Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 9 (25.7.1919)
- Date
- 1919-07-25
- Page
- Seite 91 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3947615-6435923-6437030--0100-3947705- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
% .SPS- «p-L-v ■ ' 7 i.-r, CMJi'f- -i?---- m — 91 — Gedächtnis Mendelssohn-, wenn man ihn für die Bildung und Aufklärung seiner St-mmesgenossen verantwortlich macht? — Der Te»peidra»t. Bon Flavin - Iosephu »'). FlaviuK JosephuS, mit seinem jüdischen Namen Josef den Matthias iaeb. 37, gest. um 97) ist der Zeitgenosse und Geschichtsschreiber deS jüdischen Krieges, durch den Judäa im Jahre 70 seine Freiheit, seinen Staat, seinen Tempel verlor. Bon vornehmer priesterltcher Abkunft, erhielt er eine gute Erziehung, kam frühzeitig nach Rom, wo er die Gnnst der Kaiserin Poppäa erlangte, und kehrSe, überwunden durch den Glanz des' neronischen HofeS, als vollkommener Römling heim. Doch wußte er durch schlaue Zweideutigkeit die Vertreter der Nation -so zu tauschen, daß sie ihm beim AuSiwuch des Krieges mit Rom die Verwaltung der Provinz Galiläa übertrugen. Sofort machte er sich daran, die Galiläer gegen das ‘ Synhedrium in Jerusalem aufzuputschen und die dadurch entstehende Berwirrpng der Gemüter für sein doppelsinniges Spiel auszunutzen. Als dann Bespasian von Norden her die Eroberung deS Landes in Angriff nahm, muhte er wohl oder übel die Berteidigung von Galiläa in die - fl'"!) nach Rom und lebte dort als FlaviuS JosephuS in Titus Umgebikng, dessen Hokliterat er war. AIS solcher schrieb er zwei Hauptwerke, die >,Jüdischen Altertümer" und den „Jüdischen Krieg", geschichtlich einseitige und völlig unzuverlässige Werke. Immerhin aber die einzigen Quellen jener Zeit. Tie folgend« Schilderung deS Tempelbrandts ist nicht zu bezweifeln. E. 0. * * ' Tags darauf beorderte Titus die Offiziere zu sich, von denen zunächst die sechs vornehmsten zusammentraten: Nämlich Liberins Alexander, der Oberbefehlshaber der gesamten Streitkräfte, Sextus Ccrcalis, der Anführer der 5., Larcius Lepidus, der Anführer der 10., Titus Phrl)gius, der der 15. Legion, ferner Liternrus Fronto, der Präfekt der beiden alexandrinischen Legionen, und Markus Antonius Julianus, der Landpflegcr von Judäa. An diese schloffen sich die übrigen Statthalter und Kriegstribunen an, und Titus hielt nun mit allen Kriegsrat wegen des Tempels. Die einen meinten, man solle dem Kriegsrecht steten Lauf lassen; denn so lange der Tempel, dieser Sammelpunkt aller Juden, noch stehe, würden sie niemals aufhören, an Empörung zu denken. Andere äußerten ihre Ansicht dahin, daß man. wenn die Juden den Tempel räumten und niemand mehr zu seiner Verteidigung das Schwert ziehe, ihn erhalten, lvenn sie dagegen bei Widerstand beharrten, ihn verbrennen solle. Denn dann sei er eben eine Festung und kein Tempel. Auch würden im letzten Falle nicht die Römer sich einer Gottlosigkeit schuldig machen, sondern lediglich die, welche sie dazu genötigt hätten. Titus aber hielt dafür, man soll, selbst wenn die Juden vom Tempel herab sich wehren lvürden, seine Rache nicht an leblosen Dingen, statt an Mkckschenauslassen, und unter keinen Umständen ein so herrliches Bauwerk den Flammen preisgeben. Denn der Schaden treffe im Grunde ja die Römer, wie umgekehrt der Tempel, wenn er erhalten bleibe, eine Zierde des Reiches sein werde. Dieser Ansicht traten Fronto, Alexander und Ccrealis aufs Entschiedenste bei. Darauf entließ Cäsar die Versammlung und befahl den Offizieren, ihren Truppen Ruhe zu gönnen, damit sie in den kommenden Gefechten desto kräftiger losschlagen könnten; nur aus den Kohorten läs er eine bestimmte Anzahl Leute aus, die den Weg durch die Trümmer Hahnen und das Feuer löschen sollten. An jenem Tage wagten die Juden vor Ermattung und Bestürzung keinen Angriff. Am folgenden aber sammelten sie ihre Streitkräfte und machten mit frischem Mut um die 2. Stunde durch das östliche Tor einen Ausfall gegen die Wachen des äußeren Tempelhofes. Diese setzten dem Angriff nachdrücklichen Widerstand entgegen, und indem sie sich vorn mit ihren Schilden deckten, standen sie dicht gedrängt wir eine Mauer. Gleichwohl erkannte man, daß sie nicht 1) AuS dem „Jüdischen Krieg". 6. Buch, Kap. 1. lange würden standhalten können, da die Angreifer, ihnen an Zahl wie an Tollkühnheit überlegen waren. Der Cäsar jedoch, dex von der Antonia aus zusah, kam der ungünstigen Wendung des Gefechtes zuvor und eilte den Seinigen mit - einer auserlesenen Reitersck)ar zu Hilfe. Deren Angriff hielten die Juden nicht aus, sondern sie flohen, nachdem die Vordersten gefallen waren, größtenteils davon. So-; bald aber die Römer abgezogen waren, machten sie kehrt und! fielen ihnen in den Rücken; daraufhin wandten sich nun auch die Römerwieder um und schlugen ihre Gegner abermals in die Flucht, sodaß um die 5.- Stunde des Tages alle überwältigt und in das Innere des Tempels eingeschloffen waren. Titus zog sich hierauf in die Antonia zurück, entschlossen, am folgenden Tage in aller Frühe mit seiner ganzen Heeresmacht anzugreifen und den Tempel zu umzingeln. Uber diesen hatte jedoch Gott schon längst das Feuer verhängt, und es war endlich im Laufe der Zeiten der Unglückstag, der 10. de? Monats Loos, gekommen, an dem auch der frühere Tempel vom Babylonierkönig eingeäschert war; nur waren es diesmal die Einheimischen selbst, durch deren Veranlassung und Schuld er den Flammen zum Opfer fiel. Kaum nämlich hatte Titus sich entfernt, als die Juden nach kurzer Rast abermals gegen die Römer ausrückten. Hierbei kam es zum Handgemenge zwischen der Besatzung des Tempels und denjenigen Mannschaften, die das Feuer rn den Gebäuden des inneren Vorhofes löschen sollten. Als nun die letzteren den zurückweichenden Juden nachsetzten und bis zum Tempelhebäude vorgedrungen waren, ergriff einer der Soldaten, ohne einen Befehl dazu abzuwarten oder die schlveren Folgen seiner Tat zu bedenken, wie auf höheren Antrieb einen Feuerbrand und schleuderte ihn, von einem Kameraden emporgehoben, durch das goldene Fenster, wo man von Norden her in di« den Tempel umgebenden Gemächer eintrat, ins Innere. Sowie die Flammen aufloderten. erhoben die Juden, entsprechend der Größe des Unglücks, ein gewaltiges Geschrei und rannten, ohne der Gefahr zu achten oder ihre Kräfte zu schonen, von allen Seite« herbei, um dem Feuer zu wehren^ denn cs drohte unterzugehen, was sie bisher vor der äußersten zu bewahren , gesucht hatten. Ein Eilbote incldcte es dem Titus. Schnell sprang dieser von seinem Lager im Zelt, wo er eben vom Kampfe -ausruhte, auf und lief, wie er >var, zum Tempel hin, um dem Brande Einhalt zu tun — ihm nach die-sämtlichen Offiziere und die durch den Wirrwarr erschreckten Legionen. Wie bei der ungeordneten Beivegung einer solchen Menge leicht erklärlich, entstand nun ein fürchterliches, mit betäubendem Lärm untermischtes Getümmel. Der Cäsar wollte durch Schreien und Handbewegungen den Kämpfenden zu verstehen geben, man solle löschen: sie aber hörten sein Rufen nicht, da es von dem noch lauteren Geschrei der anderenübertöisNvurdc, und die Zeichen, die er mit der Hand gaj>, beachteten sie nicht, weil sie teils von der Aufregung des Kampfes, teils von ihrer Erbitterung völlig eingenommen waren. Keine gütlichen Vorstellungen, keine Drohungen vermochten den stürmischen Andrang der Legionen aufzuhaltcn: die Wut allein führte das Kommando. An den Eingängen kam es zu einem so schrecklichen Gedränge, daß viele von ihren Kameraden zertreten ivurden; viele auch jt gerieten auf die noch glühenden und rauchenden Trümmer - der Hallen und teilten so das Schicksal der Besiegten. In - die Nähe des Tempels gekommen, stellten sie sich, als hörten i sie nicht einmal die Befehle des Feldhcrrn, und schrien ihren Vordermännern zu, sie sollten Feuer in den Tempel werfen. Die Empörer hatten übrigens die Hoffnung, den Brand noch eindämmen zu können, völlig aufgegeben. Denn allenthalben wurden sie niedergemetzelt oder in die Flucht ge- ' trieben. Auch ganze Haufen von Bürgern, lauter schwache, wehrlose Leute, fielen, wo der Feind sie traf, dem Schwert! zum Opfer. Besonders um den Altar her türmten sich die > j Toten'in Masse auf: stromweise floß das Blut an seinen! Stufen, und dumpf rollten die Leichen derer, die oben avf i ihm ermordet wurden, an seinen Wänden herunter.