Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-08-08 · 11 (8.8.1919) · p. Seite 118

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
11 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
Seite 118 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3947615-6435923-6437033--0129-3947732
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

118 » zugreifen mit allen zehn Fingern, wie die Knaben zu tun pflegen, wenn fit mitten auf dem Wege einen schönen roten Apfel finden. Was kann ich aber dafür, wenn mich mein Kopf und mein Herz dazu treiben, mir die Frucht, bevor ich sie einstecke, erst genau anzusehen? Ich sage dir, Feiwelmann,> in dem Apfel steckt ein Wurm!" Was David Brod unter diesem Wurm verstand, das wurde dem Baß nicht alsbald klar. Aber er erfuhr es nicht lange darauf. (Fortsetzung folgt.) Marge,lied. Von M o r d « ch a i Z w i M a n e. Im Ost die Morgenröte spannt^ Ihr Goldnetz an die Himmelswand, Und von den Hügeln weht es leise, leise: Schon schimmert jeder Berg im Strahl. „ Die Schatten fliehen tief ins Tal, Bald liegt die ganze Welt im Sonnenkreise. , Sie kommt, sie steigt! — Die Vogelschar Erwacht und bringt dem Herren dar Süß süßen Sang, die ganze Schöpfung kniet; Die Zweige rauschen leises Flüstern. Es brausen tief die Eichen, Rüstern. Still, horch: Zum Himmel steigt das Morgenlied. Ein Heiligtum die Welt! Die Sonne steht Als heilger Leuchter! Morgennebel weht Als Weihrauch! Berge sind Altäre! Und du. o Mensch? Wo bist denn du. Ter Priester? Schläfst du noch? Ta längst aus ihrer Aufjubelte die Welt zur lichten Sphäre? sRuh Hier bin ich! bin ich! Morgenrot, ich wache! Allein im Hesljgtume weim ich. lache, Und meine Augen fliegen himmelan: Hier steh'"ich einsam auf dem Bergaltar Und bring' mein dampfend.Herz zum Opfer dar: Herr, nimm es an! Und gnädig nimm es an! AuSdem Hebräischen von Emil Cohn. * . sMordechai Zn>i Mane, einer der größte» neichebräischen Dichter, wurde 1859 in Rodoschkowitz im Gouvernement Wilna als Lohn eines blutarmen Melamed geboren, und starb nach einer Jugend bitterster Not und Krankheit, aber bereits anerkannt von allen Verehrern unserer alten Bäterspachc. und in ewiger Hoffnung lebend, an der Schwindsucht, 27 Jahre alt, in den Sukkothtagen 1887 in seiner HcimatSstad». Ter trefflich« Hebraist und ausgezeichnete Jude Leo Scheinhaus in Memel hat das große Verdienst, die Werke seines Freundes Mane im Tuschiahverlag-Warscha» auSgegeben und mit einer vortrefflichen hebräische» Lebensbeschreibung versehen zu haben.) ■ i .. A»» der Kolnttasche gefallen. Hebräische Spruchweisheit. Schande der Provinz, deren Argt selbst am Podagra leidet, und derey Augenarzt einäugig \ift. * * * Lieber ein Glas zu Hause als ein Faß ^us der Feme.' . » Bor den Schlemmer stell' Wein, vor den Bauer Kohl! \ •; * * * Halt' dich an den Parfümeur, so wirst du auch duften. * * * Sieben Jahre währte die Hungersnot, an den Handwerker kam sie nicht. - ' » » + Kriegserlebnis.. In Kowno hatten wir einen Feldrabbiner. Der wurde von der jüdischen Bevölkerung stark in Anspruch genommen und brachte schließlich in halber Verzweiflung einen Zettel an: „Sprechstunden des Feldrabbiners nur von 10—12 Uhr morgens." Ein alter Mann kam darob sehr entrüstet zu mir und sagte: „Für was schreibt er das Blättel? Gott ist für mich zu sprechen bei Tag und Nacht, und der Feldrabbiner hat a Sprechstund??!'r fSchlrmiel 1919 Nr. fc) Hücherfchem. Alter Vogel, eine jüdische Novelle von Saul Kaatz. Verlag,von Louis Lamm, Berlin, 1919.' Preis 8.50 M. ' Xi hinne kachomer . . . Äleich dem Tone, den der Töpfer, wies ihm recht scheint, formt und knetet, sind in GotteS Hand und Macht wir Menschenkinder — unter diesem Motto führt unS der Hipdenburger Rabbiner Saul Kaatz die Srelenwandlungen und inneren Erlebnisse seines Helden Alter Vogel vor. ES ist die Geschichte eineS jungen Juden, eines Klempners, auS Polen,'der in ein Städtchen au der Ostgrenze einwandert. Er ist von einer Frömmigkeit erfüll«, die den Eiferer auch nicht mehr in den Grenren der 'verkehrsüblichen Höflichkeit fich bewegen läßt. Tas begründet die Ausnahmestellung, in der er sich gemeinsam mit Hirsch Kasper, einem ortsansässigen Stockfrommcn, der hinsichtlich der Gesetzrstreue etwas wkithrrrigen Gemeinde gegenüber befindet.. Sein ganzes Tenken und Fühlen wurzelt in den religiösen Borschrifton. der Begriff der Duldsamkeit ist ihm unfaßbar im Gegensatz zu der echt deutsch-jüdischen Umgebung, deren „Frömmigkeit" mehr durch daS Trägheitsgesetz als di« Gottesfurcht zu erklären ist. Bi» die antisemitische Regierung ihn als lästigen Ausländer auSweist und er nach Amerika wandert. Amerika stellt ihn völlig um. Ein Zusam» menstoß mit einem dortigen Frommen lehrt ihn die GesetzeSbeobachtung nicht mehr als das alleinig Maßgebende zu erachten, ein Jrei- Seift bekehrt ihn schließlich zum reinsten Atheismus. Seine neu« iormel lautet: „Meine Hand ist-mein Gott." Er ist inzwischen ein reicher Mann geworden, nach Deutschland zurückgekehrt und steht hier außerhalb deS jüdischen GesellschastSlebens. BiS wiederum ein antisemitischer Vorfall ihn auf sein Judentum zurücksührt und er nunmehr — gar noch von einem Schlcmanfall. der seinen tzand-Golt lähmt, betroffen — in einer beschaulichen, aufgeklärten Frömmigkeit seinen Lebensabend verbringt. — Um der in leicht dahinfließender Sprache geschriebenen Erzählung gerecht zu werden, feien besonders die rührenden Szenen erwähnt, die den Tod deS judenfreundlichen Bürgermeisters im Städtchen und die letzten Tage Hirsch KasperS darstellen. , Tadeln müssen wir zuuächst die völlig unrureichende, unbrauchbare Ausstattung, die der Verlag dem Werkchen gegeben hat. Zu den Äußerlichkeiten gehört eS auch, wenn der Verfasser sich bemüht, durch ein schlechtes Deutsch die jüdisch? Sprach« wiederzuoeven. Ein Satz wie „Offer, ob jener möcht' den hundertsten 2(U können jo einen Maftir hinlegen" ist weder deutsch noch jüdisch noch jüdischdeutsch, sondern nur, häßlich. Ich glaube, der Verfasser hat es sich mit dem seelischen Erleben seines Helden gar zu leicht gemacht. Ein jüdisch stark fühlender Mensch wird sich enttveder nicht durch solche äußerliche Motive auS dem GleiS schleudern lasten — oder er ist zum Helden.einer jüdischen r Geschichte nicht geeignet. Ter Weg zum Atheismus geht über schwere innere Auseinandersetzungen, von denen uns Alter Vogel» Erlebniffc wenig ahnen lasten. Um aber vom Atheismus zur Frömmigkeit zu gelangen, bedarf es doch anderer Lebensschicksale al» einer taktlosen Bemerkung über den Juden im Nebenzimmer. — Im übrigen aber mag einmal die Frage aufgeworfen werden, ob denn in der Tat diese Vorgänge heule noch Gegenstand jüdischer Literatur sein sollen.' Hier ist nicht der Ort, Gegenstand und Wege einer modernen jüdischen Literatur zu behandeln. Jedenfalls aber meine ich. dürften sich unsere Schriftsteller im Wege gesunder Entwicklung von der Behandlung des Judentums als Gegenstand emanzipieren, wenigstens das Motiv ihrer Dichtungen nicht immer den, Konflikten zwischen Judentum und Umwelt entlehnen. Tie Novelle „Alter Vogel" malt in recht gemütlichem Tone das Killeleben unserer Ostgemeinden. Ihr fehlt nicht Humor und nicht die Tragik. Wer einige Stunden recht behaglicher, jüdischer Unterhaltung sucht, greise zu miserm Büchlein. ' ldr. » br. Theodor Herzl's „Judeustoot". besprochen in der Generalversammlung der Chowewe Erez Israel in Krakau am 10. Januar 1897 von Ahron Marcus. Verlag von S. Marcus, Hamburg. Preis 1 M. > Hiermit erscheint die bekannte Rede de« 1916 in Frankfurt als galizischer Flüchtling verstorbenen gelehrten Kaufmannes Ahron MarcuS in ztveitcr Auslage. Marcus hielt die Red« 1897 zur Berleidwung des Herzlschen Buches. ES ist für älle der jüdischen Geschichte Beflissenen von höchstem Reiz, zu beobachten, wie HerzlS Judenstaat schon beim Erscheinen mit den noch heute beliebten Gegengründen zerzaust wurde, wie aber andererseits lener kluge Kaufmann aus Podgorze allen Einwendungen kurz und schlagend, besonder» durch Anführung von Autoritäten au» dem Iührerkrri» der Orthodoxie und deS ChassidiSmuS,- entgegen zu «ketrn weiß. Da» Schriftchen ist jniereffant und entschieden lesenswert, . ldr.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.