Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 11 (8.8.1919)
- Date
- 1919-08-08
- Page
- Seite 116 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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116 « Tüchtigkeit ankomme! Unter allgemeiner Zpstimmung wurde dann folgender Antrag angenommen: Die Stadtverordnetenversammlung beschließt, daß in Zukunft eine Behandlung der antisemitischen Frage von allen Parteien unterbleiben muß. Der D-mer Gemeiv-rbotr. Wie in ven meisten Städten Deutschlands fand auch in Bonn.kürzlich eine P a l ä st i n a w o ch e zu Gunsten des Jüdischen Nationalfonds statt. Sie wurde am Donnerstag, den 24. Juli 1919, durch einen von der zionistischen Orts, gruppe im kleinen Saal des Bonner Bürgervcreins veranstalteten Vortrag des Rechtsanwalts vr. Gidion-Köln eingeleitet. Die Versammlung war ungewöhnlich stark besucht und gewann durch die fesselnden Ausführungen des Redners. die von einer Reihe wertvoller Lichtbilder illustriert wurden, einen lebendigen Eindruck von dem jüdischen Kolonisationswerk in Palästina. Wie dieses für die verelendeten Massen des Ostens zu einer nationalen Heimstätte äusgebaut werden und wie jeder Jude hier durch finanzielle Beteiligung Mitarbeiten könnte, wurde durch die Bilder in recht wirkungsvoller Weise dargestcllt. Ztveifellos hat der Abend wesentlich dazu beigctragen. das Interesse der jüdischen Bürgerschaft von Bonn für das aufblühendc Palästina zu wecken. » « , Gleichzeitig mit dieser Veranstaltung fand hier in Bonn eine SammlungzuGunstendcrPogro ,nopfer und zum Zwecke ihrer Ansiedlung auf dem Boden der Väter statt, zu der sich eine erfreulich große Anzahl junger Studenten zur Verfügung gestellt hatte. Es kam eine recht nennenswerte Summe zusammen,.deren genaue Höhe noch nicht feststeht. da auch die nähere Umgebung Bonns mit einbezogen wurde. Immerhin läßt sich der Erfolg auf rund 7 bis'8000 M. berechnen. Tie genaue Summe wird in der nächsten Nummer veröffentlicht werden: die z. T. recht beträchtlichen Spenden legen für das Solidaritätsgefühl und die Mildtätigkeit der Bonner Juden ein erhebendes Zeugnis ab. Ln. Der Bote erzählt: — Der Karf«nkel. y Bon Leopold A««»rrt. (8. Fortsetzung.) Am andern Tage, der der erste des Laubhüttenfestes war. führte David Brod mit seinem „Baß" die neue Melodie aus, die er von dem polnischen Bettler erlernt hatte. Aber der Erfolg, wir müssen cs gestehen, blieb weit hinter den gehofften Erwartungen zu nick. De Leute, die in by: Synagoge zum Gottesdienst versamnielt waren. schienen von einem Geiste der Zerstreutheit hcimgcsucht, der sie unempfindlich ließ gegen die Neuheit des Gesanges und die Feinheit seiner Aufführung. In den Zwijcl-enpausen des Gottesdienstes war von nichts anderem die Rede als von dein Besuche, den der Graf der Laübhütlc des Vorbetcrs abgeftattet. So lange die Gaffe stand, konnte kein Haus daselbst sich rühmen, unter seinem Tach einen so hohen Gast l«eherbergt zu haben, und nun hatte sich der Graf herabgclaffen. der Laubhütte des Vorbeters. also eines Mannes, der von der Gemeinde lebte, diese Ehre zu beweisen! ( „Ich möchte nur wissen", zischelte und wispelte es hin und l)er, „>vas er sich on de»i schmutzigen und häßlichen Mädchen ausersehen hat? Hast du schon etwas besonderes " f an ihr bemerkt? Ich nicht! Ich weiß nur. daß mir ihre Augen Vorkommen, wie zwei scharfe Messer." „Nun, ihrer Schönheit wegen ist er nicht in der Laubhütte David Brods erschienen", lautete die Entgegnung. „Man sagt aber, er soll sie singen gehört haben, und da hat er gesagt, solch eine Stimme im Munde eines Kindes sei ihm noch nicht vorgckommen." „Ist das ein Wunder?" meinte eine breitspurige alte Frau. „Väter vererben ihre Eigenschaften auf die Kinder, und alle David Brods haben gute'Stimmen." „Man sagt auch, er will sie nach Prag schicken und dort aufziehen laffen." „Ta Hüffe David Brod ausgesorgt für all sein Leben." In solcher Stimmung der Beter zerflatterte die neue Melodie, an die David Brod und sein Baß wochenlang das Beste ihrer Kehlen gesetzt hatten, wie eine Baumblüte, mit der ein unbarmherziger Wind sein Spiel treibt. Als der Gottesdienst zu Ende war. machte sich unter den zur Synagoge Hinausschreitenden das Urteil über David Brod und seinen Genoffen in der herbsten Weise Luft. So schlecht hatten die beiden noch nie gesungen; die neue „Keduschä" war ein Machwerk, mit dem sich allenfalls Leute in einer Dorfgemeinde begnügen konnten, die an nichts Befferes gewohnt waren. , „An allem Hem ist Feiwelmann, der Baß, schuld", ipeinte einer der schärfsten Beobachter aller Vorgänge in Haus und Gaffe, der säbelbeinige Schneider Saul Weißfisch, „was für eine„Ki:änk" hat ihn angefallen, daß er seine Backe nicht me^r mit der Hand hält? Wie soll er da einen gesunden Ton herausbringen? Gott der Lebendige weiß, wo er so was Neumodisches gesehen hat. Es muß ihn ruinieren, und die Gemeinde hat nur davon Verdruß." David Brod und sein Baß merkten es an hundert ■ Anzeichen, daß ihnen die' öffentliche Meinung nicht günstig >var. Sie schlichen sttll und gedrückt nach Hause, und Saul Weißfisch, der säbelbeinige Schneider, hielt es für ein gutes Werk, als die beiden an ihm vorüberschritten, eine recht häßliche Grimaffe ihnen nachzuschicken. Als sie in die Wohnstule kamen, trat ihnen Ella entgegen. in ihren Haaren noch immer den Kranz, den sie gestern von den Blumen des Grafen erübrigt hatte. Sie legte den Kopf unter die Hände ihres Vaters, damit er sie .rbensche". Mit flüsternden Lippen sprach er über das Kind den Segen. Wie seltsam! Nichts in dem Wesen Ellas deutete heute an. welch ein Leben seit gestern über ihr Haupt hinweg gezogen, welche Pforten sich mittlerweile für sie aufgetan hatten! „Nun. Feuvelmann", sagte sie. „was haben die Leute M euch gesagt?" „Was sollen sie gesagt haben?" entgegnete er traurig, mit niedergeschlagenen Augen, „sic haben uns ausgelacht." „Ausgelacht!" rief das Kind mit blitzenden Augen, und seine weißen Zähne schimmerten im Zome durch die Lippen. „Du hast niemals bester, gesungen', Feiwelmann, und auch der Pater nicht." „Wie luciftt du das?" rief der Baß tvahrhaft erstaunt. - „Ich sag' es!" schrie sie laut. Da schlich allmählich, etwa wie die Morgenröte sich entringt dem Schoße der Nacht, ein sonnig behagliches Lächeln über das breit angelegte (Besicht Feiwelmanns, bis cs nach und nach alle Winkel und Seiten desselben mit seinem Glanze ausgefüllt hatte. Nur die Augen machten davon eine Ausnahme; sie n>aren feucht geworden. „Wenn d u das sagst, Ella, meine Perl", rief er, „so »«acht mich das glücklick)er. als »wenn sie zu Tausenden mir die Hand gedrückt hätten. Denn du verstehst es besser als sie alle . . . Gott soll's dir bezahlen!" Trotzdem verging dieser Feiertag in gedrückter, trüber Slnnmuyg für die drei. Nicht nur die erlittene Niederlage, mehr noch das Aussprechen über die Zukunft, wie sie gestern in der Laubhütte aus dem Munde des Grafen ihnen zur Entscheidung vorgelegt worden, schlich wie ein dunkler Schälten hinter ,edcm ihrer Schritte. Keiner wagte während i dieses Tages den Gegenstand zu berühren. J