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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-08-01 · 10 (1.8.1919) · p. Seite 102

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
10 (1.8.1919)
Date
1919-08-01
Page
Seite 102 (sequence 4)
Language
German
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tätigfeit, das Ziel. die Schüler durch Erziehung in Gottes Bort zu charaktervollen christlichen Persönlichkeiten heranzubtldcn, die - sich befähigt erweisen. dereinst durch Bekenntnis und Wandel und namentlich auch durch lebendige Beteiligung am kirchlichen Gemeindeleben einen ihrer Lebensstellung entsprechenden heilsamen Einfluß innerhalb unseres Volkslebens auszuüben." Ich habe die Borte „unterstützt von deren Gesamttätigkeit" unterstrichen. Sie besagen, daß der Staat den christlichen Religionsunterricht nicht als ein Fach unter Fächern betrachtet wissen will, sondern als eine Art ..überfach". als die Krone allen Unterrichts. Die ganze Erziehung soll in christlichem Geiste erfolgen. Der Staat gehr also offenbar in diesem Geiste die einzige und sichere Gewähr.-glückliche und für ihn und seine Erhaltung nützliche Bürger zu erziehen. ' Allein aus dieser Tatsache erhellt schon, daß der jüdische Religionsunterricht auf einen ganz anderen Boden gestellt ist als der christliche. Zwar hat der Staat auch die Synagogengemeinden verbunden, „solche Einrillungen zu treffen, daß cs keinem jüdischen Kinde während des schulpflichtigen Alters an dem erforderlichen Religionsunterricht fehle')". Er hat sogar gesorgt, daß an seinen Schulen. falls die erforderliche Anzahl von Schülern vorhanden ist, dieser Unterricht erteilt werde. Sein Interesse daran dürfte sich wohl aber mit der Auffasiung erschöpfen, daß jüdischer Religionsunterricht immer noch besser als gar keiner sei. Jedenfalls ist der jüdische Religionsunterricht offensichtlich beiseite gestellt, während der christliche sich gewissermaßen über sämtliche Fächer erstreckt. Da mithin die jüdischen Kinder, die doch fast alle christliche Schulen besuchen. den Einflüsien des christlichen Geistes ununterbrochen ausgesetzt sind, so muß der jüdische Religionsunterricht viel stärkere ideale Werte in die Wagschale werfen als der christlich^ nötig hat. Seine Aufgabe ist es. die christlichen Einflüße im Unterrichte auszuschalten und durch starke Gegengewichte auszugleichen. Dazu kommt noch etwas anderes, was dem jüdischen Unterricht viel iveitere Grenzen zuweist als dem christlichen und ihnl überhaupt einen ganz besonderen Charakter verleiht: Das ist die politische und soziale Lage der deutschen Juden. Diese ist mit einem Worte gekennzeichnet. wenn wir feststellen: Wir Juden sind eine Minorität. Wir sind seit unserer Zerstreuung immer eine getvcsen. So lange wir aber im Ghetto lebten, war dieje'Tatsachc nicht von so starker und ivesentlicher Wirkung auf uns wie heute. Damals lebten >vir ja fern von den Einflüsien, im großen und ganzen auch fern von der Verachtung der Majorität. Wir waren sozusagen gar keine Minorität, weil man von eitler solchen nur sprechen kann, wenn eine Majorität daneben steht, und beide. Majorität und Minorität gegeneinander stimmen. So war cs doch aber damals nicht. Tie Minorität n>ar vielmehr von der Majorität durch eine Mauer geschieden. Heute leben wir, die Wenigen, unter und mit den Bielen. Heute sind wir wirklich eine Minorität. Damit ist aber alles gesagt, all unsere 9fot und all unsere Gefahr. ' Es ist nicht angenehm, ununterbrochen in der Minorität zu sein, vor allem nicht, wenn man nie, ich betone, niemals die Aussicht hat. in die Majorität zu kommen. In diesem danken liegt eine furchtbare Hoffnungslosigkeit. Dazu kommt, daß zum Wesen der Majorität immer die Brutalität gehört mid die Minorität immer ihr Prügelknabe wird. Das ist also die Lage, in der wir modernen Juden uns befinden. Wir fühlen es auch selber sehr tvohl. Der Zug der Provinzjuden nach der Großstadt beiveist das gut. Er ist nichts anders als die Sehnsucht der Minorität, eine Majorität zu werden. Der Durchschnittsjude wird sich immer dort am wohlsten fühlen. wo der Prozentsatz an Juden der größte ist. 1) Gesetz über die Berhältnisse der Juden vom 23. Juli 1847 8 62. Aber nicht nur die Erwachsenen, auch unsere Kinder kommen um diese Erfahrung nicht herum. Sei der Geist ihrer Schule noch so gerecht, der Bille ihrer Lehrer noch so gut. das jüdische Kind erlebt doch den Augenblick, wo ihm klar gemacht wird, daß «S in der Minorität ist. Ein Wort auf der Gasie, ein Spott auf dem Schulhof, ein Nichteingeladenwerden. und das Elend ist da. Einmal vielleicht nur, aber das eine Mal genügt fürs Leben. Es ist ein Unglück, wer kann's bestreiten? Ein zehnfaches Unglück, wenn man daran denkt, daß es Kinder trifft. Und doch ist es. wie wir feststellten, die klare Aufgabe aller Erziehung, nicht bloß tüchtige, sondern auch in sittlichem Sinne glückliche Menschen zu schaffen. Was tut die Schule, um diese höchste Aufgabe oller Erziehung an ihren jüdischen Kindern zu erfüllen? Nichts. Was kann sic tun? Nichts, sogar dann nichts, wenn sie an die Stelle des christlichen Erziehungsideals ein allgemeines soziale- und humanes setzen wollte. Denn sie kann die Tatsache nicht wegräumen, daß wir «ine Minorität im Lande find. So bleibt nichts übrig, als daß die Minorität selbst besorge, was der Staat ihr weder bieten kann, noch will. Damit erweitern sich also die Grenzen des Religionsunterrichtes, er hört auf, nur das zu sein, waS sein Name besagt: „Unterricht in der Religion." Es erwächst für ihn di« Aufgabe, an den jüdischen Kindern das letzte Ziel aller Erziehung zu erfüllen: sie zu glücklichen und harmonischen Menschen zu machen. Wie das zu geschehen hat, soll später gezeigt werden. Hier genüge die Feststellung, daß die öffentliche Schule ihre weitaus wichtigste Aufgabe in bezug auf die jüdischen Kinder nicht erfüllt, sondern dem jüdischen Lehrer überläßt. Etwas anderes tritt hinzu: Es ist nicht blcß für den einzelnen eine Not. zu einer Minorität zu gehören, sondern auch für die Gesamtheit eine Gefahr. Oder richtiger: Weil es für den einzelnen eine Not ist, darum ist cs für die Gesamtheit eine Gefahr. Tie Minorität muß immer auf dem Qui vive sein. Sie vermag ihre Mitglieder nicht so festzuhalten wie die Majorität. Die Majorität zieht an, die Minorität stößt ab. oder, um eine Tatsache der Be- N'egungslehrc als Bild zu benutzen: Tie Majorität wirkt immer zentripetal, die Minorität zentrifugal. Aus dem einfachen Grunde, weil immer diejenige Gruppe ihre Mitglieder am leichtesten zu halten vermag, die das größte Glücksgefühl auszulösen vermag, und das ist immer die Majorität. Es eriveckt immer Lust, zu den Bielen zu gehören. Die Minorität muß. ehe sie zur Lust gelangt, starke psychische Hemnimigen des einzelnen überwinden, sie muß zu ihrer bloßen Erhaltung schon große Energien aufwenden. die Btajorität so gut irne keine: Daraus folgt wieder etwas Neues für den jüdischen Unterricht: Der christliche geht lediglich auf die Bildung des, religiösen Bewußtseins, er wendet sich an das Gefühl des Kindes und nur insofern an den Willen, als das Endziel in „Bekenntnis und Wandel" besteht. Der jüdische hingegen muß sich neben der einfachen religiös-sittlichen Bildung des Gemütes auf die Lösung und Entfaltung von Energien nerfen, auf, die Weckung und Bildung eines jüdischen Willens, und zwar nicht bloß eines Willens, der sich im Bekenntnis erschöpft, sondern eines aktiven jüdischen Willens, der allein die Erhaltung der Minorität verbürgen kann. Das Judentum braucht heute entschiedene Naturen, Willens- und Schaffenskräfte. Sie zu ivecken, zu bilden, zu vollenden, ist der Religionsunlerricht berufen. Zweierlei hätten wir also festgestellt: Tie Isolierung unseres Religionsunterrichtes in den Simultanschulen, und | seine umfassende-erzieherische Aufgabe. Sie verlangt von! ihm neben der Bildung des religiös-sittlichen Gefühls, die I Bildung eines entschiedenen aktiven jüdischen Willens, und i neben der Bennittlung jüdischen Wissens die Pflanzung. Pflege und Vollendung menschlichen Glückes. Verlangt es j und kann und muß es von ihm verlangen, weil dieses Glück - das jüdische Haus heut nicht mehr bietet, und Schule und Staat unseren Kindern nicht bieten will. Leichtsinnig be- > gibt sich hier der Staat seines edelsten Rechtes, seine Bürger

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