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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-08-08 · 11 (8.8.1919) · p. Seite 114

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
11 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
Seite 114 (sequence 4)
Language
German
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114 •?n*’-*w55?siEP bestimmte Berufe tauglich sind, zeigt sowohl die jüdische Geschichte als auch ein Blick auf die Judenheit der anderen Länder. Man muß sich die jüdischen Hafenarbeiter von Salonik betrachten und von ihren Tagesleistungen hören, um einen Begriff von der Schwerarbeiterfähigkeit der Juden zu erhalten. Ihre landwirtschaftliche Eignung erweisen die Juden sowohl in den Kolonien Rußlands und Argentiniens,, wie besonders in den neuen, unter Ausnutzung aller modernen Hilfsmittel angelegten Musterkolonien Palästinas. Dem Handwerkerstande gehört die große Masse der russischen Juden (sowie der-amerikanischen in den Städten) an. Das ist hier zum Verhängnis geworden. Ta die Juden im Ansiedlungsrayon zusammengedrängt waren, ihnen aber fast nur Kleinhandel und Kleinhandwerk offen stand, so verarmte man durch eigene Konkurrenz. Die Folge j war. daß eine unverhältnismäßig große MenAc. eigentlich > erwerbslos. aufGelegenhcitsverdienst angewiesen sein mußte. \ Brodowski berichtet, daß von den 150 000 Juden in Odessa i im Jahre. 1900 annähernd 50 000 Armenunterstützung ge-! nießen mußten. j Im Vordergrund aller jüdischen Berufe steht der Hanj bei, folgt das Kleinhandwerk, die sogenannten freien- Be-! rufe, Gewerbelose (wozu die Rentner usw. zählen), endlich. ,i in ganz geringem Umfange, die Landwirtschaft. In Deutsch-! land waren im Jahre 1907 tätig*) im Handel 50% aller Juden, im Handwerk und als Arbeiter 21 %, in freien Berufen (Anwälte, Ärzte. Lehrer. Schriftsteller usw.) und Beamtenstcllen 6.5%, ohne Gewerbe 19°/0, als Landwirte 1,2% (gegen 10% Richtjuden im Handel und 32% in der Landwirtschaft!). _l Wir wissen, daß der Aniisemilismus nicht die Folge, vielmehr eher die Ursache dieser Erscheinung ist. So kann auch die Rücksicht auf ihn unsere Stellungnahme in der j Frage der Berufsgliederung der Juden nicht beeinflusien. \ Rein, eigene, innerjüdische Gründe sind cs, die eine Reform | verlangen. Tie Juden müsien notwendig bei der Berufsj wähl erheblich stärker zu produktiven Berufen greifen, einer-! seits um der körperlichen Degeneration entgeg^nzuarbciten,! anderseits um der gefährlichen Arbeitsunlust die Spitze abzubreclten, endlich aber und vor allem deswegen: eine Gruppe von Menschen, von der kaum 10% Anteil hat an produktiven Berufen, wird auch keine Leistungen auf geistigem Gebiete auf die Tauer aufweisen können. Geistiges Schaffen ist im Boden verwurzelt. Ter große Kulturspender ist die Erde. Vereinigt mit dem Land, organisch eingefügt in alle Arbeitskreise kann der jüdische Geist fruchtbar und selbständig werden. Tie Umschichtung der jüdischen Berufe ist daher nicht nur die Existenzfrage der Judenheit, sondern. erst recht des Judentums und seiner Bedeutung für die Welt. Meder StrUmig and Grenzen de» jüdischen Krltgionr- »uterrichtes. von v « i I tf o | n. (Sottfcjjung.) Es hat den Anschein, als wollte er es nicht. Fürs erste sieht er überhaupt noch nicht, daß da eine Krone zu erben ist. Alles, tvas über den jüdischen Unterricht bislang gerieben wurde, ist ohne Wert, weil es den Kernpunkt der Frage nicht erfaßt hat. Was besagt es denn, tvenn es'in der einen Methodik*) heißt, daß es „die Aufgabe des jüdischen Religionsunterrichtes sei, das heranivachsende Geschlecht in der Liebe zu Gott und den Mensäjen nach den jeweiligen Überlieferungen der Bekennerschaft zu erziehen, damit sich in ihm die Glaubensgemeinde allmählich verjünge und erneue?" Oder in der anderen -), daß es darauf ankomme, „echtjüdische Persönlichkeiten heranzubildcn, die das Juden- *) Bergt. Arthur Ruppin. „Tie Juden der Gegenwart", Berlin, Jüdischer Verlag — ein unentbehrliches Buch zur Betrachtung der gegenwärtigen jüdischen Verhältnisse. I> MaybaumS Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes, Teile 12. 2> Berger: Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes, Leipzig .1911, S. 4. tum im Zusammenhänge mit seiner großen und heiligen Vergangenheit und in religiös-sittlichem Sinne betätigen?" Damit ist doch im Grunde nicht mehr gesagt, als daß es die Aufgabe des Religionsunterrichtes sei, religiös zu machen. Eine Selbstverständlichkeit. Ein entsetzliches Bekennen der Tatsachen, wenn man an das Herzblut denkt, das wir, das unsere Kinder täglich, stündlich um unser Judentum vergießen müsien.. Man wird mir einwenden, daß die beiden angeführten Zweckbestimmungen auch meine Forderungen einschlössen. Mit Verlaub, sie tun es nicht. Und ich möchte hier ein für allemal mit aller Schärfe und sogar auf die Gefahr hin, von Toren mißverstanden und von Ubelmeinenden mißdeutet zu werden, ein pädagogisches Bekenntnis oblegen.: Ich bin in löjähriger ununterbrochener pädagogischer Betätigung zu der Erkenntnis gekommen, daß religiöses Wisien allein nicht imstande ist, ein Kind glücklich zu machen. Einem jüdischen Kinde zumal ist der Stachel noch lange nicht aus dem Herzen genommen, wenn man ihm klar macht, warum es ins Herz gestochen wurde: und selbst, wenn es weiß, daß es ein hohes Ideal ist, für das es zu leiden hgt. glücklich ist es daruin noch immer nicht. Und kann es nicht sein. Keinem Kinde ist auf die Tauer die Notwendigkeit eines Martyriums plausibel zu machen. Es ist nicht züm Heroismus geschaffen, ebcnsolvenig wie der Erwachsene. Martyrium ist immer ein Unglück. Es handelt sich nicht darum, den Kindern für eine kurze Stunde mit der „großen Leidensgeschichte Israels" zu imponieren, sondern darum handelt es, sich: Lustgefühle in ihnen zu erwecken, sie schlicht und einfach zu überzeugen, daß diese Welt, die ihnen nur zu oft vergällt wird, auch für sic eine liebe, schöne und sonnige Welt sei. Sie zu überzeugen? Rein, sondern sie ihnen dazu zu machen: sondern ihnen ihr Judentum zur täglichen und stündlichen Freude, zum wahrsten Lebensgenüsse zu machen. Kinder wollen sich amüsieren. Man wird verstehen, was ich ineine, wenn ich burschikos hier hinschreibe: Sie sollen sich auch in und mit ihrem Judentume — amüsieren können. Roch weniger aber als vom Glück der Kinder wisien unsere Methodenlehren von einer Erziehung zum tätigen jüdischen Willen. Das geht deutlich aus der Wahl, Betonung und Behandlung hervor, die sie dem Stoffe widerfahren lasien. Alles ist lediglich auf die Bildung des Wissens berechnet, alle Methode geht nur auf die Vermittlung der religiösen Kenntnisse. Wisien aber fällt mehr oder weniger immer ab. Auch der trägste und ünlustigste Lehrer bringt Wisien bei. Einen Willen erzeugt nur ein W i l l e, nur die beherrschte Kraft eines ganzen Mannes kann Männer erziehen. Warum aber vermag der heutige Religionsunterricht diesen jüdischen Willen schlechterdings nicht zu erzeugen? Weil der jüdische Lehrer diesen Willen anscheinend gar nicht für nötig erachtet, weil er immer wieder die Kernfrage umgeht, von der jeder jüdische Unterricht — nicht für die Kinder, aber für den Lehrer — auszugehen hat: Das ist die Frage nach dem Bestände des deutschen Judentums, das ist die Frage: „Was soll werden?" Es erübrigt sich, auf diese Lebensfrage hier Näher einzugehen. Tatsache ist, daß die Frage nach dem „Untergang der deutschen Juden .') bereits öffentlich aufgeworfen worden ist und lauten Widerhall gefunden hat. Es ist kein Zweifel, das deutsche Judentum befindet sich auf dem Abstieg. Kein Vater kann heute mehr für seinen Sohn, geschweige denn ein Lehrer für seinen Schüler bürgen.' Was, soll n>erden? Wer diese Frage einmal als die Kernfrage und die Erhaltp n g des Judentums um jeden Preis als die selbstverständliches Antwort darauf erkannt hat, der wird einsehen, daß.ungeheure Energieen und unerhörte Willenskräfte entfaltet werden müsien. daß es nicht genügt, den Kindern so ein blasies Ideal vom „guten Judentum" einzupflanzen, nicht genügt, ihnen ein mehr oder weniger religiöses Wisien zu vermitteln, sondern daß es nötig ist. ihren ganzen jungen und freudigen Willen auf das eine Ziel zu lenken: Wir wollen dem Rade der jüdischen Geschicke, das heute in unserm deutschen Vaterlande zum 8j vgl. Teilhabers gleichnamige Schrift. s

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