Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 11 (8.8.1919)
- Date
- 1919-08-08
- Page
- Seite 115 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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115 O Ende zu treiben scheint, in die Speichen fallen. Welche Kraft muß da ausßelöst werden? Nun wird mim'verstehen, warum ich die Erziehung zum jüdischen Willenso in den Vordergrund rücke. Wir brauchen eben heute nicht nur sog. treue Juden, sondern diejüdischePers ö n l i chk e i t. die im Judentum lebt, webt und ist. nicht nur „das jüdische Herz", sondern den jüdischen Willen, nicht nur eine „Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes, sondern eine jüdischePädagogik, ein jüdisches E r z i e h u n g s i d e a l. das auf den ganzen Menschen geht und auf ein tätiges, freies und glückliches Judentum. Tief durchdrungen von der Überzeugung, daß einem Juden, der kein Jude ist, die tiefsten Quellen menschlichen Glückes ewig verschlossen bleiben, wollen''wir unsern Kindern diese Quellen erschließen und ihnen in ihrem Judentum und aus ihrem Judentum jene hohe Stimmung erwecken, die aus dem Goethewort spricht: „Des echten Mannes wahre Feier ist die Tat." — Wie steht es nun mit dem Verhältnis von Stoff und Methode zu einpnder? Welches mutz die leitende Mee des Religionsunterrichtes sein? Handelte es sich lediglich um einen Unterricht in der Religion, so ließen sich Stoff und Methode wohl von einander trennen. Ta es hier aber um das jüdische Erziehungswerk geht, so greifen beide in einander über und dürfen nicht gesondert behandelt werden. Denn es gilt nicht, einen Komplex des Wisienswerten ..beizubringen". sondern darum geht es, ein Gemüt zu bilden, einen Willen zu wecken, ein Glück zu pflanzen, mit einem Worte: es geht um den ganzen Menschen. Durch das Mittel des als selbstverständlich gegebenen Stoffes der jüdischen Geschichte und Sprache soll ^dieses Werk vollbracht werden. Unter diesen Verhältnissen ist die Frage der Stoffverteilung (Lehrplan), Stoffauswahl oder gar der Stoffbetonung eine rein methodische Frage. Aber nicht nur Stoff und Methode gehören zusammen, sondern auch die verschiedenen Erziehungsziele. Es läßt sich nicht gesondert über die Bildung des religiösen Gemütes und über die Weckung des jüdischen Willens sprechen..! Tenn es gehört zur charakteristischen Eigenart unserer Religion, daß bei ihr das Allerpersönlichste mit dem Unpersönlichsten zusammenfällt. Für jeden Juden ist Israel der Spiegel seiner innersten und eigensten Erlebnisse, das Symbol des Menschlichsten in ihm. Dieses Menschlichste in ihm ist sein Judesein, es ist die Stelle, wo er am sensibelsten ist. So komixit es. daß er, wie man gesagt hat, „Geschichte betet", und da diese Geschichte einen Willen repräsentiert, so sind die religiösen Erlebniffe des Juden Äußerungen eines bestimmten Willens. Darum vereinfacht sich die vielgespal^ tene Frage nach der religiösen Bildung auf die eine einzige Frage nach der Bildung des religiösen Willens. In ihm liegt auch das andere: Gemüt. Empfindung. Sehnsucht. Ehrfurcht und Gehorsam. Und der Erfolg dieser Erziehung wird sich als ein reines und zufriedenes Glück offenbaren. «Schluß folgt.) Mo» Kerg und Tal. __ Sollt. Herr Philipp Marcus, der seit vielen Jahren ehrenamtlich als Schatzmeister der Synagogengemeinde fungiert, beging in seltener körperlicher und geistiger Frische seinen achtzigsten Geburtstag. .Hamm a. d. Sieg. Ein wunderschönes Fest feierte am vergangenen Sabbath Nachamu unsere Gemeinde: das 25jährige Bestehen unseres schönen Gotteshauses. Von nah und fern waren die Freunde und Verwandten der Gemeinde herbeigeeilt, der ganze Westerwald war da. Das Fest begann am Freitag abend mit einem weihevollen Gottesdienst. Herr Rabbiner l)r. Cohn aus Bonn hielt eine kurze Ansprache, in der er ausgehend von dem Gedanken des Trostsabbaths all derer gedachte, die nicht mehr in unserer Mitte weilen, und angesichts der schwindenden Erscheinungen des Lebens die Gemeinde ermahnte, sich an die eldigen Werte zu halten. „Das Gras verdorrt, die Blume welkt, aber das Wort unseres Gottes besteht ewiglich." Der Sabbathmorgen fand das geräumige Gotteshaus überfüllt. Ein schöner, .vierstimmiger Chor, von tüchtiger Leitung geschult und zusamwengehalten, trug stimmungsvoll die alten Gesänge vor. unser Vorsteher, Herr Max Hirsch, betete wundervoll vor, und alles — so der Anblick des durch Herrn Moritz Herz gestifteten neuen Thoraschmuckes, besonders aber auch das Aufrufen des einzigen noch lebenden Vorstehers aus der Zeit des Synagogenbaues, Herrn Max Bär — trug dazu bei, die Gemeinde in die ernste^lndacht zu versetzen» die sie für die Weihepredigt des Rabbiners empfänglich machte. Dieser sprach von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, indem * er aus dem Thorawort: „Vergiß nicht, was deine Augen . sahen!" die dreifache Mahnung schöpfte: „Gedenke, bedenke und'bchalte, was du sahst und sichst!" Die Erinnerung an die Freuden und Sorgen der letzten 25 Jahre, das lebendige Bewußtsein der Gegenwart und eines durch Liebe, Treue und Stolz fest gegründeten Judentums, und die Hoffnung auf eine gute Zukunft für jeden einzelnen, die Gemeinde, Israel, das Vaterland und die Welt sollten jedem diese Stunde weihen und erhöhen. Ein Tank an alle opferfreudigen Spender und ein inniges Gebet "schloffen die Wcihepredigt. — Nachmittags 4 Uhr begann das große Fest im Jüngerschen Saale. Ter Hcynmer Jüdische Jugendverein hatte alle seine^Kräfte mobil gemacht und ein schönes Programm aufgrfftellt. Nach einem von Frl. Bär wirkungsvoll vorgetragenen Prolog hielt Herr Rechtsanwalt vr. Simon aus Mannheim, ein geborener Hammer, eine von echter Gesinnung zeugende Festrede, ein flottgespielter Schwank folgte und ein von drei Damen gemachter lustiger Kaffeeklatsch, der mit fröhlichem Spott die ganze Gemeinde mitnahm, schloß diesen Teil des Festes. Frohe Musik zwischendurch trug erheblich zur Stimmung bei. — Am Abend kam nach 5 Jahren bitterster Zeit die Jugend zum ersten Male wieder zum fröhlichen Rechte des Tanzes, von dem bis in den hellen Morgen hinein ausgiebigster Gebrauch gcinacht wurde. Dabei wurden Sammlungen und Versteigerungen vorgenommen, deren stattlicher Erlös den Hinterbliebenen der Kriegsopfer der Bürgermeisterei Hamm zugewandt wurde. — Alles in allem ein wundervolles, harmonisch verlaufenes, vom schönsten Sommersonnenschein beschienenes Fest, zu deffen Gelingen jeder nach besten Kräften, besonders der Jugendverein, vor allem aber die Gemeindevorsteher, an ihrer Spitze Herr Max Hirsch, der die Leitung des Ganzen hatte, geradezu aufopfernd beitrugen. . Allen Teilnehmern wird der schöne Tag unvergeßlich sein. Puderbach (Westerwald). Ein ruchloses Bubenstück wurde auf dem jüdischen Friedhof verübt, indem von unbekannten Tätern 7 Grabdenkmäler umgeworfen wurden. Auf die Ermittelung der Täter ist eine Belohnung von 100 M. ausgesatzt. Hoffentlich gelingt es. die „Helden", die ihre Kraft an wehrlosen Steinen eines geweihten Ortes erprobten, ausfindig zu machen und dem Richter zuzuführen. Aus dem Bergischen Lande. Zu einer erregten Szene, die nicht uninteressant für iveiterc Kreise sein dürfte, führte die Stadtverordnetenversammlung in Elbe r f e l d. Seitens des Stadtverordneten W i e g e r s - haus, der dsirch seine oft gerügten Ausfälle gegen,die Juden sattsam in der Bevölkerung bekann ist. wurde ein Antrag auf „Aufhebung der Zwangswirtschaft und Einführung des freien Handels" zur Beratung gestellt. Herr Wiegershaus glaubte diese Gelegenheit nicht vorübergehen kaffen zu können, ohne den Juden eins auszuwischen, kam aber auch diesesmal an die falsche Adreffe. Der Stadtverordnete Mar Wahl blieb ihm die Antwort auf seine antisemitisclsin Anzapfungen nicht schuldig. Er antlvortete ihm u. a., daß cs falsch sei, daß in den Kriegsgesellschaftcn oder bei den Schiebern die Mehrzahl Juden seien. Man solle doch nicht vergeffen, daß Tausende von Juden den Heldentod erlitten haben: 700 Juden hätten das Eiserne Kreuz 1. Klaffe und 14 000 das Eiserne''Kreuz 2. Klaffe bekommen. Herrn Wiegershaüs paffe es natürlich nicht, daß die Juden heute wirkliche Gleichberechtigung erhalten hätten und es nun nicht mehr auf Ges i n n u n g s t ü ch t i g ke i t, sondern auf ' S