „wir hätten heute unsere Sache gut gemacht." ' „Sie sagts", meinte Feiwelmann sicher und ruhig in seiner Stimme, indem er mit dem Finger nach der Türe der Kammer wies, worin Ella schlief. David Brod sah eine Weile lang nachdenklich vor sich hin; endlich sagte er: „Erkläre mir nur eines,. Feiwelmann! Was hat der Graf damit gemeint, als er gesagt hat. er will sie zur Kunst erziehen? Es geht mir das nicht aus dem Kopf. Was heißt Kunst?" Feiwelmann starrte eine geraume. Zeit in die Luft. „Was Kunst heißt? Sie soll eine. Sängerin werden wegen ihrer schönen Stimme." „Und wenn sie eine Sängerin geworden ist — ivas dann?" fragte David Brod mit gerunzelter Stirne. „Dann wird sie auf einem Theater vor Tausenden von Menschen singen I" sagte der Baß, gleichsam an einen Dritten seine Rede richtend. „Eine Komödiantin soll mein Kind wetden?" schrie David Brod wild auf, „mein Kind eine Komödiantin! David Brods Tochter auf einem Theater!" ' ' „Ich wer.de dir etwas sagen. David Brod: es kommt eigentlich gar nicht darauf an, an welchem Orte man seine Kunst den Menschen zeigt. Wenn die Menschen nur sagen: Sie kommt von Gott I" „Ich verstehe dich isicht, Feiwelmann!" „Bist du und ich nicht auch jeder ein Künstler? Tu, David Brod, und ich, Feiwelmann, der Baß? Haben wir nicht auch etwas erlernt. was andere nicht können? Und sivenn wir unsere Kunst zeigen, sagen'da nicht die Leute: David Brod ist groß in seinem Fache, und auch sein Baß Feiwelmann ist nicht zu verachten?" „Wie kommt da eines zum andern?" rief David Brod, in besten Gemüt die Wogen der Erregung noch immer ziemlich hoch gingen. „Wenn wir unsere Kunst glänzen lasten, so geschieht das vor Gott! Wir singen und beten für die Gemeinde, denn sie hat uns damit beauftragt." „Dayid Brod", sagte Feilvelmann nach einer geraumen Weile, „und wenn Ella einmal eine Sängerin sein wird und auf dem Theater vor Tausenden von Menschen singen wird, und alle werden sagen: Groß ist doch Gott, der in eine menschliche Kehle so viel Kraft und Schönheit, so viel Anmut und Lieblichkeit gelegt hat — glaubst du da nicht. David Brod, daß dein Kind da auch vor Gott singt, und wenn sie auch auf dem Theater steht?" David Brod, der Portier, starrte seinen Baß verblüfft an. , „Ich versteh dich, Feiwelmann", sagte er. „und ich versteh dich wiedtr nicht. Tu hast^recht, und doch ruft und schreit es in mir, du darfst nicht recht haben! Wie vereinigt sich das in mir?" „Laß dir erzählen. David Brod. wie cs mir einmal vor vielen Jahren ergangen ist", sagte Feilvelmann, nachdem er einige Zeit hatte verstreichen lasten, in jenem Tone wieder, als ob er einen alten Traum berichten wollte. „Damals war ich ein junger Mensch von achtzehn Jahren, und war gerade in Frankfurt am Main. Nun mußt du wissen, David, ich habe bis dahin nicht gewußt, was ein Theater ist; aber an einem Sabbath, wie es schon Abend geworden war, stehe ich vor einem großen, großen Gebäude, und viele Menschen stoßen und drängen sich durch das Tor. Und ' einer, den ich gefragt habe, tvas da vorgehe, hat mir gesagt: Das ist das Theater, und heute wird ein größer Künstler, auf besten Namen ich mich nicht mehr erinnere, auftreten. Was ist das. ein Theater? habe ich mich gefragt, und Ivas ist ein großer Künstlet? Alsbald habe ich gefühlt, wie mir das Blut zu Kopfe steigt... wie eine Begierde, die ich bis jetzt nicht gekannt, in meinem Herzen wächst und anschwillt, daß es bis zum Zerspringen voll war. Kurzum, David Brod, ehe ich noch recht gewußt habe, was ich tun soll, »var! ich mit dem Menschenstrome drin im Theater, Hab all mein - Geld, was ich bei mir trug, hergegeben, und befand mich im obersten Stockwerke auf einer schmalen hölzernen Bank. In! demselben Augenblicke ist der Vorhang ausgegangen!" Feiwelmann hielt inne; es schien aber nicht, daß die, Wirkung des bisher Erzählten auf David Brod eine große war. „Damals. David Brod". fuhr der Baß mit erhöhtem Tone fort, „habe ich an mir erfahren, daß man nicht nur am Vcrsöhnungsfeste heiße Tränen vergießen kann, und daß nicht nur furchtbare Schauer einen überrieseln, wenn maN jenes Gebet betet, worin es heißt: Am heutigen Tage besiegelt Gott das Verhängnis des Menschen! Ta wird bestimmt, wer im künftigen Jahre durch die Pest, wer durch Hungersnot, und wer durch Wasserfluten sterben und wer endlich am Leben bleiben wird! Was sie da gespielt haben, war ebenso traurig und so schaurig, ja ich habe manchmal geglaubt, der letzte Tag bricht au und die Auferstehung der Toten steht vor der Tür! Ein mächtiger König, der über ein großes Land gebietet, der verteilt sein Reich aus lauter Liebe-imd Zärtlichkeit an seine Töchter. Er hat deren drei: die jüngste aber, weil sie ihm nicht schmeichelt, kommt am schlechtesten weg, vor der verschließt er sein Herz. Aber gerade das Kind ist sein bestes, denn höre nur, David Brod! Wie der König all sein Land unter die beiden schlechten Töchter verschenkt hat und zu ihnen auf Besuch kommt und meint, Gott weiß, wie herzlich sie ihm um den Hals fallen werden, da erfährt er. Ums schlechte Kinder sind I Sie lasten den eigenen Vater nicht ins Schloß hinein, weil er ihnen zu viel Gäste mitbringt, sie jagen ihn von der Schwelle ihrer Türe, und der alte, schwache König muß hinaus in Nacht und Nebel und Wind, weil ihm seine Töchter keine Herberge geben »vollen —" - ■ „Das waren doch nicht jüdische Kinder?" unterbrach > ihn der Vorbeter in steigender Spannung. „David Brod", fuhr der Baß fort, ohne dieser Frage Aufmerksamkeit zu schenken, „du hättest ihn sehen sollen, der den alten schwachen König gespielt hat. und wie er zuletzt aus lauter Kränkung und Herzeleid den Verstand verliert! 'lud wie er dann sein jüngstes Kind, das gute, was ihm zu Hilfe gekommen »var, tot hereinbringt, und »vcint und lacht dabei — David Brod! Am Versöhnungstage habe ich niemals so geiveint, und wie meine arme, gute Mutter gestorben ist, habe ich. auch nicht so geiveint, »veil ich mir vorgcstrüt habe, nun ist sie von ihren langen, schnüren Leiden einmal i befreit, und solche Schauer habe ich niemals empfunden.! Lebendiger Gott, »vie groß ist der Mensch! Wie ich! aus dem Theater getreten bin, da kann ich »virklich sagen. | hat sich die Welt um mich herumgedreht wie ein Trenderl in der Hand eines Knaben. Erst in später Nacht, nachdem l ich mich schlaflos »vie ein ^Kranker stundenlang auf meinem Lager geivälzt hatte, ist mit einem Male Ruhe über mich , gekommen. Großer Gott! habe ich zu mir gesagt: Warum j kann i ch das nicht? Warutn können das die tausende s Menschen nicht, die mit mir zugleich im Theater getvesen '.sind? Warum nicht? Du Narr? habe ich mir selbst gcantwortet. Er hat es von Gott, der hat auf ihn einen > Strahl seiner Macht und Herrlichkeit niedcrgelasten, damit i packt er mich an dem Verborgensten des Gemütes! Und »venu icki es auch nicht kann, und Millionen andere nicht,! ivas tut bas, David Brod? Wenn nur der eine das kann, ivas ich und die anderen nicht können! Da ist er ja gleich- - jam für mich ein Dolmetsch und Fürsprecher bei Gott; der eine zeigt, »vie groß der Mensch norden kann, und in ihm , bin ich ja auch groß und ein Künstler — vor Gott!" Nach diesen Worten »var eine tiefe Stille in der Stube > eingctreten; man konnte fast das leise Fäck»eln der Kerzen- : flamme vernehmen. Und »vie eine jähe Lohe war essin des : Vorbeters Seele aufgesticgen. Das Käppchen »var ihm vom Haupte gefallen; er merkte es nicht, daß er barhaupt vor! Feiwelmann saß/! „Ich »veiß, Feilvelmann", sagte er in gedrückter Stimmung zu seinem.Bast, „ich tu Unrecht. »venn ich allzu viel grüble und' nachsinne. Ein anderer, das weiß ich, möchte