Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 10 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 103 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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103 aut und glücklich zu machen, frevelhaft dajüdisch« Hans des ererbten nämlichen Rechtes. Wenn der König sei« Krone auf die Gasse geworfen hat. ^st derjenige König, der den Mut hat. die herrenlose aus dem Staube zu nehmen und sich auszusetzen. Wftd der jüdische Lehrer seine Pflicht einsehen. diesen königlichen Mut zu haben?- lSchluß folgt.) Mische Gr-e»»art»ftige>. Äon Bcorg Landauer. II. Jüdische Jntereffen. r Am 5. Februar 1840 verschwand in D a m as k u s der Kapuzincnnönch Thomas. Die Juden wurden des Ritualmords beschuldigt, und unter der schützenden Hand des ftanzösischen Konsuls Ratti-Menton setzte die unmenschlichste Judenverfolgung ein, die der Orient seit einem Jahrtausend gesehen hatte. Die sieben angesehensten Juden wurden verhaftet und gezwungen, oh« Nahrung zu sich zu nehmen >md vor allem ohne schlafen zu dürfen, sechsunddreißig Stunden lang unter militarisier Bewachung auftecht zu stehen, nachdem man ihnen die Bastonnade hatte angedeihen lasten. Ter Gouverneur Scherif-Pascha liest ungefähr sechzig Kinder aus jüdischen Familien holen, um sie so lange hungern zu lasten, bis die Eltern den Ritualmord eingestehen möchten. Und dann kam die Folter, der RaubzuK» ins Judenviertel und der Mastenmord. Natürlich grifsi man auf die üppige Literatur zurück, die den Talmud als" den Anstifter der jüdischen Greueltaten darstellt, verbreitete sie in arabischer Übersetzung, und als der Pöbel genügend aufgeregt war, wurde die Untersuchung geschlosien, die Judenschaft für schuldig befunden und abgeurteilt. Zur selben Zeit spielte die Ritualmordaffäre von R h o d u s. So nwr ganz Vorderasten damals der Schauplatz der wüstesten Judenverfolgungen. Das selbe Jahr 1840 hat auch die Rheinlande nicht im Reigen der Judenhetzer fehlen lasten. Ein neunjähriges Mädci-en in Jülich sollte von einem Juden angefallen und gestochen worden sein. Die Erregung war groß. Aber es stellte sich heraus, daß man eine Stelle am Leibe dieses Mädchens mit Blut bestrichen hatte, um eine Wunde vorzutäuschen! » Da endlich wurden auch die wohlhabenden Juden Westeuropas aufgerüttelt. Nicht eher als bis sic merkten, daß cs an ihren eigenen Leib ging. Und nun freilich erhob sich der Sturm der Entrüstung. Als man sehen mußte, daß man als Jude auch Angriffen ausgesetzt >var, erwachte das abhanden gekommene Solidaritätsgcfühl. Natürlich, so lange man es selber gut hatte, kümmette einen nicht der Zusammenhang mit dem Judentum der übrigen Welt. Man ging völlig in lokalpatriotischen Interessen auf und jüdiscl-c Jnteresten durften nur soweit gelten, als es eben räumlich und durch Landesgrenzen beschränkte Jntereffen zu sein schienen. Das wurde jetzt mit einem Male anders. Schon lange tvar' die Einl)«lligkcit im Gesamtjudentum nicht mehr so stark und schön zutage getreten. Tie österreichischen I u d e n ivandten sich an Metternich, der nun durch wahrheitsgemäße Berichterstattung m den Zeitungen die Lügenmeldungen Ratti-Mentons entlckrvie. x \ Adolf Crömieur wurde als Vertreter der fraffzö- 'fischen Juden vom Könige Louis Philipp,empfangen und protestierte gegen die judenfeindliche P.olitik Thiers' und seines Konsuls in Damaskus. Tie holländischen Juden ivaren durch den Amsterdamer Orthodoxen Hirsch Lehren vertreten. Besonders erfolgreich aber war die Tätigkeit der englischen Juden. Hier standen unter anderen Moses Montesiore und der Baron 91/ Rothschild für die jüdische Sache ein. Lord Palmerston übernahm im Aufträge der englischen Regierung den Schutz der jüdischen Jntereffen. Unter seiner Autorität ist es denn Crömieur und Montesiore gelunoeiu Licht in die Damaszener Vorgänge zu bringen und die Freilassung der Gefangenen zu erwirken. Die Juden der Welt waren aufgerüttelt. Man besprach wieder jüdische Interests». So haben die trüben Ereignisse des Jahres 1840 doch noch einige guten Folgen gehabt. Charles Netter, Narciffe Leven u. a. gründeten. 1860 in Paris zusammen mit Adolf Crömieux die „Alliance'israölite universelle" mit dem Programm, am Fortschritte der Juden tätig zu sein und wirksaiwch^jüdffchen 'Gesamtinteresten zu vertreten Lin Jahr später entstand eine große amerikanische Vereinigung zu demselben Zweck. 1871 organisierten sich englische Juden in der A. I. Äs. (Anglo-Jewish-Association), um in Zusammenarbeit mit der Alliance JsraÄite Universelle den Schutz der alljüdischen Jntereffen zu übernehinen. Ähnlich geschah es in mehreren anderen Ländern noch. Insbesondere breitete sich die A. I. A. über einen erheblichen Test der Judenhcit aus. Und heute? Eines^chat sich geändert und eines ist dasselbe geblieben. Erloschen ist wieder der Zusammenschluß der Juden, am Leben erhalten hat sich die Feindschaft gegen die Juden. Es ist hohe Zeit, hier Klarheit zu schaffen und endlich wieder den gelockerten Zusammenhang im jüdischen Gefüge herzustellcn. Es ist aus dem Gedächtnis geschwunden, was den Juden init dem Juden verbindet, vor allem ging die Erkenntnis verloren, daß jüdische Jntereffen auf dem Spiele stehen, daß jüdische Jntereffen vor allen Dingen Arbeit, ' Mitwirken, bewußtes Eintreten verlangen. Aber die jüdische Geschichte ist nicht arm an solchen Momenten, wo das Erschlaffen des Gemeinschaftsbewußtseins die größten Gefahren über die Judenheit heraufbeschworrn hat. Und dadurch Hab dann die Geschichte erneut stets dahin geführt, durch eine bevorstehende oder gar schon hereinbrechende Katastrophe den Juden der verschiedenen Länder wieder ins Gedächtnis einzuhämmern, daß auch sie noch Teile des Gejamtjudenlums sind, daß ihr Platz in der Reihe aller andern jüdischen Kämpfer ist. daß die Interessen der G e s a m t j u d e n h e i t i h r e e i g e n e n Interessen sein in ü s j e n. 1 Wie konnte cs auch nur kommen, daß die jüdischen Jntereffen heute keine Weltiniereffen sein sollen?^ Furcht vor dem Antisemitismus Hai hier die jüdische Stellungnahme diktiert. Weil man Angriffe der Chauvinisten im eigenen Lande besorgte, Neil man dem Vorwurf, international zu sein, ausireiclwn wollte, weil man glaubte, den momentanen Lokalnalionalismus nur jo belveisen zu können, trenn man einen allgemeinen jüdischen Zusammenhang bestritt, ivenn man das Band zu zerschneiden sich bemühte, das alle Juden umschlingt, selbst die flauen und unwilligen. ' Ties Stieben ist aber umsonst. Es erübrigt sich, die ganze Veriocrflichkeit jener Gesinnung darzulegen, es genügt zu zeigen, wie vergeblich die Versuche sind, das Indem tum im eigenen Lande leben zu lassen, den die Juden der ganzen Erde aber umfassenden Ring zu durchbrechen. Denn die bloße B e h a u p t u n g, sich außerhalb der Gesamt-* judenheit stellen zu wollen, genügt doch allein noch nicht. Hineingeboren ins Judentum, ist der Jude damit verknüpft auf Gedeihen und auf. Verderben. So n>enig wie der Wunsch, nicht mehr Sohn meiner Eltern sein zu wollen, mich iir Wirklichkeit der T a t j a cl>e. ihr Kind zu sein, ent- , hebt, so wenig aber kann eine solche Absage an das Elternhaus auch meine moralischetr Verpflichtungen lösen. Jude sein heißt Jude sein müssen — dann aber auch schon: g a nz c r Jude sein wollen. Und selbst t«nn cs den weniger verantworiungsbcwußten Juden leichter fiele, ihre inneren Beziehungen zur Gesamtjudenheit zu leugnen, jü ist immerhin die Umwelt stets eifrig genug dabei, das Gedächtnis und das Getviffen zu stärken. Die Menschen der uns umgebenden unsilbischen Kreise sind sich des Weltjudentums wohl bewußt und sind noch nicht müde geworden, dies sowohl öffentlich zu crklät ren wie auch Taten folgen zu lassen. 1 Damit beginnt das aufrichtig traurige Kapitel in diesem Thema. Wir müffrns ja jetzt wieder erleben. In Polen