Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 11 (8.8.1919)
- Date
- 1919-08-08
- Page
- Seite 113 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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113 Frankreich. Paris. Alfred Levy, 1908—1918 Großrabbiner von Frankreich, ist im Alter von 79 Jahren verschieden. Rumänien. Bukarest. Allen Juden in Rumänien soll jetzt die ruj manische Staatsangehörigkeit gewährt werden. Man! nimmt an, daß nach der nunmehrigen Regelung der Frage! an 800 000 Juden rumänische Staatsbürger werden. Kopenhcmen. Me Judenheit Rumäniens verhält sich s dem Königlichen Dekret gegenüber sehr mißtrauisch und verlangt staatsgesetzliche allgemeine Erteilung der Bürger- , rechte.! . Wien. Me gesamte rumänische Öffentlichkeit verhält I sich dem sog. „Judenpunkt" im Friedensvertrag gegenüber; ablehnend. Bratianu will nach wie vor nichts davon > hören. — Es heißt Bratianu werde zurücktreten, der Nach- 1 folget: sei Take Jonescu. Unser Mißtrauen rumänischen Versprechungen gegenüber erweist sich wiederum als berech-! tigt. Me Lage der rumänischen, insbesondere der besiarabischen Juden ist trostlos. Neuerdings komint die Nachricht, der rumänische Kronrat habe befchlosien, den Friedensvertrag in seiner Gesamtheit zu unterschreiben. Ruhlmw. Nach einer Meldung des „Haint" hat die Sowjetregierung sämtliche jüdische Kultusgemeinden in Rußland aufgehoben und ihr gesamtes Gemeindeeigentum, Stiftungen, Fonds. Inventar in Regierungsbefitz übergehen lassen. (?) . jjHeberfonbe. Amsterdam. Der Vorstand der Gemeinde hat zum ' Nachfolger des nach Groningen berufenen Oberrabbiners; Ascher den Dozenten I. Maarsen gewählt. Spanien. Madrid. Am 29. Juli beging Max Nordau hier seinen 70. Geburtstag. Der gefeierte Schriftsteller der „Konventionellen Lügen der Menschheit", des „Doktor Kohn", einer der bedeutendsten jüdischen Redner der Gegenwart, lebt seit einigen Jahren in Madrid, da er Paris verlaßen mußte, um den Anfeindungen zu entgehen, denen er dort! als ungarischer Jude ausgesetzt war. In Anerkennung .feiner ungeheuren Verdienste um die jüdische, insbesondere die zionistische Sache, hat der Jüdische Nationalfonds beschlossen, ihm zu Ehren in Palästina eine Nordau-Stadt zu gründen. Lettland. Libau. Das neue lettische Kabinett setzt sich zusammen aus 6 Letten, 3 Palten,.einem Julien und einem Ruffen. Mr jüdische Kandidat ist der Advokat vr. P. Mintz. f In Libau ist ein jüdisches Knaben- und ein Mädchengymnasium eröffnet worden. Unterrichtssprache ist im allgemeinen russisch, für jüdische Fächer hebräisch» Jüdische Gegemvarlssragen. Von Georg Landauer. [ fl in. Die Berufsfrage der Juden. Jüdische Gegenwartsfragen --- mit demselben Recht dürfte man auch sagen: Fragen der jüdischen Vergangenheit. Wenn das gegenwärtige Zeitalter uns Juden Problemen gegenüberstellt, die wir durchdacht und verstanden haben müsien, um ihrer Lösung näher treten zu können, so kommt das daher, daß uns die Geschichte solche Verhältnisie gebracht hat, wie sie normalen Lebensbedingungen nicht mehr entsprechen. Unsere Vergangenheit ist unser Ruhm, unser Stolz, aber unsere Vergangenheit lastet auch auf uns. Dabei wollen wir jedoch abrücken von allen denjenigen Juden, denen unsere Vergangenheit gerade eine Entschuldigung ist für ihre Untugenden; denn diese Leute, bitten um Nachsicht für ihre Unarten rpit der Begründung: Verzeiht, wir find ja Juden! Nicht das ist das Schwere unserer Geschichte, daß wir uns schuldbewußt dahinter verschanzen dürsten, sondern vor so schwere Aufgaben stellt uns das Erbe der dahingegangenen Geschlechter, wie sie nur'ein ganzer Mensch, will sagen, ein selbstbewußter Jude zu lösen in der Lage ist. Hier zeigt sich eine Ironie der Weltgeschichte. ES ist wahrlich nicht das Verschulden der Juden, wenn ihre Lage heute der Umgestaltung bedarf. Es ist in der Tat nicht uns zum Vorwurf zu machen, daß daS jüdische Volk nicht in demselben Uinfange Teil hat wie die andern Völker an dem großen Weltbetriebe wirtschaftlicher und geistig-kultureller Produktion. Wir geben uns ja keiner Täuschung darüber hin: wir sind auf bestimmte Gebiete geistiger und ökonomischer Betätigung festgelegt. Aber wir sind darauf festgelegt worden. Und nun kommt jener unbelehrbare, aus Verteidigungsgründen zum Angriff übergehende Antj.- jemitismus (der Mutschland bereits in den Augen der übrigen Kulturmenschheit lächerlich und verächtlich macht) und rechnet uns als unfere Sünden vor. wir überlasteten einige Berufe. Gerade dieselben Scheinheiligen aber sind es, die geflissentlich alle Berufe „judenrein",zu halten bemüht sind. Ta tut es not, daß der Jude sich mit seiner eigenen Lage vertraut macht. Aus äußeren Gründen — um jenen unberechtigten Angriffen entgegentreten zu können und um jüdische Interessen unter allen Umständen wahrzunHmen. Aus persönlichen Gründen — um nicht, wie wir es leider täglich beobachten, in denselben Fehler zu verfallen, selbst der jüdischen Sache mit Mißtrauen gegenüber zu stehen; um vielmehr jüdischen Stolz und jüdisches Selbstbewußtsein sich zu erhalten. Aus öffentlich-jüdischen Gründen — um in der Lage zu sein, mitzuarbeiten an der Besierung, dem durchgreifenden Wiederaufbau der jüdischen Verhältnisie, sowohl der Gcsamtjudcnheit wie des eigenen, engeren Kreises. Bekanntlich haben die Juden mit Palästina auch die I Landwirtschaft aufgegeben. Man kann sagen, daß der Verlust des Staatswesens die Juden nicht im entferntesten so aus der tzejunden Entwicklung geworfen hat wie das Schwinden des Bauernstandes, die Loslösung der Juden vom Boden. Als Kaufleute gingen sie hinein in die Diaspora, als die nichtjüdische Umwelt noch gänzlich eines Händlerstandes entbehrte. Noch waren also die Juden ein pasiendes Glied im Gefüge der öffentlichen Wirtschaft. Als aber im Mittelalter mit den Städten der Bürgerstand, d. h. die Krämer und Handwerkergilde, hochkam, da schloß man die Juden aus. ließ sie nicht zu den Zünften zu, verbot ihnen, gewisie Berufe und drängte sie so in den (nach Kirchenregeln zwar mißachteten, aber dennoch gern auch von Nichtjuden; ausgeübten) Beruf der Gcldverleiher und Zwischenhändler hinein^ Erst mit dem Abbau des mittelalterlichen Wirtschaftslebens traten die Juden in den angesehenen höheren Kaufmanns- und Unternehmcrstand ein. Geistige, freie Berufe hatten die Juden nur im Judenviertel, im Ghetto, ausgeübt, in erster Linie ja den des Lehrers und einigermaßen zqhlreich auch den ärztlichen Beruf. Als aber mit der Emanzipation sich alle Berufe den Juden hätten öffnen sollen, da standen dem zwei Hindernisse im Wege. Einmal die Eifersucht der Umgebung, die den unerwünschten, recht begabten Konkurrenten nicht zulasien wollte, ihn vielmehr als Einbringung befehdete, anderseits die bei den Juden erfolgte Einstellung auf geistige Berufe. Mr Kaufmannsstand nahm sic aus wirtschaftlicher Notwendigkeit auf. Zum akademischen Beruf machte» sich bei den Juden selbst keine Widerstände geltend. Jetzt, rächte sich die einseitig erfolgte Berufsschichtung der Juden: der Landbesitz war erstens verteilt, ein jüdischer Bauernstand hätte keinen Platz in Westeuropa gefunden; sodann aber trat die natürlicherweise entstandene Abneigung gegen schtver arbeitende, körperliche Berufe zutage. Der Erfolg ist die gegenwärtige Berufslage des jüdischen Volkes, die wir mit einem Worte als seine Krankheit^bezeichnen können. Daß^es den Juden möglich ist, sich in allen Berufen zu betätigen, daß sie also von Patur aus nicht etwa nur für